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Wiechmanns WM-Kolumne: Deutschland ist nicht der Wunschgegner der Brasilianer

Unter Brasilianern gilt Deutschland als stärkster Konkurrent bei der WM im eigenen Land. Aber für das Finale wünschen sie sich einen anderen Gegner.

Von Jan-Christoph Wiechmann

Wer Brasilianer nach ihrem WM-Favoriten fragt, erhält die nicht ganz überraschende Antwort: Brasilien. Fragt man nach dem größten Konkurrenten, so fällt die Antwort schon überraschender aus: Deutschland.

Der größte Wunsch der Brasilianer aber ist nicht ein Finale gegen Deutschland. Auch nicht gegen den Erzrivalen Argentinien. Am liebsten hätten sie Uruguay. Das wäre perfekt, sagt etwa der Schriftsteller Rafael Cardoso.

Cardoso kommt aus Rio de Janeiro, wir trafen uns in einem schummrigen Café. Wie alle brasilianischen Schriftsteller ist auch Cardoso Fußballexperte. Wie alle Brasilianer erinnert er sich noch genau ans entscheidende Spiel gegen Uruguay, 1950, obwohl er da noch nicht geboren war.

Das größte Trauma in Brasiliens Geschichte

Die 1:2-Niederlage im heimischen Stadion Maracaná vor etwa 200.000 Zuschauern ist so etwas wie das größte Trauma der brasilianischen Geschichte. Schriftsteller nannten es - etwas überhöht - "unser Hiroshima". Das Leben kam zum Erliegen. Fans begingen Selbstmord. Die nationale Tragödie bekam den Titel "Maracanazo", der Schock von Maracaná.

Torwart Barbosa galt fortan als Verräter, obwohl ihn beim entschei-denden Gegentor keine Schuld traf. Er durfte nie wieder ein Trainingslager besuchen, damit er den Erfolg der Nationalmannschaft ja nicht gefährde. Um die bösen Geister loszuwerden, verbrannte er den Pfosten des Stadions und grillte auf der Kohle ein Steak. Später sagte er: "In Brasilien ist die Höchststrafe 30 Jahre Gefängnis, wegen Mordes. Ich bezahle seit 44 Jahren für ein Verbrechen, das ich nicht beging."

Ein Sieg gegen Uruguay bei der WM 2014 im Maracaná, so die Theorie, könnte die Nation endlich von all dem befreien, 64 Jahre später.

Cardoso wünscht sich ein 2:1

Welches Ergebnis er sich wünsche, fragte ich Cardoso. 2:1, sagte er. Es würde Brasilien wachrütteln. Es würde die Menschen aufbringen gegen die Korruption, die Kommerzialisierung, die dubiosen Machenschaften der Elite.

Brasilien, sagte er, habe aus völlig falschen Gründen Milliarden in diese WM gepumpt: um Wähler zu manipulieren, um Prestige zu gewinnen, um fragwürdige Geschäfte vor allem mit der Bauindustrie zu machen. "Nichts was mit Fußball oder Sportsgeist zu tun hat."

Ein läppisches 2:1 für Brasilien könnte das alles in Frage stellen, fragte ich.

Nicht für Brasilien, sagte er grinsend. Für Uruguay.

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