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USA verlieren Eishockey-Halbfinale gegen Kanada: Müde. Verzweifelt. Ratlos

Wieder hat es nicht geklappt mit der Revanche. Nach Vancouver verlieren die US-Eishockey-Boys erneut bei Olympia gegen ihren Rivalen aus dem Nachbarland. Das 0:1 klingt am Ende fast schmeichelhaft.

Von Christian Ewers, Sotschi

Es gibt das berühmte Wort von Gary Lineker, wonach Fußball das Spiel ist, bei dem 22 Menschen einem Ball nachjagen und am Ende immer Deutschland gewinnt. Im Eishockey gibt es eine ähnliche Gesetzmäßigkeit, bloß dass die Glücklichen dort nicht Germanen sind, sondern Kanadier. Sie triumphieren am Ende der großen Partien. So war es, als sie im Finale der Winterspiele 2010 die USA schlugen; so war es am Freitagabend im Eispalast Bloschoi, als sie abermals die Amerikaner besiegten – wieder mit 1:0, diesmal im Halbfinale.

"Sie liegen uns einfach", sagt Duncan Keith, Verteidiger im kanadischen Team, nach dem Spiel, und er grinste dabei ein sehr breites Grinsen. Keith hatte so ziemlich jeden amerikanischen Angreifer aus dem Weg geräumt, der dem eigenen Tor zu nahe kam; Keith ist nicht der kräftigste Abwehrmann und mit 1,83 Meter auch nicht besonders groß – aber er ist schnell, ein gerissener Puckdieb, erprobt in mehreren hundert Partien für die Chicago Blackhawks in der NHL.

"Es ist unser Schicksal, aufeinanderzutreffen"

Die US-Profis waren schnell verschwunden in ihrer Kabine; nur Stürmer David Backes bemühte sich um eine Erklärung für die Niederlage. Er fand keine. Backes redete viel, sein Körper aber hatte die Form eines Fragezeichens. Gebeugt stand er in der Mixed-Zone, der beste Mann der Amerikaner, Stürmer von den St. Louis Blues, fast 100 Kilo schwer. "Wir haben alles versucht, alles", sagte Backes, und er klang dabei müde, verzweifelt, ratlos.

Es war da kurz vor Mitternacht in Sotschi. Drinnen, in der Halle, wurde schon der Müll von den Tribünen gefegt.

Das Team USA hatte das Semifinale zur großen Revanche erklärt. "Diese Ansetzung wollten wir, jetzt gibt es die Revanche!", sagte US-Trainer Dan Bylsma, und Torwart Jonathan Quick glaubte sogar an Fügung: "Es ist unser Schicksal aufeinanderzutreffen."

US-Boys investierten zu wenig

Für eine große Wiedergutmachung investierten die Amerikaner jedoch zu wenig. Die Kanadier kämpften leidenschaftlicher – und das nicht nur in der Defensive. Die Sturmreihen waren unermüdlich unterwegs; selten wohl war die Binsenweisheit, dass Angriff die beste Verteidigung ist, so zutreffend wie in dieser Freitagnacht in Sotschi.

Die Kanadier zeigten ihre bislang beste Leistung im olympischen Eishockeyturnier. In dieser Form sollte am Sonntag, am Schlusstag der Winterspiele, auch Finalgegner Schweden zu schlagen sein. Schweden hatte im zweiten Halbfinale Finnland mit 2:1 besiegt.

Sehnsüchtige Gesänge auf die Sbornaja

Auffälligster Spieler bei den Kanadiern war Sidney Crosby, Schütze des Siegtores in Vancouver 2010 und in der NHL bei den Pittburgh Pinguins unter Vertrag. Crosby ist mehr als ein Stürmer – er so etwas wie die Nummer 10 im Fußball: Ideengeber, Taktgeber, Regisseur, ständig anspielbereit, fähig und gewillt, seine Mitspieler zum Glänzen zu bringen.

Crosby bekam am Freitag Szenenapplaus vom russischen Publikum. Und das heißt etwas. Der Schmerz über das frühe Ausscheiden der Sbornaja, dem Nationalteam, ist groß im Gastgeberland. Immer, wenn die Partie mal kurzzeitig stockte, stimmte das Publikum sehnsüchtige Gesänge auf die Sbornaja an. Aber gegen diese Kanadier, gegen diesen Sidney Crosby, wäre auch ein russisches Team in Bestform ohne Chance gewesen. Das ahnten, das fürchteten alle in der Bolschoi Arena.

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