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Segeln: James Bond der Weltmeere

Englands Segelsuperstar "Big Ben" Ainslie segelt bei seiner vierten Olympiateilnahme zum dritten Mal auf Goldkurs. Mit einem Sieg kann sich der Brite unsterblich machen. Im Interview mit stern.de verrät Ainslie, warum er sich in der Favoriten-Rolle so wohl fühlt und wie seine deutsche Freundin ihm Kraft gibt.

"Ben ist ein bisschen wie James Bond für mich: ein Held auf dem Wasser, an Land der absolute Gentleman", beschreibt Annette Fiedler ihren Freund und Segelsuperstar Ben Ainslie. Der smarte, fast schüchterne aber extrem willensstarke Engländer ist der große Favorit auf Gold in Peking – an seinem dritten Olympiasieg (diesmal in der Klasse Finn Dinghy) zweifelt niemand. Damit könnte sich der 1,85 Meter große Steuermann auf Platz zwei der ewigen Bestenliste olympischer Segler katapultieren und neben Jochen Schümann Platz nehmen. Gelingt der Coup, will Ainslie in vier Jahren den Rekord des legendären Dänen Paul Elvström ins Visier nehmen, könnte dann bereits im Alter von 35 Jahren der beste segelnde Olympionik aller Zeiten werden. stern.de hat Ainslie zum exklusiven Interview getroffen.

Ben, Sie könnten bei diesen Olympischen Spielen mit einer dritten Goldmedaille auf der ewigen Bestenliste olympischer Segler mit Jochen Schümann gleichziehen und in vier Jahren in ihrem eigenen Heimatrevier den Rekord des Dänen Paul Elvström (Red.: 4 x Gold, 1 x Silber) attackieren. Motiviert Sie das bei ihrem vierten Olympiastart besonders?

Ich finde es schwierig, mich damit zu befassen, was andere Segler gemacht haben und was ich vielleicht in der Zukunft erreichen könnte. Momentan konzentriere ich mich auf diese olympische Regatta. Das ist alles, was zählt. Allerdings habe ich riesigen Respekt vor dem, was Schümann und Elvström erreicht haben. Sie sind meine Segelhelden und natürlich auch eine Inspiration für mich.

In anderen Sportarten können Ausnahmeathleten bei Olympischen Spielen mehrere Medaillen in verschiedenen Disziplinen gewinnen, etwa Schwimmer oder Turner. Ärgert es sie, dass Seglern das nicht möglich ist?

Darüber habe ich noch nicht so intensiv nachgedacht, weil es nicht in meinen Händen liegt. Es wäre aber aufgrund des zeitlichen Aufwandes und der technischen Herausforderungen sehr schwierig. Es könnte möglich sein, Starts im Laser und im Star zu kombinieren.

Wir zitieren einen britischen Kollegen, der Folgendes über Sie gesagt hat: "Ben kombiniert Talent, Physis und Intuition wie kein anderer. Für ihn ist Segeln so natürlich wie Zahlen für einen Mathematiker oder Noten für einen Musiker. Man kann von außen sehen, was er tut, aber man ist nicht in der Lage, seine innere Technik zu kopieren." Was ist es, das Sie zum Ausnahmesegler macht?

Ich glaube, dass jeder Segler seinen eigenen Stil hat. Ich habe so ziemlich non-stop gesegelt, seit ich neun, zehn Jahre alt bin. In der Zeit habe ich eine Methode entwickelt, schnell und taktisch scharf zu segeln. Aber im Segelsport hört das Lernen niemals auf. Ich habe noch viele Verbesserungen vorzunehmen.

Sie sind als gejagter Top-Favorit in die olympische Regatta gestartet. Verbinden Sie mit dieser Rolle eher Druck oder Motivation?

Es ist doch besser, Favorit als nicht Favorit zu sein. Ich bin daran gewöhnt. Außerdem gibt mir das Wissen, schon Gold gewonnen zu haben, noch ein bisschen zusätzlichen Schub.

Sie haben das olympische Regattarevier lange vor dem Start als ein „in gewisser Hinsicht Alptraumrevier für Segler“ bezeichnet. Sind Sie nach der recht erfolgreich bekämpften Algenpest durch die Veranstalter und den anfänglich durchaus vernünftigen Segelbedingungen immer noch dieser Meinung?

