1:29,63 Minuten. So lange dauert es, von der Königin zur Göttin zu werden. Mit dieser Zeit holte Lindsey Vonn im Dezember in St. Moritz ihren ersten Weltcupsieg nach sieben Jahren. Und machte damit das möglich, was viele für unmöglich gehalten hatten: Die Ruheständlerin kehrte zurück an die Weltspitze. Ihr Fabellauf machte Experte Felix Neureuther so dermaßen fassungslos, dass er mit Superlativen nur so um sich warf und die Speedqueen kurzerhand in den Status der "Göttin" hob.
Auch bei den Olympischen Spielen wird Vonn Übermenschliches leisten müssen.
Es wäre nicht Lindsey Vonn, würde es nicht kurz vor den vielleicht wichtigsten, sicher aber emotionalsten Rennen ihres Lebens, noch einmal dramatisch werden. Im letzten Rennen vor den Olympischen Winterspielen, eine Woche vor den Rennen, für die sie überhaupt nur zurückgekommen ist, ist passiert, was schon oft passiert ist. Sie hat sich verletzt. Aber für eine letzte Chance auf Olympiagold ist sie bereit, alles zu riskieren. Auch ihr Knie.
Unerwartete Rückkehr
Als Vonn nach knapp sechs Jahren ihr Comeback ankündigte, erklärten sie viele für verrückt, lebensmüde, aufmerksamkeitsgeil. Ein Psychiater wurde ihr nahegelegt. Eine Rückkehr in die Weltspitze nach so langer Zeit, in dem Alter, noch dazu mit Teilprothese im Knie? Viele hielten das für komplett ausgeschlossen. Vonn nicht.
Vonns Rücktritt 2019 war eine Vernunftentscheidung. Der Körper, geschunden von jahrelangem Raubbau, war verschlissen. Unzählige Brüche, Prellungen, Risse und allein neun Operationen am Knie forderten ihren Tribut. Sie ging nach einer glanzlosen Saison, geprägt von Stürzen und Tränen. Ein unwürdiger Endpunkt einer großen Karriere.
Lange sah es so aus, als sollte das so bleiben. Mit Ende 30 humpelte die einstige Speedqueen durch ihr Leben. Selbst kleine Wanderungen waren für sie nicht zu bewältigen, die Schmerzen zu groß. An ein Comeback war nicht zu denken. Erst die Entscheidung zu einer neuerlichen Knieoperation veränderte alles. Zwei Monate nach dem Eingriff spürte sie, dass es möglich ist, zurückzukehren. Dahin, wo sie nie wegwollte – auf die Rennpiste.
Bei ihrem Comeback-Rennen neun Monate später wurde sie auf Anhieb 14.. Beim Saisonabschluss in Sun Valley stand sie erstmals wieder auf dem Treppchen. Spätestens da, hatte sie auch die letzten Kritiker verstummen lassen.
Cortina d'Ampezzo, der Sehnsuchtsort
Dabei muss Lindsey Vonn niemandem mehr etwas beweisen. Sie hat so gut wie alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Im Weltcup dominierte sie jahrelang, brach Rekorde. Vier Mal holte sie den Gesamt-Weltcup, ist Weltmeisterin und Olympiasiegerin. Oft wurde ihr ein Gold-Wahn unterstellt, ein Überehrgeiz, der an Besessenheit grenzt. Aber Vonn ist nicht mehr da, wo sie vor sieben Jahren war.
Der Weltcup-Rekord von Ingemar Stenmark, den sie lange vergebens jagte, wurde vom neuen Ski-Superstar Mikalea Shiffrin längst pulverisiert und Vonns Ziele haben sich verschoben. Diese Olympischen Spiele sind wohl ihre letzte Möglichkeit, ihr Karriereende neu zu schreiben – in Cortina d'Ampezzo, ihrem Sehnsuchtsort. Auf ihrer Lieblingspiste, auf der sie schon so oft gewonnen hat. Für einen anderen Ort wäre sie wohl, so erzählt sie es, nicht wiedergekommen. Nach den Winterspielen will sie ihre Skikarriere endgültig beenden. Spätestens nach der Saison, falls sie Chancen auf eine Kugel hat. Sagt sie.
Die Mission Impossible der Lindsey Vonn
Wo Lindsey Vonn ist, ist das Drama – beruflich wie privat. Der Bruch mit dem Vater, der öffentliche Rosenkrieg mit Ex-Mann Thomas Vonn, das Zerwürfnis mit Maria Riesch, der medienwirksame Wunsch bei den Männern antreten zu dürfen. Lindsey Vonn polarisiert. Sie liebe den großen Auftritt, die Aufmerksamkeit, wird ihr nachgesagt. Als sie im letzten Rennen, nur eine Woche vor den Winterspielen in Crans-Montana, stürzte, erst noch selbst ins Ziel rutschte, dann aber doch mit dem Helikopter abtransportiert wurde, vermuteten manche dahinter nichts weiter als eine Show-Einlage vor ihrem großen Olympia-Happy-End.
