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America's Cup: Abschied unter Wasser

Am Ende war der America's Cup mit dem Triumph der Amerikaner wirklich eine der spektakulärsten Shows in der Geschichte des Segelns. Aber das Rennen erlebte auch eine große Tragödie.

Von Walter Wüllenweber

Der America's Cup 2013 in der Bucht von San Francisco wird als Mutter aller Comebacks in die Sportgeschichte eingehen. 1:8 lagen die Amerikaner vom Team Oracle gegen Neuseeland bereits aussichtslos hinten, am Ende hieß es 9:8. Bei den Siegern floss hinterher der Champagner in Strömen. Bei den Verlieren waren es die Tränen.

Oracles Chefstratege und Segelikone Ben Aisle hielt in der Stunde des großen Sieges aber auch inne und erinnerte in seiner Rede an den Mann, der am 9. Mai während des Trainings für die Herausforderer-Ausscheidung des America's Cup auf tragische Weise ums Leben kam. Andrew Simpson, britischer Segel-Olympiasieger und Stratege des schwedischen Artemis-Teams, war nach einem Unfall unter seinem gekenterten Katamaran ertrunken.

"Er hätte diesen Wettbewerb geliebt. Er hätte gedacht, dass das ein unglaubliches Rennen gewesen ist. Das ist, wofür er gelebt hat", sagte Ainslie kurz nach dem Coup der Amerikaner.

Der stern hat die Geschichte von Andrew Simpson vor ein paar Wochen aufgeschrieben. Aus aktuellem Anlass können Sie sie hier noch einmal lesen:

Zum ersten Mal sahen sie sich vor beinahe 30 Jahren in Southampton, Südengland. Sie waren gerade sieben Jahre alt und wollten beim traditionsreichen Weston Sailing Club die erste Regatta ihres Lebens segeln. Doch der Wind blies zu heftig. "Wir waren die Kleinsten und durften nicht aufs Wasser", erinnert sich Iain. "Da haben wir den ganzen Tag an der Pier auf dem Bauch gelegen und Lego gespielt. So fing das an mit Bart und mir."

Zum letzten Mal sahen sie sich am Nachmittag des 9. Mai in der Bucht von San Francisco, zwei Meter unter Wasser.

Aus Andrew Simpson, den alle nur Bart nannten, und Iain Percy wurden die besten Freunde. Und die besten Segler. Ihre gesamte Kindheit und Jugend segelten sie zusammen, jedes Wochenende, selbst im Winter. "Mit keinem Menschen habe ich so viel Zeit verbracht", sagt Iain. "Wir konnten einfach nie aufhören, über Segeln zu reden. Nie." Bald gehörte auch Ben Ainslie zu ihrer Trainingsgruppe des englischen Seglerverbands. Die drei Jungs wuchsen gemeinsam auf. Irgendwann zogen Bart und Iain zusammen. "Die Beziehung zwischen den beiden war einfach etwas Besonderes", sagt Ben. Mit ihren ersten, klapprigen Autos fuhren sie zu den Regatten in England. Und gewannen. Dann auf den Kontinent. Und gewannen. Zusammen flogen sie um den Globus. Und gewannen. Iain und Bart wurden 2008 in Peking Olympiasieger und 2012 in London Zweite im Zweimannboot "Star". Ben holte sich gleich vier Goldmedaillen in den Einmannjollen Finn und Laser, die Queen hat ihn zum Sir ernannt. Die drei Engländer wurden zu den Messis, Ronaldos und Iniestas ihres Sports.

Aber der Americaʼs Cup fehlte noch in ihrer Sammlung. Es ist die wertvollste Meisterschaft, die ein Segler je gewinnen kann. In diesem Sommer wird sie in der Bucht von San Francisco ausgetragen. Ben hat beim Cup-Verteidiger Oracle angeheuert, Iain und Bart unterschrieben bei dem schwedischen Team Artemis. Doch diesmal gibt es keinen Triumph, kein Happy End. Die Bucht von San Francisco wird zum Schauplatz einer Tragödie.

Der Abend davor

Bart hat alle in sein Haus eingeladen. Seine Frau Leah und die beiden Söhne Freddie und Hamish sind nach San Francisco gekommen und wollen bis zum Ende des Cups bleiben, bis Mitte September. Das muss gefeiert werden. Der 36-jährige Bart ist Gemütsmensch. Er gilt nicht als der Fleißigste beim Training, "aber mit Bart im Boot funktioniert jedes Team", sagt Iain.

