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DFB-Team gegen Liechtenstein Flicks Plan funktioniert nicht – auf zur Gruppentherapie

War mit dem Auftritt des DFB-Teams gegen Liechtenstein nicht ganz glücklich: Neu-Bundestrainer Hansi Flick
War mit dem Auftritt des DFB-Teams gegen Liechtenstein nicht ganz glücklich: Neu-Bundestrainer Hansi Flick
© Alexander Hassenstein / Getty Images
Das mühevolle 2:0 gegen Liechtenstein zeigt, dass der neue Bundestrainer Hansi Flick vor allem als Pädagoge gefragt ist: Er muss einer tief verunsicherten Mannschaft helfen, wieder an sich selbst zu glauben – denn die Last der Ära Löw wiegt noch immer schwer.
Große Fußballer haben meist ein gnädiges Langzeitgedächtnis. Niederlagen, Fehlschüsse, Schmähgesänge der Fans – all dies ist lediglich für einen Moment gespeichert, zumal sich ständig neue Gelegenheiten bieten, die Pleite von gestern mit einem glanzvollen Sieg von heute vergessen zu machen.
Bei der deutschen Nationalmannschaft ist dies anders. Nach der missratenen Europameisterschaft, die für das DFB-Team bereits nach dem Achtelfinale beendet war, hoffte man, mit einem Trainerwechsel von Joachim Löw zu Hansi Flick eine neue Ära einleiten zu können. Flick sollte mit seinem Optimismus und seinem Elan die Mannschaft mitreißen und so die Erinnerungen an das frustrierende EM-Turnier tilgen.

Der schöne Plan funktioniert nicht

Das war die Idee. Ein schöner Plan, der jedoch nicht funktioniert, wie das Spiel der Deutschen gegen Liechtenstein am Donnerstagabend gezeigt hat. Im WM-Qualifikationsspiel gegen den Fußballzwerg quälte sich Flicks Mannschaft zu einem 2:0. Phasenweise spielte sie so, als stünde noch immer Joachim Löw am Spielfeldrand: mutlos, ohne Esprit, ohne Glauben an sich selbst.
Die Last der letzten Jahre unter Löw wiegt offenbar schwer. Sie lässt sich nicht so einfach abschütteln mit einem neuen Trainer, selbst gegen Liechtenstein nicht, die Nummer 189 der Weltrangliste, eingerahmt von Bangladesch (Platz 188) und Brunei Darussalam (Platz 190). Diese Erkenntnis kommt für Flick überraschend, hatte er doch in den vergangenen Tagen immer wieder das "enorme Potenzial" und "die große Klasse" seines Teams hervorgehoben. Nach dem Liechtenstein-Spiel stellte Flick ernüchtert fest, dass man "einen langen Weg" vor sich habe. "Man merkt, dass diese Mannschaft noch nicht das Vertrauen hat, dass sie Tore machen kann."

Das DFB-Trikot scheint Spieler zu hemmen

Flick hat nicht übertrieben, als er die spielerische Qualität seines Teams lobte. Die Nationalmannschaft ist gespickt mit Spielern, die bei europäischen Topvereinen wie Manchester City, Chelsea oder dem FC Bayern tragende Rollen einnehmen. Bloß sobald sie das DFB-Trikot überstreifen, scheinen sie gehemmt, mitunter sogar blockiert. Bestes Beispiel dafür ist Ilkay Gündogan, der im Sommer englischer Meister mit ManCity wurde und auch jetzt wieder zu den Leistungsträgern im Team von Pep Guardiola zählt. In der Nationalmannschaft glückte ihm während der EM wenig – und auch gegen Liechtenstein blieb Gündogan blass. Dabei hätte man gerade von ihm, dem technisch Begnadeten, erwarten können, dass er die Abwehr des Gegners durcheinanderwirbelt und seine Mitspieler in Szene setzt. "Geduld und Präzision" habe gefehlt, bemängelte Gündogan nach dem Schlusspfiff und richtete diese Worte wohl vor allem an sich selbst.
Bundestrainer Hansi Flick
Mit dem Liechtenstein-Spiel ist klar geworden, dass die Mannschaft Hansi Flick vor allem in der Rolle eines Therapeuten benötigt. Das letzte Drittel der Ära Löw, das Scheitern bei der WM 2018 in der Vorrunde, das 0:6 gegen Spanien, die 1:2-Niederlage gegen Nordmazedonien, die EM 2021 – all dies hat sich eingebrannt ins kollektive Gedächtnis der Mannschaft. Das berühmte Gary-Lineker-Zitat, wonach beim Fußball 22 Männer dem Ball nachjagen und am Ende immer die Deutschen gewinnen, gilt schon lange nicht mehr. Vom Stolz und Selbstbewusstsein, das sich auf der gewonnenen Weltmeisterschaft 2014 gründete, ist im DFB-Team nichts mehr übrig.

Aufstellung soll Vergangenheit vertreiben

Mit seiner Aufstellung gegen Liechtenstein hat Flick gezeigt, wie er die Schatten der Vergangenheit zu vertreiben versucht: mit jungen, unbelasteten Kräften wie Jamal Musiala, Ridle Baku oder Florian Wirtz, die viele der alten Geschichten nur aus dem Fernsehen kennen.
Viel Zeit für seine Gruppentherapie bleibt Flick nicht. Der Terminplan ist dicht, bis Mitte November stehen noch sechs WM-Qualifikationsspiele an. Gleich am Sonntag geht es weiter mit dem Heimspiel gegen Armenien in Stuttgart. Eine neue Chance, sich von der Last der Geschichte zu befreien. Ein wenig jedenfalls. 
tkr

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