Olympia-Gold in Cortina d'Ampezzo wäre dieses Happy End. Mit dieser Strecke verbindet Vonn eine langjährige Freundschaft. 2002 stand sie dort zum ersten Mal am Start. Einige ihrer Konkurrentinnen jetzt waren da noch nicht einmal geboren. Insgesamt zwölf Mal gewann sie auf der Strecke. Dem "Times Magazine" sagte sie im Oktober, dass sie nicht wisse, wie zufrieden sie wäre, wenn sie dort keine Medaille holen würde. Dass sie aber nicht glaube, dass das passieren werde. Sie sei in der Form ihres Lebens. Es war eine klare Kampfansage. Dann kam Crans-Montana.
Die Voraussetzungen haben sich geändert. Wieder ist es das Knie, dass sich zwischen sie und den Erfolg stellt. Aber Vonn wäre nicht Vonn, wenn sie das jetzt noch aufhalten würde. Sie wisse, dass ihre Chancen nicht mehr dieselben seien wie vor dem Crash, gab sie bei der Pressekonferenz am vergangenen Dienstag bekannt. "Aber so lange es eine Chance gibt, werde ich es versuchen."
Ganz neu ist die Situation für Vonn nicht. Irgendwie war bei den großen Turnieren, bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen, fast immer irgendwas. Wenn sie sich nicht kurz vorher verletzte, dann währenddessen. Mal war es eine Gehirnerschütterung, mal ein gebrochener Finger, häufig das Knie. Für die Olympia-Teilnahme in Sotschi bedeutete die Diagnose Kreuzbandriss einst das Aus.
Olympische Spiele trotz Kreuzbandriss kann das gehen?
Es ist ein gefährliches Spiel. Aber Vonn weiß genau, worauf sie sich einlässt. Es ist nicht das erste Mal, dass sie mit einem verletzten Knie weiterfährt. Zweimal ging sie das Risiko bereits ein, mit angerissenem Kreuzband Rennen zu fahren. Einmal ging es eine komplette Saison (2007/2008) lang gut, sie holte sogar den Gesamtweltcup. Einmal nur zwei Rennen lang, dann war es durchgerissen. Aber das war das rechte Knie. Diesmal geht es um das eigentlich "gute" linke Knie – und der Riss ist ganz frisch.
In der Vergangenheit hatte ein Komplettriss auch für sie immer das Saisonende bedeutet. Diesmal will sie nicht das Knie gewinnen lassen. Ob Vonns Muskulatur und die Knieschiene, die sie tragen will, das abfedern können, ist mindestens fraglich. Tritt sie tatsächlich an, geht sie ein enormes Wagnis ein und nimmt in Kauf, ihr Knie nachhaltig zu schädigen. Es sei, sagte der Knieexperte Manuel Köhne der "Süddeutschen Zeitung": "Ein Risikospiel wie Russisch Roulette."
Gerade bei der Abfahrt, wo Geschwindigkeiten um die 140 km/h erreicht werden können, wirken enorme Kräfte. Die Kniebelastung beträgt ein Vielfaches des Körpergewichts. Das vordere Kreuzband spielt eine wesentliche Rolle dabei, diesen Kräften standzuhalten. Ist es gerissen, verliert das Knie an Stabilität. Und jede Bodenrille, jede zu fahrende Kurve, jeder Sprung birgt die Gefahr, dass das Knie wegknickt. Was wiederum nicht nur das Risiko weiterer Verletzungen des Knies erhöht, sondern auch die Sturzgefahr allgemein.
Dennoch: Es ist möglich, ohne Kreuzband auf Spitzenniveau Ski zu fahren. Die Schweizerin Joanna Hählen fuhr zwei Jahre lang mit gerissenem Kreuzband, ohne es überhaupt zu wissen. Und der Österreicher Daniel Hemetsberger fuhr am Samstag bei der olympischen Abfahrt in Bormio auf Rang sieben. Auch ihm fehlt das Kreuzband.
Auf dem Weg zum Vonn-Wunder
Lindsey Vonns Entscheidung mag verrückt klingen, überraschend ist sie nicht. Sie ist dafür bekannt, immer volles Risiko zu gehen. Das brachte ihr viele Erfolge ein, brachte sie aber auch oft zu Fall. Bislang ist sie nach Rückschlägen immer wieder zurückgekommen – und das nächste Mal wieder volles Risiko gegangen. Kein Sturz, keine Verletzung hat daran je etwas geändert. Sie habe, sagte ihr Therapeut Armando Gonzalez dem "Times Magazine", "eine übermenschliche Fähigkeit, sich von Schmerz zu distanzieren". Am Freitag, im letzten Training vor der Abfahrt, zeigte sie auf der Rennstrecke "Olimpia delle Tofane" jedenfalls, dass sie sich noch nicht geschlagen gibt.
Vor ihren letzten Olympischen Spielen in Südkorea 2018 ließ sich Vonn tätowieren. In griechischer Schrift steht nun "Believe" auf ihrem Finger, eine Erinnerung, an sich selbst zu glauben. Vonn glaubt an ihr Wunder. Manchmal kann der Glaube bekanntlich Berge versetzen – und vielleicht sogar Sportgeschichte schreiben. Es wäre nicht das erste Mal, dass Vonn das scheinbar Unmögliche möglich macht.