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WM 2014: Brasiliens Party mit Beigeschmack

Vor dem WM-Auftakt kam es zu gewaltsamen Protesten. Dann profitierte die Seleção beim 3:1-Sieg über Kroatien von einer krassen Fehlentscheidung. Die Neymar-Show bejubelte dennoch ein ganzes Land.

Von Nils Kemter

Zwei Finger reckte Fred in den Abendhimmel von São Paulo und dankte höheren Mächten. Es lief die 69. Spielminute, als der brasilianische Stürmer im WM-Auftaktspiel gegen Kroatien zuvor zum einzigen Mal in Erscheinung getreten war. Einen Pass von Teamkollege Oscar nahm Fred im Strafraum an, nach einer leichten Berührung durch den Kroaten Dejan Lovren sank er zu Boden. Dass der japanische Schiedsrichter Yuichi Nishimura anschließend auf den Elfmeterpunkt zeigte, schien tatsächlich ein Geschenk Gottes. Superstar Neymar verwandelte den Strafstoß zur 2:1-Führung (71.) für die ordentlich ins Wanken geratenen Brasilianer, in der Nachspielzeit erhöhte Oscar sogar zum schmeichelhaften 3:1-Endstand (90+1.).

Kein Wunder, dass der kroatische Coach Niko Kovac nach der Partie kaum zu halten war. "Wir hören besser auf und fahren nach Hause. Das Fifa-Logo ist Respekt, Respekt für beide Teams. Wir haben heute keinen erfahren", schimpfte der frühere Bundesliga-Profi. "Jeder im Stadion und zweieinhalb Milliarden vor den Fernsehern haben gesehen, dass das kein Elfmeter war." Hatten sie tatsächlich, nur Nishimura, der die Situation von seiner Position aus gar nicht hatte einsehen können, war an diesem Abend der spielentscheidende Mann. Das habe "etwas damit zu tun, dass wir in Brasilien spielen, beim Favoriten", echauffierte sich Kovac.


Fans rührten die Spieler zu Tränen

"Hexacampeão", der sechste WM-Titel, soll es für Brasilien beim Heimturnier werden. Doch die topfavorisierte Seleção verbreitete gegen überraschend starke Kroaten nur selten Angst und Schrecken. Mit einer farbenprächtigen sechs Millionen Euro teuren Show hatten die Gastgeber zuvor das Turnier eröffnet. Auf einer im Ball enthaltenen Bühne standen Sängerin Jennifer Lopez, der Rapper Pitbull und die brasilianische Sängerin Claudia Leitte. Das Trio sang den offiziellen WM-Song "We are one" und war dabei in grün, gelb und blau gekleidet - die Farben der brasilianischen Fahne. Vor dem Anpfiff rührten die brasilianischen Fans einige Spieler und auch Präsidentin Dilma Rousseff zu Tränen. Nachdem die Musik zur Nationalhymne verstummt war, sangen Zehntausende in der WM-Arena die Hymne "a cappella" enthusiastisch weiter.

Doch was sich in der Anfangsphase der Partie auf dem Rasen abspielte, hatte so gar nichts von Samba-Zauber und heißen Rhythmen. Die Kroaten waren es, die nach sieben Minuten durch den Wolfsburger Ivica Olic schon hätten in Führung gehen können. Nur vier Minuten später beförderte Verteidiger Marcelo den Ball ins eigene Tor und sorgte in einem ganzen Land für Schockstarre.

Neymar machte den Unterschied

Einzig Neymar, der bei jedem Ballkontakt frenetisch gefeiert wurde, zeigte hin und wieder seinen Zauberfußball. Es war die logische Folge, dass der Hoffnungsträger Brasiliens nach 29 Minuten mit einem platzierten Schuss aus 20 Metern für den 1:1-Ausgleich sorgte. Dass der Kroate Nikica Jelavic kurz zuvor per Kopf schon auf 2:0 hätte stellen können und auch Luka Modric nach dem Elfmetertor Neymars noch die Chance zum 2:2-Ausgleich (86.) hatte, half den tapfer kämpfenden Kroaten nicht. Sie blieben trotzdem ebenbürtiger Leistung ohne Lohn.

"Die ganze Arbeit hat sich nicht ausgezahlt, obwohl wir so toll gespielt haben", klagte auch Ivan Rakitic. Doppeltorschütze Neymar hingegen störte das glückliche Zustandekommen des Erfolgs nicht. "Ich hatte einen Sieg erwartet. Ein WM-Auftakt mit zwei Toren, das ist ein großes Glück", sagte der Matchwinner. Auch Wolfsburg-Profi Luiz Gustavo jubelte: "Der Sieg bedeutet sehr viel. Er gibt uns etwas Ruhe für die nächsten Spiele."

Gewaltsame Proteste bis kurz vor Anpfiff

Ruhe, die es bis wenige Stunden vor dem Anpfiff in dem gespaltenen Land nicht gegeben hatte. Noch am Mittag vor der Partie waren WM-Gegner und Polizisten in mehreren Städten aneinander geraten. In Belo Horizonte setzten Sicherheitskräfte Gummigeschosse und Tränengas gegen Demonstranten ein. Die Randalierer bewarfen Polizisten mit Steinen und zerstörten Fenster einer Bankfiliale. In Rio führte ein Marsch von WM-Gegnern direkt zum Fanfest an der Copacabana. Auch in Porto Alegre wurden Proteste und Ausschreitungen gemeldet. Randalierer warfen ein Polizeiauto um. Die heftigsten Konfrontationen gab es in der Eröffnungsstadt São Paulo, wo zehn Menschen verletzt wurden.

Doch die Seleção ließ die Protestler mit dem 3:1-Sieg zumindest vorübergehend verstummen. Ein Land feierte auf den Straßen Rios und São Paulos ausgelassen den ersten Schritt der Titelmission. Nicht weniger als sechs weitere Siege bis zum Finale am 13. Juli erwartet die Bevölkerung von Neymar und Co. nun.

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