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Wiechmanns WM-Kolumne: Brasilien vor der WM: Fußball ja, Zuschauer nein

WM-Fieber kommt in Brasilien kaum auf. Die Leute reden über Missstände und Korruption. Fußball aber ist Nebensache. Wer ins Stadion geht, hat auch schon mal eine ganze Tribüne für sich allein.

Von Jan-Christoph Wiechmann

Es ist derzeit nicht ganz leicht, ins WM-Fieber zu geraten. Die Brasilianer reden in erster Linie darüber, was alles schief läuft. Sie reden über die hohen Kosten der Stadien und die schlechte Planung, sie reden über den korrupten Verband. Am besten für richtiges Fußballfieber könnte ein Lokalderby im legendären Maracaná-Stadion sein, dachte ich. Botafogo gegen Flamengo. Zwei Traditionsclubs. Der Clássico.

Zum Spitzenspiel von Rio de Janeiro kamen gerade mal 12.000 Zuschauer. Eigentlich waren es nur 9000, aber 3000 durften netterweise umsonst rein. Damit war das berühmteste Stadion der Welt zu 15 Prozent gefüllt. Man kann getrost sagen: Der Clássico hatte sich etwas verlaufen. Das frisch renovierte Maracaná mit seinen gelben, blauen und weißen Sitzen sah aus wie ein nettes Kunstprojekt, eine gigantische gekachelte Badewanne.

Tickets kaum erschwinglich

So ein leerer Clássico in Rio hat auch seine Vorteile. Man hat als Zuschauer eine Tribüne für sich und auch ein paar Ordner. Man hat quasi seine Privatordner.

Zudem wird man auf den Großbildschirmen ständig von der Kiss Camera eingeblendet, auch wenn man keine Frau zum Küssen dabei hat. Man kann aufstehen und einfach mal so "Werder Bremen" rufen, und jeder im Maracaná hört einen. Das ist auch mal ganz nett.

Die billigsten Tickets für den Clássico kosteten 80 Reais, etwa 25 Euros. Wenn eine Familie aus der Mittelklasse ins Maracaná geht, ist das Monatsgehalt weg. Die Mittelklasse beginnt in Brasilien bei einem Monatsgehalt von 350 Reais und einem Cent, gut 100 Euro. Vielleicht ist das ein Grund, warum keine Familien mehr ins Stadion gehen. Vielleicht ist es auch der Grund, warum keiner der treuen Fußballfans aus den Favelas ins Maracaná gehen kann. Das Maracaná war mal das "Stadion des Volkes".

350 Zuschauer bei Liga-Spielen

9000 zahlende Zuschauer sind in der fußballverrückten Stadt Rio derzeit eine Menge. Zu Botafogos voriger Partie gegen Audax kamen 481 Zuschauer. Wenn man es positiv sieht, hat der Clássico also eine Zuschauersteigerung von 2000 Prozent gebracht. Das ist keine ganz schlechte Zahl, wenn man sich in ein WM-Fieber hineinreden will.

481 Zuschauer sind aber wiederum 131 mehr als bei Flamengos vorigem Spiel gegen Bonsucesso. Da kamen 350. Die Einnahmen betrugen 11.710 Reais, gab der Verein bekannt, weniger als 4000 Euro. Die Zeitungen hier in Rio machen sich einen Spaß daraus, was sich der Verein von 11.710 Reais so leisten kann. Einen gebrauchten VW Golf aus dem Jahr 1993 zum Beispiel. Aber nur einen kleinen, einen GL 1.8. Und nur einen mit Motorproblemen.

Spott in den Medien

Die Zeitungen machen sich noch mehr Spaß daraus, was diese 350 Zuschauer sonst so füllen. Die Party in einer 75 Quadratmeter großen Wohnung zum Beispiel. Oder eine Boeing 747. Oder einen Wagon der lokalen U-Bahn.

Im Durchschnitt kommen im Fußballland Brasilien etwa 5000 Leute in die Stadien. Das ist weniger als in der Fußballprovinz USA oder in der 4. deutschen Liga oder in Russland beim Eisbaden. Nichts gegen Eisbaden. Das hat auch seinen Reiz.

WM-Arena bald ein Gefängnis?

Der Clássico von Rio de Janeiro ist nicht so weit entfernt von den Clássicos meiner Kindheit, 9. Liga, Kreisliga B, SV Garbenteich 1928 gegen SV Dorf-Güll. Mit Alkoholverzehr und Eisverkauf kam man bei den Einnahmen auch auf 4000 Mark, vor allem wenn es neuen Äppelwoi gab. Und das war 1979. Vielleicht ist das jetzt eine steile These, aber inflationsbereinigt könnten es die Clássicos bei uns im Dorf gut mit den Clássicos von Rio de Janeiro aufnehmen.

Die WM-Stadt Manaus kann da nicht mithalten. Weder mit Rio noch mit der 9. deutschen Liga. Dort rechnet man für die Zeit nach der WM mit durchschnittlich 200 Zuschauern. Manaus’ Clubs spielen in der 4. Liga, es kann aber auch die 5. oder 6. Liga sein. Es gibt jedenfalls schon eine Idee für die Nutzung der brandneuen, 42.000 Zuschauer fassenden Arena Amazonia nach der WM. Man könnte sie – schlagen Politiker vor - in ein Gefängnis verwandeln.

Von Jan-Christoph Wiechmann / print

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