HOME

Stern Logo WM 2018

Wiechmanns WM-Kolumne: Für Ricardo wird die WM eine riesige Party

Aus den großen brasilianischen Städten hört man wenig Positives zur WM. Auf dem Land ist die Begeisterung über das Turnier dagegen riesig. Plantagen-Arbeiter freuen sich auf eine große Sause.

Die größte WM-Begeisterung spürt man nicht in São Paulo oder Rio de Janeiro. Auch nicht im Hauptquartier der Fifa oder den Favelas, sondern auf dem Land. Zum Beispiel in Colorado. Nah der Grenze zu Paraguay.

Colorado ist Brasiliens Rodeo-Hauptstadt. Sie könnte auch als Hauptstadt der WM-Begeisterung durchgehen. Der Bäcker Valerio schmückt seinen Laden schon mal grün-gelb, er will gleich drei Fernseher für seine Kunden aufstellen. Die Schule hat den Lehrplan geändert und gibt den Schülern vier Wochen lang WM-frei. Die Schüler würden sowieso nicht kommen, sagt eine Lehrerin. Und auf den Zuckerrohrfeldern endet der Arbeitstag demnächst um 13 Uhr. Dann beginnen die ersten Spiele.

Keine WM-Gegner auf dem Land

Auf einer der Plantagen traf ich den Feldarbeiter Ricardo. Er stand schweißgebadet zwischen dem Zuckerrohr, mit Machete und Strohhut und einer Sonnenbrille, die an die von amerikanischen Elitesoldaten erinnerte. Ricardo hat sich mehrere Male für Tickets beworben, selbst für ein Spiel wie Mexiko gegen Kamerun in Natal, 3000 Kilometer entfernt.

Er verdient 250 Euro im Monat. Ein einziges Spiel hätte ihn diese 250 Euro gekostet. Aber er wollte einmal dabei sein. Eine WM im eigenen Land - das war es ihm wert.

52 Prozent der Brasilianer sollen nach Umfragen inzwischen gegen die WM sein. Hier auf dem Land findet sich nicht ein einziger Gegner.

"Ich bin fürs Feiern"

Ein Ticket hat Ricardo nicht bekommen. Fast alle Spiele sind inzwischen ausverkauft in diesem fußballverrückten Land. Da soll ihm keiner sagen, das wird keine tolle WM. Er hat da einen Verdacht. Das Ganze läuft wie immer in Brasilien. Wenn es erst mal los geht, wird es eine riesige Party.

Er sagt es so: "Die Kuh ist tot. Wir haben für diese WM 10 Milliarden Euro aus dem Fenster geworfen. Das ist schlecht. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Mann kann diese tote Kuh anschauen und sich beschweren, dass sie tot ist. Oder man kann aus ihr ein Churrasco machen, also eine tolle WM feiern. Ich bin fürs Feiern."

Von Jan-Christoph Wiechmann / print

Wissenscommunity