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Kroatiens Präsidentin: Wer ist die Frau, die die Herzen der Fußballwelt eroberte?

Sie fieberte auf der Tribüne mit, strich Macron übers Haar und herzte Fußballer im strömenden Regen: Kroatiens Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic hat beim WM-Finale weltweit Herzen erobert. In der Heimat ist nicht jeder von ihrer Art begeistert.

Kolinda Grabar-Kitarovic, die Präsidentin Kroatiens, steht im kroatischen Trikot da und tröstet Luca Modric

Manchmal zeigt die Natur ihr dramaturgisches Talent: Die Kroaten hatten gerade das WM-Finale verloren, sollten sich auf der Bühne im Luschniki-Stadion ihre Medaille für den zweiten Platz abholen, da öffnete der Himmel in Moskau seine Schleusen. In Sturzbächen regnete es auf eine sichtlich niedergeschlagenen Mannschaft um Superstar Luka Modric nieder. Besonders dessen Laune konnte auch die Auszeichnung als bester Spieler des Turniers nicht aufhellen. 

Das spürte auch Kroatiens Staatschefin Kolinda Grabar-Kitarovic, die in der Händeschüttel-Reihe stand, und den schmächtigen Modric herzlich in den Arm nahm. Sekundenlang drückte sie ihn an sich, streichelte ihm fast mütterlich den Kopf und sprach mit Tränen in den Augen auf ihn ein. Im Netz avancierten die Bilder sofort zum Renner, Wellen der Sympathie schlugen Grabar-Kitarovic entgegen. 

Die kroatische Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic tröstet Luca Modric nach dem verlorenen WM-Finale

Die kroatische Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic tröstet Luca Modric nach dem verlorenen WM-Finale

AP / DPA

Kolinda Grabar-Kitarovic erobert Herzen während WM

Die Bilder waren der emotionale Höhepunkt einer Präsidentin, die in den vergangenen zwei Wochen eigentlich nur mit Fußball-Trikot zu sehen war. Der eigentliche Dresscode soll von den Gästen auf der Ehrentribüne eher Anzug oder Kleid gefordert haben, munkelt man in WM-Kreisen. Dazwischen schimmerte das rot-weiße Trikot von Grabar-Kitarovic doppelt auffällig. Nach der Dänemark-Partie ließ sie es sich nicht nehmen, die verschwitzten Helden in der Kabine zu besuchen und reihum zu drücken. Beim Spiel gegen Russland führte sie in der Ehrenloge ein kleines Siegestänzchen vor Russlands Premier Dimitrij Medwedjew auf. Auf ihrer Facebook-Seite postete sie während des Turniers ein Bild, das sie als normale Passagierin beim Fliegen in einer Linienmaschine zeigt - die Botschaft: Ich fliege Economy Class, wie jeder Fan.

Vatrena atmosfera od ranog jutra 🔥🇭🇷 Idemo po pobjedu ⚽️🏆

Gepostet von Kolinda Grabar-Kitarović am Sonntag, 1. Juli 2018

Nicht jedem gefallen ihre Auftritte. In einem Gastbeitrag für die "Welt" schrieb der serbokroatische Schriftsteller Danko Rabrenovic, ihr Verhalten sei bereits nach dem Halbfinale "peinlich" gewesen. Sie wolle "politische Punkte sammeln, indem sie in der VIP-Loge jedem um den Hals fiel, der sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen konnte. Von der Bundeskanzlerin und anderen Staatschefs bin ich etwas anderes gewohnt“. 

Auch in der Heimat ist man nicht immer von ihrem Elan begeistert. Sie hat als Präsidentin eigentlich hauptsächlich repräsentative Aufgaben, doch auch politisch mischt sie sich ein - und äußert sich zu aktuellen politischen Fragen. So kritisierte sie 2015 Angela Merkel für ihre Flüchtlingspolitik. Mehreren Politikern stößt das auf, sie wollen eine neutrale Präsidentin.

Vielen Fans war das egal. Spätestens während des WM-Finales eroberte sie die Herzen der (Fußball-)Welt, gerade weil sie so emotional war. Nicht nur, dass sie den Superstar ihres Teams rührend tröstete. Sie drückte, küsste und herzte auch alle anderen Spieler ihrer Mannschaft - und beglückwünschte die siegreichen Franzosen ebenso herzlich. Irgendwann war sie so in ihrem Knuddelwahn aufgegangen, dass sie sogar die Schieds- und Linienrichter in den Arm nahm. Außerdem schien ihr - anders als Wladimir Putin - der Regen überhaupt nichts auszumachen: klitschnass und fröhlich lachend stand sie da. Zuvor hatte sie bereits ausgelassen auf der Ehrentribüne gefeiert. In einer Szene strich sie dem französischen Präsidenten übers Haar, der das Spiel nicht weniger euphorisch verfolgte

Der russische Präsident Wladimir Putin steht bei der WM-Siegerehrung im strömenden Regen als einziger unter einem Schirm

Grabar-Kitarovic präsentiert sich gern als Mutter der Nation

Grabar-Kitarovic entstammt keiner Politikerfamilie - aber sie arbeitete stringent auf ihre eigene politische Karriere hin: 1968 kam sie als Tochter eines Metzgers im damals noch jugoslawischen Rijeka zur Welt. Sie studierte Anfang der 90er-Jahre Englisch und Spanisch auf Diplom sowie später im Aufbaustudium Deutsch. Zusätzlich wurde sie an der Diplomatische Akademie Wien ausgebildet und machte ihren Politikwissenschaften-Master im Fach Internationale Beziehungen.

Später wurde sie Botschafterin in den USA und Außenministerin. Zudem hatte sie eine führende Position in der Nato. 2015 wurde sie äußerst knapp und per Stichwahl Staatspräsidentin Kroatiens. Sie ist seit 1996 verheiratet und hat eine Tochter (geboren 2001) und einen Sohn (2003). Politisch predigt sie gern gern konservative Werte von Vaterland und Familie, ihr Privatleben zeigt aber, wie wenig traditionell sie dabei denkt: Ihr Ehemann lässt ihrer Karriere zuliebe seine Professur an der Fakultät für Seefahrt in Rijeka ruhen und kümmert sich um die beiden Kinder.

Bis 2015 war Grabar-Kitarovic aktive Politikerin, war Mitglied in der Kroatischen Demokratischen Union (HDZ), einer nationalkonservativen bis christdemokratischen Partei. Um das Präsidentenamt zu übernehmen, trat sie aus der Partei aus. Jetzt spielt sie auf der großen Bühne für Kroatien, reist zum Nato-Gipfel, wie in der vergangenen Woche, oder herzt eben die Nationalspieler nach dem WM-Finale. So lange sie das Trikot nicht auch zum nächsten Staatstreffen anzieht, werden ihr wohl die meisten Kroaten nach dieser famosen WM jede vielleicht übertriebene Emotionalität verzeihen.

Kolinda Grabar-Kitarovic, die Präsidentin Kroatiens, steht im kroatischen Trikot da und tröstet Luca Modric
fin/feh
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