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Olympische Augenblicke: Gold - aber nicht nur für Susann

Gewichtheben - wen interessiert das schon? Wenn es da nicht Matthias Steiner gäbe. Dieser Koloss von einem Mann hat mir einen unvergesslichen Olympia-Moment beschert. Und das nicht nur wegen seines privaten Schmerzes.

Von Jens Fischer, Peking

Eigentlich war die große Geschichte schon geplatzt. Matthias Steiner, der Ex-Österreicher, jetzt Sport-Deutscher, holt in der schwersten Gewichtsklasse des Gewichthebens die Goldmedaille. So lautet die Regieanweisung. "Matthias Steiner - der stärkste Mann der Welt". Die Schlagzeile war doch schon geschrieben. Aber dann kommt Steiner nicht in Fahrt. Er patzt beim Reißen, startet schwach beim Stoßen - der Russe hat Gold so gut wie sicher.

Dabei sollte es auf der großen Olympia-Bühne doch endlich einmal richtig menscheln. Am Abend des 19. August wird ein neuer deutscher Sport-Held geboren. Notfalls zwangsweise dazu gemacht. Das ist der große Plan.

Deswegen sind auch alle gekommen. Die deutschen Journalisten können es kaum erwarten. Sie riechen die Mega-Story rund um das Schicksal dieses Matthias Schneider. Schluss mit der Randsportart Gewichtheben, Steiner wird gewinnen und danach seine tragische Geschichte mit seiner verstorbenen Ehefrau Susann erzählen. So soll es laufen.

Ein einziger Schrei trägt Steiner zum Sieg

Dann folgt Steiners letzter Versuch. Er hat unfassbare 258 Kilogramm auflegen lassen. Ein Gewicht, das seine bisherige Jahresbestleistung um vieles übertrifft. Das packt er nicht, sind sich alle einig. Dann greift er zur Hantel, mit seinem konzentriert bösen Menschenfressergesicht und wuchtet das Ding in die Höhe. Erst auf die breiten Schultern, im nächsten Ruck ganz hoch. Dann steht er da, die Hantel über ihm, sein Gesicht puterrot, die unmenschliche Belastung lässt die Adern platzen.

Das Publikum in der bis auf den letzten Platz gefüllten Universitätshalle kann es nicht fassen. Es ist ein einziger Schrei, der Steiner trägt. Ihn die Schwere seiner Last ertragen lässt. Dann hat er es geschafft. Steiner hat den mächtigen Russen-Riesen in die Knie gezwungen. Jetzt ist nur noch Jubel. Steiner lässt seinen Gefühlen freien Lauf. Er freut sich unbändig, und auch ich bin gerührt - zum ersten Mal in diesen Pekinger Tagen.

Steiners Glück ist unverfälscht, es ist authentisch

Für mich ist es ein Moment der Freude. Denn Steiners Glück ist unverfälscht, es ist authentisch, man gönnt ihm seine Goldmedaille. Für einen Moment hat er den privaten Schmerz besiegt und alle seine Mühen haben sich gelohnt. Ich sehe es ihm an und fühle mit ihm. Das tut gut - kurz vergesse ich die Sterilität dieser Olympischen Spiele. Endlich einmal.

Ob man, wie Steiner es getan hat, seine private Lebensgeschichte den Medien frei Haus liefern muss, weiß ich nicht. Das muss jeder selbst entscheiden. Steiner jedenfalls hat es getan. Das ändert nichts an diesem unvergesslichen olympischen Moment. Matthias Steiner - der stärkste Mann der Welt.

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