Die drei Freunde und ein paar Segler des Artemis-Rennstalls grillen auf der Terrasse. Sie reden über dieses ungewohnte Gefühl, sich plötzlich wieder wie Segelanfänger zu fühlen. Die Nussschalen, mit denen sie ihre großen Erfolge errangen, waren kleine Einrumpfboote, jahrzehntealte Konstruktionen, auf denen 20 Stundenkilometer schon als Höllentempo gelten. Jetzt segeln sie auf zwei Rümpfen durch die Bucht, auf 22 Meter langen Katamaranen, die mit bis zu 80 Sachen übers Wasser fliegen.

Sie fliegen tatsächlich. Eine Minitragfläche, so klein wie ein Wasserski, hebt die sechs Tonnen schweren Giganten bei hoher Geschwindigkeit über die Wasseroberfläche. Seit 7000 Jahren bewegen Menschen Segelschiffe durch das Wasser. Nun verlassen die Boote ihr Element. Der Americaʼs Cup sieht sich gern als die Formel 1 des Segelns. Doch ein Serien-Golf hat mit dem Red-Bull-Boliden von Sebastian Vettel mehr gemein als ein normales Regatta-Schiff mit einem AC72, so die Typenbezeichnung des 72 Fuß langen Katamarans. Iain, Ben und Bart müssen das Segeln völlig neu lernen – und das Fliegen.

Irgendwann bringt Bart den dreijährigen Freddie ins Bett und auch Hamish, noch kein Jahr alt. Mit strahlendem Gesicht kehrt der Vater zurück auf die Terrasse. Bis spät in den Abend diskutieren die Männer darüber, wie man diese faszinierenden und manchmal auch beängstigenden Maschinen bändigen kann. "Wir waren uns immer darüber im Klaren, auch Bart: Die Boote machen unheimlichen Spaß – aber sie sind gefährlicher als alles, was wir je unter dem Hintern hatten", sagt Iain. Ben Ainslie sieht das genauso: "Ein kleiner Fehler, und die Katastrophe ist unvermeidbar. Die AC72 sind Null-Toleranz-Boote."

Am Morgen

Bart trifft eine gute Stunde vor Iain auf dem Gelände des Artemis-Teams ein. Er muss Sonderschichten im Kraftraum schieben, weil er sich mal wieder ein paar Pfund zu viel angefuttert hat. "Als ich ankam und ihn auf dem Trainingsfahrrad schwitzen sah, habe ich ihn hochgenommen. Wie immer", sagt Iain.

"Bart war schon als Kind ein wahnsinniges Talent, aber Iain war disziplinierter und ehrgeiziger", erinnert sich Jim Saltonstall, der legendäre Jugendtrainer der Royal Yacht Association. Durch seine Hände gingen sämtliche Spitzensegler aus England. Der Ehrgeiz setzte sich durch. 2000 wollten Bart und Iain in einem Finn Dinghy, einer Einmannjolle, bei den Olympischen Spielen in Sydney starten, doch für jedes Land gibt es stets nur einen Platz. Der talentierte Bart unterlag dem disziplinierten Iain. Ihre Freundschaft störte das nicht. Im Gegenteil. "Bart ist einfach nach Sydney mitgefahren und hat dort wochenlang als Sparringspartner mit mir trainiert. Alles auf eigene Kosten", erzählt Iain. "Den größten Konkurrenten so zu unterstützen, so was macht nur Bart."

Iain wurde Olympiasieger. Bei der Siegerehrung standen Bart und Jugendtrainer Jim Saltonstall mit feuchten Augen unter den Zuschauern. "Bart war in dem Moment genauso stolz und glücklich wie Iain. Mindestens", erinnert sich der Trainer. Und Iain Percy bestand in jedem Interview darauf, die Hälfte seiner Goldmedaille gehöre Bart.

Iain hat seine halbe Goldmedaille nicht verteidigt. Er wechselte in das Zweimannboot Star und segelte schließlich mit Bart zusammen und nie wieder gegen ihn.

