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Leichtathletik-Pleite: "Es muss einen Schnitt geben"

Langsamer, niedriger, schwächer: Die deutschen Leichtathleten sind in Athen ins Bodenlose gestürzt und kehren mit der schlechtesten Ausbeute seit 1912 von Olympischen Spielen zurück. Der DLV will Konsequenzen ziehen.

Der Silberglanz durch Kugelstoßerin Nadine Kleinert und Speerwerferin Steffi Nerius konnte die rabenschwarze Bilanz nicht aufhellen. «Es muss einen Schnitt geben» sagte Rüdiger Nickel, Leistungssportchef des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Trotz der Erfolge im Nachwuchsbereich ist bis Peking 2008 kaum Besserung in Sicht.

Das Ziel von vier bis fünf Medaillen wurde nicht annähernd erreicht, der Negativtrend setzte sich fort. In Sydney gab es vor vier Jahren immerhin noch fünf (2/1/2), bei den Weltmeisterschaften 2003 in Paris vier Medaillen (0/1/3). Viel krasser ist das Bild, wenn sich die DLV-Leistungswächter die ansonsten so beliebte Nationenwertung der Plätze eins bis acht zu Gemüte führen: In den 46 Entscheidungen sprangen für das aufgeblähte 77-köpfige Team lediglich 13 Endkampfränge heraus. Zum Vergleich: Von den 17 Rennkanuten fuhren 13 mit Medaillen nach Hause. «Die Leichtathleten müssen sich über die schlechteste Olympia- Bilanz, die sie je hatten, intensive Gedanken machen», forderte Klaus Steinbach, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK). Woran es liegt, erklärte Ulrich Feldhoff. Eklatant sei die Diskrepanz zwischen den äußerst erfolgreichen Junioren und der Weltspitze. «Da müssen die Leichtathleten ansetzen», verlangte der Vizepräsident des Deutschen Sportbundes (DSB). Es bringe nichts, nach Amerika zu gucken oder nach Schweden zu schielen. «Wir müssen den deutschen Weg finden.»

Die Zeit drängt: Nicht nur für Peking muss geplant werden. Ein Jahr später will der DLV in Berlin die WM ausrichten. Eine Patentlösung hat auch Nickel nicht parat. «Das Ei des Kolumbus findet man nicht, indem man einfach den Vorhang aufmacht», meinte der DLV- Vizepräsident und forderte «eine Talentförderung bis zur Weltspitze». Cheftrainer Bernd Schubert nimmt nach Olympia wie angekündigt seinen Hut. Für die Angestellten in der Zentrale in Darmstadt, die Bundes- und Heimtrainer kündigte Nickel Veränderungen an.

Nur in finanzieller Hinsicht kann der Verband sorglos in die Zukunft sehen. Dies garantiert der Sportartikelgigant Nike, der nach 32 Jahren Anfang 2005 Adidas als Ausrüster ablöst. Diese «kleine Revolution» verspricht große Kasse bis 2012. Für die Außenwirkung reichen aber lukrative Verträge und PR-Profis alleine nicht. «Es gab keine neue Lichtgestalt, die unsere Probleme überstrahlt hätten», bedauerte DLV-Präsident Clemens Prokop. So konnte 800-m-Talent René Herms nicht in die Fußstapfen von Nils Schumann treten. Er lief im Halbfinale als Letzter der Konkurrenz und seiner Bestzeit weit hinterher, wähnte sich aber «in der Weltspitze angekommen».

Es gab auch Totalausfälle wie Sprinterin Sina Schielke, Verletzte wie Lars Riedel - vor allem aber herbe Enttäuschungen wie Stabhochspringer Tim Lobinger, der in seinem dritten Olympia-Finale brutal abstürzte. «Es wird immer schwerer, viele Medaillen nach Hause zu bringen», betonte der 31-Jährige. «Das Niveau der Leichtathletik in der Welt ist in den letzten Jahren extrem gestiegen.»

In den Medaillen spiegelt sich die ganze Misere wider: Mit zwei Mal Silber ist kein (Sport)Staat mehr zu machen, selbst Länder wie Litauen, Marokko, die Bahamas, Kamerun und die Dominikanische Republik haben die einstige Leichtathletik-Großmacht überholt. Neidvolle Blicke richten sich ins Reich der Mitte. In Athen gaben zwar die etablierten Nationen wie die USA und Russland den Ton an - aber die Chinesen kommen. Liu Xiang, erst 21, egalisierte stilvoll den Weltrekord über 110 m Hürden (12,91 Sekunden). Für einen reinen Weltrekord sorgte die Russin Swetlana Isinbajewa, die sich mit dem Stab über nie erreichte 4,91 m schwang.

Ulrike John und Ralf Jarkowski, DPA / DPA

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