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Gigant China: Dreckschleuder der Erde

Von den weltweit 20 Städten mit der schlechtesten Luft liegen 16 in China. Dabei ist es nicht so, dass die Führung kein Umweltbewusstsein hätte - doch oft genug scheitern die Bemühungen an korrupten Provinzkadern - und machen so das Land zur größten Dreckschleuder der Erde.

Von Adrian Geiges, Peking

Chinas Wirtschaft ist in den letzten Jahren jeweils um mehr als acht Prozent gewachsen. Das sind Zahlen, von denen Deutschland und andere europäische Länder nur träumen können. Aber die Chinesen zahlen einen hohen Preis dafür. Von den 20 Städten der Erde mit der schlechtesten Luft liegen 16 in der Volksrepublik. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sterben hier jährlich 656.000 Menschen an den Abgasen.

Das liegt nicht nur am schnellen Wachstum, sondern auch an der ineffizienten Arbeitsweise. "Für die Produktion des gleichen Werts von Waren benötigen wir gut siebenmal so viel Ressourcen wir Japan, fast sechsmal so viel wie die USA und, besonders peinlich, fast dreimal so viel wie in Indien." Das sagt kein Dissident, sondern Pan Yue, der Vizeminister für Umwelt. "Die Hälfte des Wassers unserer sieben größten Flüsse ist völlig unbrauchbar", enthüllt er weiter. "Jeder vierte Bürger hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser." Mehr als 80 Prozent von Müll und Abwässern werden weder entsorgt noch geklärt.

Immer wieder schickt Pan Polizisten aus, um Fabriken zu schließen, die die Umwelt verpesten. Chinas Umweltgesetze gehören zu den besten der Welt, wurden zum Teil gemeinsam mit deutschen Beratern entwickelt. Das Problem ist die Korruption. Örtliche Kader setzen sich über die Vorschriften hinweg, weil ihnen das Profit bringt. Eine Schwäche des Systems: Da es an demokratische Kontrolle von unten fehlt, kann sich nicht einmal die zentrale Führung mit gut gemeinten Vorhaben durchsetzen.

Denn Peking hat das Problem durchaus erkannt. Die Parteiführung trifft sich regelmäßig zu "Studiensitzungen", und dabei ist Umweltzerstörung ein Hauptthema. Nach einer solchen Sitzung über globale Erwärmung verlautbarte das Politbüro: "Unsere Aufgabe ist schwer und unsere Zeit ist begrenzt. Für Parteiorganisationen und Regierungen auf allen Ebenen muss die Verminderung der Abgase Vorrang haben ... Wir müssen diese Idee tief in die Herzen der Menschen bringen."

Die Folgen der chinesischen Ökokatastrophe spüren auch die Deutschen. 2007 überholte China zum ersten Mal die USA als Hauptausstoßer der Treibhausgase, die zur globalen Erwärmung führen. Nun streiten sich die beiden Supermächte, wer bei der notwendigen Umkehr den größeren Beitrag leisten muss. Bush lehnt die Vereinbarung von Kyoto ab, da China und Indien als Entwicklungsländer davon ausgenommen sind. China sagt, die USA müssten mit gutem Beispiel vorangehen, da ein Amerikaner viel mehr Energie verbraucht als ein Chinese. Ein nachvollziehbares Argument. Es wird keinem Pekinger oder Shanghaier zu vermitteln sein, dass er kein Auto fahren darf, solange fast jeder Deutsche oder Amerikaner eins besitzt.

Auf der anderen Seite führt der wachsende Wohlstand dazu, dass immer mehr, vor allem junge Chinesen über die Umwelt nachdenken. Früher, als die Menschen erst einmal etwas zu essen und ein vernünftiges Haus haben wollten, hatten sie andere Prioritäten. Gruppen wie Greenpeace sind aktiv, vermeiden allerdings Konfrontation, sondern versuchen in Kooperation mit den Behörden etwas zu erreichen. Auch in China fängt Umweltschutz im Kleinen an. Greenpeace überzeugte 300 Restaurants in Peking, auf Einweg-Stäbchen zu verzichten, da diese zum Raubbau an den Wäldern geführt haben, und stattdessen die Stäbchen zu spülen und wieder zu verwenden. Und seit dem 1. Juni sind Plastiktüten in China weitgehend verboten - vorher waren pro Tag drei Milliarden ausgegeben worden.

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