HOME

Stern Logo Athen 2004

Athen 2004 Deutsche Hoffnungen: Die Jagd auf den "Gröspaz"

Wer sich Ludger Beerbaums Erfolge vom Computer ausdrucken lassen will, benötigt viel Papier und noch mehr Geduld. Scheinbar endlose Zahlen-Städte-Kombinationen spuckt der Rechner für den 40 Jahre alten Springreiter aus.

Von A wie Aachen bis Z wie Zangersheide ist alles dabei. Ganz oben auf der Liste stehen die Orte Seoul, Barcelona, Atlanta und Sydney. Vier Siege, vier Goldmedaillen, errungen bei den Olympischen Spielen, von 1988 bis 2000 immer eine. Und wenn alles glatt läuft kommt in wenigen Wochen in Athen eine fünfte hinzu. Oder sogar eine sechste.

Brennend vor Ehrgeiz

"Irgendwie bin ich immer dabei", sagt Beerbaum. Und er grinst. Dieses verschmitzte, jungenhafte Lächeln. So, als sei das alles ein Kinderspiel, oder ein Zufall. Dieses offene Lachen zeigt er auch, wenn er vermeintlich dumme Fragen von Laien hört und versucht, den Reitsport zu erklären. Die gleichen Fragen zu einem anderen Zeitpunkt gestellt, können aber auch ganz andere Reaktionen hervorrufen. Beerbaum ist zuweilen ruppig, aufbrausend und unwirsch. Das ist die andere Seite. Vor allem in jenen Phasen, da ihn sein Ehrgeiz besonders antreibt. "Ludger brennt vor Ehrgeiz", sagt sein langjähriger Weggefährte Otto Becker. Es klingt ein wenig verständnislos, wenn er das sagt, und fast mitleidig. Aber auch bewundernd. Der unbedingte Wille zum Erfolg, die Zielstrebigkeit und Genauigkeit, mit der Beerbaum seinen Sport betreibt, unterscheidet ihn noch viel mehr von den anderen als seine reiterlichen Fähigkeiten.

"Größter Springreiter aller Zeiten"

Falls Beerbaum in Athen erneut Gold gewänne, würde er auch rechnerisch mit dem legendären Hans-Günter Winkler gleichziehen - und mit Doppel-Gold sogar vorbei. "Natürlich habe ich das im Hinterkopf", sagt Beerbaum. Der "Gröspaz", wie HGW als "größter Springreiter aller Zeiten" etwas ironisch genannt wird, ist noch immer das Maß. Auch wenn Beerbaum ihn - angesichts der Gesamtzahl der Siege und bei Berücksichtigung der veränderten Bedingungen - eigentlich längst überholt hat.

Springreiten ist ein hochprofessioneller Sport geworden, ein Turnierzirkus mit Millionen-Umsätzen, der jedes Wochenende woanders Station macht. Und daheim im westfälischen Riesenbeck muss der Betrieb mit den gerade pausierenden Pferden und dem Nachwuchs weiterlaufen, auch wenn der Chef nicht da ist. Gerade deshalb sind die Erfolge des achtmaligen deutschen Meisters so beachtlich. Die genaue und langfristige Planung, der gezielte Aubau und Einsatz der Pferde, das ist eines seiner Erfolgsgeheimnisse.

Es gehört auch Glück dazu

Auf dem Weg nach Athen hat Beerbaum einiges verändert. Vor mehr als einem Jahr hat er angefangen, mit Wissenschaftlern der Sporthochschule Köln zusammenzuarbeiten. Er hat mit neuen Böden herumexperimentiert. Er hat mit seiner Stute Gladdys im Frühjahr erstmals eine Art Trainingslager in Spanien durchgezogen. Und er hat einige Turniere ausgelassen, auf denen er sonst Stammgast war. Damit verzichtete er auf einige Weltranglistenpunkte und viel Geld.

Trotz aller Planung, trotz der akribischen Vorbereitung: "Es gehört so viel dazu, vor allem auch Glück." Beerbaum weiß das aus Erfahrung. "In Barcelona, das war ein Wechselbad mit der gerissenen Trense", erinnert er sich an 1992: "Da bin ich beim Nationenpreis zu Fuß aus dem Parcours gekommen." Die wie immer hoch gehandelte deutsche Mannschaft erlebte ein Debakel und ging leer aus. "Und dann habe ich ein paar Tage später die Einzelgoldmedaille gewonnen, das ist einfach ungetoppt."

Michael Rossmann/DPA

Wissenscommunity