Vorbereitungen zum Start

Die Teamleitung von Artemis hat beschlossen, am späten Vormittag zu einer Trainingsfahrt auszulaufen. Die Segelcrew und die Besatzungen der Begleitboote beginnen mit den Vorbereitungen.

Genau gegenüber, auf der anderen Seite der Bucht, macht sich auch Ben Ainslie segelfertig. Sein Oracle-Team will heute ebenfalls trainieren. Die Oracle-Basis ist eine 300 Meter lange Lagerhalle direkt am Hafen, außen gammlig, innen staubfrei. Unter schärfster Geheimhaltung werden die Boote hier entwickelt. Ein Containerdorf in der Halle beherbergt das Gehirn des Rennstalls, das Rechenzentrum. 150 hoch bezahlte Spezialisten arbeiten in der unscheinbaren Halle: Ingenieure, Computerexperten, Strömungstechniker, Bootsbauer – nur die wenigsten sind Segler.

Auf einer speziellen Rollkonstruktion ruht das Heiligtum: das Segel. Die AC72-Renner haben kein herkömmliches Segel aus Tuch, sondern einen starren Flügel, der in Form und Größe einem Jumbojet-Flügel entspricht, aber nur einen Bruchteil davon wiegt. Es ist das effektivste Segel, das die Menschheit je gebaut hat. Um es zu setzen, braucht man 20 Männer und einen ausgewachsenen Baukran, der das Ungetüm auf das Boot wuchtet. "Wir mussten lange rumtüfteln, bis wir eine Methode gefunden hatten, den Flügel unfallfrei mit dem Boot zu verbinden", sagt Christoph Erbelding, der Leiter der Entwicklungsabteilung beim Team Oracle. Der deutsche Ingenieur der Raumfahrttechnik gilt beim Americaʼs Cup als Guru für Leichtbaukonstruktionen aus Carbon.

Auf beiden Seiten der Bucht legen die Segler ihre Sicherheitskleidung an: Sturzhelm, Schwimmweste und ein massives Tauchermesser am Unterschenkel. Seit Kurzem gehört auch eine Mini-Pressluftflasche zur Pflichtausrüstung. Sie hat genügend Luft für zehn Atemzüge. Fünfzehn, wenn man sparsam ist.

Die Fahrt beginnt

Der Wind hat deutlich zugelegt. Beide Teams überlegen, ob sie nicht besser im Hafen bleiben. Doch die Crews sind sich sicher, dass sie die Katamarane auch bei diesem Wind beherrschen.

Elf Segler gehören zur Besatzung des AC72. Jeder hat seine Position und seine Aufgabe. Iain Percy ist der Skipper des Artemis-Bootes. Sein Platz ist im Heck. Am Handgelenk trägt er ein Display von der Größe eines Smartphones. Darauf werden ihm ständig alle wichtigen Daten angezeigt: Position, Geschwindigkeit, Segeldruck, Windrichtung und -stärke. Iain gibt die Kommandos, doch gesteuert wird der Katamaran von dem Australier Nathan Outteridge. Auch er ist Olympiasieger und gilt als der Segler mit dem besten Steuergefühl.

Bart Simpsons Position ist vorn, auf Masthöhe. Er ist für den Trimm der Segel verantwortlich. Sein Gespür für den Wind ist in Seglerkreisen berühmt. Er kann den Wind lesen. Ständig diskutiert er mit Iain über die Taktik. So wie sie es ihr ganzes Leben lang gemacht haben.

Die Kommunikation an Bord ist gar nicht so einfach. Bei bis zu 80 Stundenkilometern kann niemand gegen den Wind anschreien. Darum haben alle auf dem Boot Kopfhörer im Helm. Aber nur fünf der elf Crewmitglieder auch ein Mikrofon. Einschränkungen bei der Mitsprache haben sich beim Regattasegeln als erfolgreiche Managementmethode bewährt.

Das große Glück

Vor der ehemaligen Gefängnisinsel Alcatraz treffen sich das rote Boot von Artemis mit Iain und Bart an Bord und der schwarze Katamaran von Oracle, der von Ben Ainslie gesteuert wird. Ein paar Schläge segeln sie Bug an Bug gegeneinander, ein kleines Trainingsmatch.