Es wird die anspruchsvollste Regatta, an der jemals einer von uns teilgenommen hat. Aber das führt natürlich auch zu besonderen Möglichkeiten. Und: Es ist ja für alle gleich! Ganz definitiv müssen wir bei diesen Olympischen Spielen so flexibel sein wie noch nie zuvor.

Worüber freuen sie sich am liebsten?

Über Siege.

Was ärgert Sie am meisten?

Wenn ich dumme Fehler mache.

Unter welchen Umständen sind Sie am besten?

Ich bin am besten, wenn ich unter Druck stehe. Wenn ich in die Vergangenheit schaue, fällt mir auf, dass ich bei fast allen großen Serien und Siegen einen schlechten ersten Tag hatte. Ich bin nicht sicher, ob das Zufall ist oder ich das vielleicht sogar brauche ...

Sie haben mit Annette Fiedler seit eineinhalb Jahren eine deutsche Freundin und leben mit ihr zusammen in Lymington. Wie haben Sie sich kennen gelernt und was hat Annette in Ihr Leben gebracht?

Ich habe Annette beim America´s Cup in Valencia kennen gelernt. Sie hat in der PR-Abteilung des südafrikanischen Teams Shosholoza gearbeitet. Sie unterstützt mich unglaublich in dem, was ich versuche zu erreichen. Ich bin für diese Unterstützung sehr, sehr dankbar.

Sie zählen zu den fünf erfolgreichsten Seglern der Welt. Macht Sie dieser Status zum reichen Mann?

Unglücklicherweise gibt es im Segelsport nicht so viel Geld wie in anderen Sportarten. Ganz allgemein startet man doch bei Olympischen Spielen aus Liebe zum Sport und nicht aus Liebe zum Geld. Wenn du in der glücklichen Lage bist, einen Job bei einem America´s Cup- oder Hochseeteam zu finden, dann kannst du damit deinen Lebensunterhalt verdienen und hast einen guten Lebensstandard. Im Segelsport gibt es glücklicherweise viele verschiedene Herausforderungen und du hast eine vergleichsweise längere Karriere. Ich bin vielleicht nicht so reich wie ein Fußballstar, aber ich habe ein Privatleben und eine hoffentlich noch lange Karriere.

Welche Rolle spielt der Segelsport in ihrem Leben?

Ich glaube, der Segelsport ist mein Leben und mein Motor, jeden Morgen aufzustehen. Ich finde diesen Sport einfach faszinierend, weil es so viel zu lernen und so viel zu erreichen gibt.

Nicht nur sie, sondern nahezu die gesamte britische Segelflotte stellt Favoriten in fast allen elf olympischen Segeldisziplinen. England ist seit 20 Jahren die führende olympische Segelnation. Wie wird dieses Niveau so erfolgreich konserviert?

Wir alle werden von unserem Segelverband extrem gut unterstützt. Dann haben wir sehr, sehr viele Talente in unserem Kader, die alle enorm hart arbeiten. Und am Ende denke ich, dass Erfolg auch immer neuen Erfolg erzeugt.

Für welche anderen Sportarten können sie sich begeistern?

Ainslie: Ich spiele gerne Golf, aber ich bin total schlecht darin. Außerdem schaue ich mir gerne Sport im Fernsehen an, insbesondere Fußball, Rugby, Formel1 und Tennis.

Olympisch segeln Sie alleine in einer kleinen Jolle, im America´s Cup müssen Sie als Steuermann mit 16 Mitseglern und mehreren Dutzend Teammitgliedern an Land auskommen. Was fasziniert Sie mehr?

Meine Erfahrungen im America´s Cup haben gezeigt, dass es mehr Spaß macht, mit einem Team zu gewinnen, weil man Menschen hat, mit denen man die Freude teilen kann. Wenn es schlecht läuft, ist es allerdings leichter, die Dinge nur mit sich auszumachen, weil man nicht so lange suchen muss, um die Fehler und Schwächen zu finden.

Was bedeuten Ihnen Olympische Spiele?

Sie sind die größte Herausforderung im Leben eines Sportlers.

Interview: Tatjana Pokorny

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