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Olympia 2012: Die Nerven liegen blank

Terrorverdächtige am laufenden Band: In London geht kurz vor den Olympischen Sommerspielen die Angst vor einem Anschlag um. Sicherheitskräfte zeigen mit den Festnahmen aber auch: Wir sind auf der Hut!

Im Nachhinein wirkt es ein wenig wie bei Tollpatsch-Spion Johnny English: Sprengstoffhunde, Polizei-Sondereinheiten, Hubschrauber - alle suchen nach der ominösen Bombe in einem Billig-Bus auf der Fahrt vom britischen Preston nach London. Die Bilder von dem blauen Überlandbus, einsam auf dem Standstreifen auf der gesperrten Autobahn geparkt, gehen um die Welt. Das Verteidigungsministerium wird alarmiert. Am Ende stellt sich heraus: Keine Verletzen, kein Verdächtiger, keine Bombe. Ein Inhaliergerät zur Raucherentwöhnung, das einem Mitreisenden verdächtig vorgekommen war, hatte den ganzen Trubel ausgelöst.

Knapp drei Wochen vor den Olympischen Spielen in London ist die Aufregung in der britischen Hauptstadt groß, die Nerven scheinen blank zu liegen. Fast zeitgleich mit dem Busvorfall wurden in London sechs Terrorverdächtige festgenommen - fast exakt sieben Jahre nach dem 7. Juli 2005, als in der Londoner U-Bahn sowie in einem Doppeldecker-Bus mehrere Bomben hochgegangen waren. 52 unschuldige Menschen starben damals. Der Stachel sitzt noch immer tief im Fleisch der Londoner. Niemand will noch einmal ein solches Blutbad erleben.

Jonathan Evans, Chef des Inlandgeheimdienstes MI5, goss noch zusätzlich Öl ins Feuer. "Es gibt in den Hinterzimmern, und auf den Autositzen und auf den Straßen dieses Land keinen Mangel an Leuten, die terroristische Anschläge hier verüben möchten", sagte er. "Die Bedrohung ist real und sie bleibt uns erhalten." Den drastischen Worten steht entgegen, dass derzeit mit "substanziell" nur die dritthöchste Terrorwarnstufe auf der Skala gilt.

Ausgaben für die Sicherheit wurden deutlich erhöht

Und auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) bleibt gelassen: "Soweit wir wissen, hat das alles überhaupt nichts mit Olympia zu tun", sagte eine Sprecherin am Donnerstag. "Wir bleiben weiterhin zuversichtlich, dass die Behörden das Thema Sicherheit im Griff haben."

Trotzdem wurden die Ausgaben für die Sicherheit bei den Olympischen Spielen in den vergangenen sechs Monaten gegenüber den ursprünglichen Planungen deutlich erhöht, von 1,2 Milliarden Pfund ist inzwischen die Rede. Die britische Armee bietet für das eigentlich friedliche Treffen der "Jugend der Welt" mehr Soldaten auf, als sie gegenwärtig in Afghanistan im Einsatz hat - dort sind rund 9500 britische Soldaten stationiert.

Und vor allem die Sicherheitsbehörden wollen sich nichts nachsagen lassen. In schöner Reihenfolge wurden in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder sogenannte Terrorverdächtige festgenommen. Vor gut einer Woche waren es zwei zum Islam konvertierte Briten. Im April waren drei Männer am größten Londoner Flughafen Heathrow festgenommen worden - kurze Zeit später waren sie wieder auf freiem Fuß.

Sicherheitsaufgebot eine Demonstration der Stärke

Wenig später schlug Scotland Yard in Luton im Norden Londons zu. Diesmal griffen die Polizisten fünf Verdächtige auf. Sie hatten Pläne geschmiedet, so der Verdacht, mit einem ferngesteuerten Spielzeugauto Sprengstoff in eine Armee-Kaserne zu bugsieren. Am Donnerstag dann erneut ein Zugriff in London: Fünf Männer und eine Frau wurden unter Terrorverdacht festgenommen, ein 24-Jähriger sogar mit einem Elektroschocker angeschossen, es soll sich um Islamisten handeln. Genaueres sagt die Polizei nicht. Nur soviel: Die Bedrohung war nicht akut.

Ob die vielen Festnahmen Anlass für Angst vor einem Olympia- Attentat 40 Jahre nach der Katastrophe von München 1972 sein sollten? Oder ob sie vielmehr Ausdruck der Angst mit leicht paranoiden Zügen sind, wie Kritiker vermuten? Über diese Fragen rätselt halb London vergebens. Die Sicherheitsleute geben sich zugeknöpft.

Tatsache ist, dass das Sicherheitsaufgebot vor den Olympischen Spielen zumindest nach außen hin auch als Demonstration der Stärke aufgefasst werden kann. Ein Kriegsschiff auf der Themse, Eurofighter-Jets außerhalb der Stadtgrenzen in Alarmbereitschaft und Boden-Luft- Raketen auf Wohnhäusern neben dem Olympiastadion sind die äußeren Zeichen. Nicht alle in London sind einverstanden. Anwohner der von den Raketenstationierungen betroffenen Häuser haben bereits Klage eingereicht.

Michael Donhauser, DPA / DPA

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