Der Wind bläst inzwischen mit beinahe sechs Windstärken, doch das bereitet der Artemis-Crew keine Probleme. Scheinbar schwerelos zischen die Segler über die Bucht und zeigen sogar Ben auf dem anderen Boot das Heck. "Die Jungs waren echt gut drauf, verdammt", sagt Ben.

Endlich läuft die Kiste. Wie Kinder brüllen die Kerle der Artemis-Crew ihre Glücksgefühle in den Wind. "Wenn du dieses Boot auf Topspeed bekommst, das ist ein Wahnsinnsgefühl, unvergleichlich", schwärmt Iain. "Ich konnte Barts Stimme im Kopfhörer hören. Er jubelte." Zum ersten Mal beherrscht Artemis den zickigen Renner. Doch alle an Bord wissen: Dies ist die letzte Ausfahrt mit diesem Boot. Die nächste, verbesserte Version des AC72 ist schon gebaut und unterwegs nach San Francisco. Der Eigentümer des Artemis-Teams, der schwedische Milliardär Torbjörn Törnqvist, will den Cup unbedingt gewinnen, koste es, was es wolle. Schon immer war der Americaʼs Cup ein Spielzeug der reichsten Männer ihrer Zeit, mit einem ungewöhnlichen Regelwerk. Vereinfacht gesagt: Der Gewinner darf nicht nur bestimmen, wo er den Cup verteidigen will, er legt auch die Kon¬struktionsmerkmale der Boote fest. Das ist so, als ob beim Fußball der Weltmeister entscheiden könnte: Beim nächsten Mal sind die Tore doppelt so groß, und Handspiel ist erlaubt.

Cup-Verteidiger ist diesmal Larry Ellison, der Gründer und Chef des Softwarekonzerns Oracle, der fünftreichste Mensch der Welt, geschätztes Vermögen 43 Milliarden Dollar. Ellisons Entscheidung: Gesegelt wird auf Katamaranen, 22 Meter lang, mit einem starren, 40 Meter hohen Flügel. Damit hat Ellison noch vor dem Start einen Großteil seiner Konkurrenten ausgebremst. Allein die Neuentwicklung der fliegenden Katamarane verlangt eine aufwendige Organisation, die selbst im Motorsport Maßstäbe setzen würde. Experten schätzen die Kosten einer Kampagne auf bis zu 300 Millionen Dollar. Die haben selbst einfache Milliardäre nicht so einfach flüssig. Nur Multimilliardäre und Konzerne können da mitspielen. Geplant war der Americaʼs Cup als grandioses Spektakel mit rund 15 Booten vor der Kulisse von San Francisco. Nun ist die Zahl der Teilnehmer auf vier zusammengeschmolzen.

Das letzte Manöver

Nach dem erfolgreichen Training gibt Iain Percy das Kommando, den Hafen anzulaufen. Die Mannschaft muss nur noch den Katamaran sicher nach Hause segeln. Doch diese Hochleistungsmaschine kann man nicht im Feierabendmodus durch die Bucht schaukeln, die kann nur Vollgas.

Eine winzige Winddrehung, die unerwartete Welle eines Motorboots, vielleicht ist einer aus der Crew einen Sekundenbruchteil nicht voll konzentriert – beim Segeln lassen sich nie alle Faktoren exakt rekonstruieren. Darum wird die Frage unbeantwortet bleiben: Was genau läuft schief, als Steuermann Nathan Outteridge das Manöver "Abfallen" einleitet?

Bei voller Fahrt fährt der Katamaran eine Drehung um über 90 Grad. Der Wind kommt jetzt nicht mehr von schräg vorn, sondern beinahe von hinten. Das radikale Abfallen ist auf allen Booten ein kritischer Moment. Der Druck im Segel steigt. Wird er nicht unmittelbar in Geschwindigkeit umgesetzt, legt sich das Boot auf die Seite.

Genau das geschieht. Artemis bekommt plötzlich Schräglage. Mehr als geplant. Während sich der eine Rumpf mehrere Stockwerke hoch in die Luft hebt, bohrt sich der andere tief ins Wasser. Den erfahrenen Seglern ist klar: Kentern ist unvermeidbar.

