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Gold-Schütze Manfred Kurzer: "Der blanke Wahnsinn"

Manfred Kurzer ist der erste deutsche Schieß-Olympiasieger seit 1996. Seine Emotionen ließ er erst heraus, als sich die Türen in den Katakomben des Schießstandes nach der finalen Zitterpartie geschlossen hatten.

Da drückte der erste deutsche Schieß-Olympiasieger seit 1996 sein Luftgewehr zärtlich an sich, reckte die rechte Faust nach oben, klatschte sich mit dem Fünftplatzierten Michael Jakosits und Bundestrainer Reinhard Rüger ab und wischte verstohlen ein paar Freudentränen aus den Augen.

"Das Größte"

"Der Traum hat sich erfüllt, den ich seit 20 Jahren habe. Olympiasieger zu werden ist das Größte. Das ist der blanke Wahnsinn. Da stehen alle anderen Erfolge zurück", jubelte der je zweimalige Weltmeister und Weltrekordler in der Disziplin Laufende Scheibe, der am Donnerstag in Athen mit 682,4 Ringen vor den beiden Russen Alexander Blinow und Dimitri Lykin Gold gewann. Michael Jakosits, der Olympiasieger von 1992, wurde nach einem Wackler im vorletzten Schuss Fünfter. "Ich gönne dem Manni den Erfolg aus vollem Herzen. Er war der Beste in den vergangenen Jahren", sagte der Bad Homburger.

Mit neuem Vorkampf-Weltrekord von 590 Ringen und uneinholbar scheinenden sechs Zählern Vorsprung war der 34 Jahre alte Bundeswehr- Hauptfeldwebel Kurzer in den Endkampf eingezogen. Doch da schwächelte er plötzlich, brachte den Bundestrainer an den Rand eines Herzinfarkts. «Das Finale war ein hartes Stück Arbeit. Dabei habe ich mich bemüht, locker zu bleiben. Doch die vier Minuten Vorbereitungszeit haben mächtig Nerven gekostet», erklärte der Brandenburger, der seit seiner Einschulung 1984 in die Frankfurter Kinder- und Jugendsportschule mit Heimtrainer Benno Bölke zusammen arbeitet.

Sein Puls war vor allem nach dem fünften Schuss - einer für Kurzer normalerweise indiskutablen 6,5 - nach oben geschossen. Im siebten Versuch wurden es gar nur 5,4 Ringe. "Doch zum Glück für mich haben auch die anderen geschwächelt, wie fast immer in großen Finals. Von da an habe ich nur noch Sicherheitsschüsse gemacht. Das wäre wohl die richtige Taktik für das ganze Finale gewesen", fügte der BWL- Abendstudent schelmisch grinsend an.

Trotz seines Weltrekordes sei er vor dem Finale fürchterlich aufgeregt gewesen, gestand Kurzer, der in der Nacht vor dem Wettkampf länger auf Mückenjagd gewesen war als im Bett. «Schließlich war das vermutlich der wichtigste Wettkampf meiner ganzen Karriere - und hoffentlich nicht die letzte Olympia-Entscheidung in unserer Disziplin», hofft der Perfektionist, der auf jährlich rund 100 000 Trainingsschüsse kommt. Sein rund 13 000 Euro teures Gewehr ist eine Spezialanfertigung. Allein der in der Forschungs- und Entwicklungsstelle Berlin aus Kohlefasermaterial maßgefertigte Schaft kostete mehr als 10 000 Euro.

Wie Kurzer dachte auch Reinhard Rüger am Tag seines größten Erfolges als Bundestrainer über den Augenblick hinaus. «Heute wird gefeiert. Ab morgen beginnt der Kampf, dass die Laufende Scheibe nicht aus dem Olympia-Programm gestrichen wird. Den können wir aber nur beim IOC gewinnen, weil der Internationale Sportschützen-Verband uns bereits abgeschrieben hat», kündigte der fränkische Zollbeamte neue Aktivitäten zur Rettung der Disziplin an.

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