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Wiechmanns WM-Kolumne: Wie eine Netz-Community Preiswahn in Rio bekämpft

Rio de Janeiro ist eine der schönsten Städte der Welt - aber auch eine der teuersten. Ein Burger kostet gerne mal 30 Euro. Die Kampagne "Rio Surreal" stellt auf Facebook die absurdesten Preise vor.

Von Jan-Christoph Wiechmann

Für alle, die noch zur WM wollen, hätte Pablo Travassos ein echtes Schnäppchen. Er vermietet seine Wohnung in Rios Stadtteil Cachambi für 4000 Euro. Sie liegt zwar nicht gerade in einer begehrten Gegend. Sie bietet auch nicht mal Platz für zwei Personen. Aber es ist eine Wohnung. Vier Wände, Türen, ein Bett.

Auf Nachfrage sagt Pablo: "Das ist durchaus marktgerecht. Die WM hat eben ihren Preis." Besser kann man es nicht sagen. Während der WM nimmt Pablo Travassos mal so eben den zehnfachen Preis. Nahe dem Stadion Maracaná kostet eine Zweizimmerwohnung sogar 12.000 Euro. Im Stadtteil Tijuca wird ein Apartment für 25.000 Euro angeboten.

Facebook-Seite gegen absurde Preise

Man kann es natürlich auch so wie David Beckham machen und kauft sich für eine Million Reais, umgerechnet etwa 300.000 Euro, ein Haus in einer Favela mit Blick auf den Atlantik. Da hat man gleich noch was für sein Image getan.

Die erfolgreichste Kampagne der Stadt ist derzeit "Rio Surreal". Beim Surreal handelt sich um eine Parallelwährung zum brasilianischen Real. Auf den Banknoten ist Salvador Dali abgedruckt. Die Menschen zahlen mit dem Surreal, wenn ihnen die Preise wieder mal absurd erscheinen. Eigentlich sind hier fast alle Preise absurd außer denen für Bananen und Tapiokamehl. Ein Hamburger im Stadtteil Leblon wird für 30 Euro angeboten. Eine schlechte Pizza in Ipanema für 28 Euro. Die Cariocas, die Einwohner Rios, machen Fotos von den Preisschildern und stellen sie auf die Facebook-Seite "Rio Surreal. Nao pague" – Bezahlt nicht.

Keine Stadt ist schöner und teurer als Rio

Rio de Janeiro ist eine der teuersten Städte der Welt. Im Index der Weltstädte mit den teuersten Übernachtungen liegt sie wahlweise auf Platz eins oder zwei. Das mag auf den ersten Blick nicht überraschen. Keine Stadt ist schöner - mit ihren unzähligen Buchten, Hügeln und Regenwäldern. Überraschend sind die Preise eher, weil viele Dinge hier nicht besonders gut funktionieren: Nahverkehr, Gesundheitsversorgung, Schulen.

Will man Pablos Angebot nicht wahrnehmen, gibt es übrigens eine Alternative. Man kann für die Zeit der WM nach Rocinha ziehen, in eine Favela. Da kostet ein Bett nur 50 Euro am Tag. Die Vermieterin sagt, ein Hochbett sei noch frei - im Zimmer mit sieben Fußballfans aus England.

Von Jan-Christoph Wiechmann / print
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