Steuern wie auf Eiern

Alle an Bord sind in ihrem Leben schon Hunderte Male gekentert, doch etwas Vergleichbares hat noch niemand erlebt. Wenn bei voller Fahrt ein Rumpf unter Wasser gedrückt wird, hat das eine Bremswirkung, als würde man gegen eine Wand fahren. Das Boot bleibt augenblicklich stehen und überschlägt sich. Der Katamaran verwandelt sich in ein gewaltiges Katapult. Männer werden im hohen Bogen durch die Luft geschleudert, 10, 20 Meter weit. Gleichzeitig produziert der riesige Flügel unbarmherzig weiter Vortrieb. Dieser Kraft hält die Kohlefaserkonstruktion nicht stand. Mit einem lauten Knall bricht die Verstrebung zwischen den Rümpfen. Der Katamaran faltet sich zusammen wie ein Blatt Papier.

Nicht weit entfernt, am Steuer des Oracle-Bootes, beobachtet Ben Ainslie die Kenterung. "Ich wusste gleich: Das ist kein normaler Unfall, das ist eine Katastrophe."

Nach einer Kenterung sammelt sich die Crew im Wasser und zählt erst mal durch. Das lernt man bei jedem Segelkurs.

Diesmal ist alles anders. Mannschaft und Wrackteile sind in einem Umkreis von 100 Metern verstreut. Keiner weiß, wo die anderen sind, alle brüllen durcheinander. Wertvolle Zeit verrinnt.

Iain taucht auf, spuckt Wasser und fuchtelt mit den Armen. Da spürt er, wie ihn jemand am Kragen packt und in ein Schlauchboot zieht. Das Rettungsteam ist da. Aber wo ist Bart? Iain schnauft und hustet noch, da suchen seine Augen bereits die Wasseroberfläche nach seinem Freund ab. Wie oft hat er das wohl schon gemacht in all den Jahren. Er sucht unbewusst, es ist ein Reflex. Aber Iain findet Bart nicht. Alle Segler des Teams tragen die einheitliche Crew-Ausrüstung. Und die Retter auf den Beibooten, von denen immer mehr an der Unfallstelle eintreffen – die auch. Bald sind 20 Personen in dem Trümmerfeld, und alle sehen fast identisch aus. Niemand weiß, ob die Crew gerettet ist, ob noch jemand vermisst wird. Iain sucht noch immer nach Bart. Fast zwei Minuten sind schon vergangen. Er schaut sich das Wrack an und weiß im selben Augenblick, was passiert sein muss. Barts Position war auf Höhe des Flügels. Als das Boot zusammenklappte, muss er zwischen zwei Trümmerteilen eingeklemmt worden sein. Wenn das stimmt, dann wird sein Freund in diesem Moment von dem Flügel unter Wasser gedrückt. Inzwischen schon seit drei Minuten. Die 10 bis 15 Atemzüge aus der Mini-Pressluftflasche müssen längst aufgebraucht sein. Wie lange kann ein Mensch die Luft anhalten?

Auch die Rettungsboote des Oracle-Teams eilen zum Unfallort, um zu helfen. Ben Ainslie bricht das Training ab und lenkt seinen Katamaran zurück zum Hafen. Er steuert wie auf Eiern. Seine Rettungsboote sind weg. Jetzt nur nicht kentern. Um die Oracle-Segler nicht zu beunruhigen, bekommen sie über Funk keine Informationen über das, was sich unweit der Golden-Gate-Brücke ereignet.

Bart, halt durch!

Dort ist inzwischen allen klar: Bart wird vermisst. Mehrere Segler und Retter klettern auf das Wrack und suchen von oben nach dem Vermissten. Andere springen ins Wasser und tauchen. Auch Iain. Das Wasser des Pazifiks in der Bucht hat selbst im Mai nur knapp über zehn Grad. Darum tragen die Männer Trockenanzüge. Nur am Kopf spüren sie die Kälte.

Iain entdeckt seinen Freund genau an der Stelle, wo er ihn vermutet hat. Ein Retter kommt als Erster bei dem Verunglückten an. Er zerrt an ihm, doch Bart steckt fest. Ein Segler des Teams kommt dazu. Er schiebt Bart das Mundstück seiner eigenen Luftflasche zwischen die Lippen und schwimmt zum Atmen zurück an die Wasseroberfläche. Einige Segler reißen ihre Pressluftflaschen aus der Halterung. Sie tauchen zu Bart hinunter und wechseln die Flaschen in seinem Mund. Einer nach dem anderem. Jeder bringt ihm zehn zusätzliche Atemzüge. Abschiedsgeschenke.

Niemand weiß, ob Bart noch bei Bewusstsein ist. Iain fühlt sich wie gelähmt. Er hat nur einen Gedanken: Bart, halt durch! Bart, halt durch! Bart, halt durch! Die Männer, die auf das Wrack geklettert sind, ziehen ihre Messer und arbeiten sich von oben zu Bart durch. Voller Verzweiflung hacken sie auf den Flügel ein. Schließlich gelingt es ihnen, die Leichtbaukonstruktion aufzubrechen. Mit Gewalt reißen sie das Loch weiter auf, bekommen Bart zu fassen und zerren ihn heraus. Bart atmet nicht mehr.

Noch auf dem Wrack beginnen die Retter mit der Wiederbelebung. Sie heben den Verletzten in ein Schlauchboot. Da springt Iain ins Boot, schnappt sich Barts Hand und lässt sie nicht mehr los. Nicht während der Fahrt zum Ufer, nicht am Steg, nicht in der nächsten halben Stunde, während die Ärzte versuchen, Bart ins Leben zurückzuholen. Doch er atmet nicht wieder. Andrew Bart Simpson ist tot.

Als Iain Percy sich schließlich von dem Toten verabschiedet, weiß er: Das Schwerste kommt erst noch. Einer muss es Leah sagen, Barts Frau. "Bart war mein bester Freund, Leah und ich sind Freunde, ich bin verrückt nach den Jungs. Niemand außer mir hätte es ihr sagen können."

Endlich legt auch Ben Ainslie mit seinem Oracle-Katamaran an. Über Funk sind die Kollegen an Land längst informiert worden. Als Ben von Bord geht, sieht er das Entsetzen in den Gesichtern der Hafen-Crew. Kurz darauf weiß er: Es ist Bart.

Einige Wochen später

Das San Francisco Police Departement hat den Unfall und Andrew Simpsons Tod genau untersucht, doch ihr Bericht bleibt unter Verschluss. Noch immer ist unklar, woran genau der Segler gestorben ist. Wie schwer wurde er beim Zerbrechen des Katamarans verletzt? War er noch bei Bewusstsein, als seine Freunde ihm die Luftflaschen in den Mund steckten?

Längst ist allen klar: Die riesigen AC72 sind ein Irrweg des Segelsports. Ende September wandern sie ins Museum. Doch dieser eine Americaʼs Cup wird auf den gefährlichsten Booten der Welt zu Ende gesegelt. Eisern. Auch das Artemis-Team will starten. Mit Iain an Bord. "Eigentlich bin ich noch lange nicht so weit", sagt er. "Aber Bart hätte gesagt: ,Reiß dich zusammen.ʻ Er hätte gewollt, dass ich weitermache."

Iain Percy sitzt in der Lounge, wartet auf seinen Flug von San Francisco nach England. Er erzählt von seinen Plänen, eine Andrew-Simpson-Stiftung zu gründen, die Nachwuchssegler fördern soll. Eine internationale Regatta will er zu Ehren seines Freundes veranstalten, in Southampton, wo sie einst an der Pier Lego spielten. Es kostet ihn noch immer viel Kraft, nicht an den Mann unter Wasser zu denken, sondern an den Freund, mit dem er die schönsten Momente seines Lebens geteilt hat. "Nach unserem Goldrennen in Peking hatten wir noch ein paar Stunden Zeit bis zur Siegerehrung. Da sind wir in irgendeine total runtergekommene Kneipe. Bart hatte mindestens zehn Bier, und bei der Siegerehrung hat er Rotz und Wasser geheult." Iain Percy ist ein Mann, dessen XXL-T-Shirt über den Oberarmen spannt, mit einem Händedruck, mit dem man Elche erwürgen könnte. Jetzt schweigt er und ringt um Fassung. Dann beugt er sich vor, zieht sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche und holt ein völlig abgegriffenes Foto heraus. Es zeigt das glücklich lächelnde Gesicht von Bart Simpson. Dem Menschen seines Lebens.

"Ich muss los, mein Flug", sagt Iain Percy und packt das Foto vorsichtig wieder ein. "Sonst saß ja immer Bart neben mir. Allein fliegen – noch so was, das ich jetzt lernen muss."

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