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Kommentar

Olympia im TV: Bei ARD und ZDF wird aus dem spannendsten Wettkampf eine behäbige Veranstaltung

Alles Gewohnheit? Nur noch Routine? ARD und ZDF haben Mühe, die Emotionen bei Olympia rüberzubringen. Darin macht ihnen die Konkurrenz einiges vor. Für die Fußball-WM gibt es einen großen Wunsch.

Jubel des Eishockey-Teams bei Olympia 2018 in Pyeongchang - ARD/ZDF bringen Emotionen nur mäßig rüber

Eishockey-Sensation bei Olympia durch Deutschland: Wie emotional sollten Sportreporter werden?

DPA

Überbordender Jubel und abgrundtiefe Enttäuschung - Sport ist ohne Emotionen kaum vorstellbar. Außer bei ARD und ZDF, so scheint es. Zwar haben die beiden öffentlich-rechtlichen Sender das Quotenrennen um die Olympia-Berichterstattung gegen Eurosport, den Sender des TV-Rechteinhabers Discovery, trotz mancher Beschränkung als Zweitverwerter klar gewonnen, doch wenn es um Emotionalität geht, hinken die Reporter des Ersten und Zweiten den Kollegen im Privatkanal deutlich hinterher.

Klarer als bei der Eishockey-Sensation durch das deutsche Team, das den Goldfavoriten und Weltmeister Schweden aus dem Turnier warf und erstmals überhaupt ein Olympia-Halbfinale erreichte, hätten die Unterschiede kaum sein können. Dabei war für ARD-Verhältnisse schon deutlich mehr Begeisterung zu spüren als üblich. (Die Zusammenfassung mit ARD-OriginalkommentarDie Eurosport-Kommentatoren aber waren die gesamte Spielzeit mit vollem Eifer dabei. Und als der Schiedsrichter letztlich den entscheidenden deutschen Treffer in der Verlängerung mit den Worten "We have a good goal" bestätigte, rasteten die beiden völlig aus. Später skandierten sie sogar den Namen des Siegtorschützen: "Paaatrick Reimer!" (Die Zusammenfassung mit Eurosport-Originalkommentar)


ARD und ZDF: Zu gebremst, zu behäbig

Was die Herren in Eurosport-Diensten da beim Eishockey veranstalteten, muss man keineswegs mögen. Sie entschieden sich in diesem Moment fürs Fansein, Journalismus war das nicht mehr. Doch Journalismus muss andererseits nicht bedeuten, frei von Emotionen zu bleiben - schon gar nicht in der Sportberichterstattung. Im Eurosport-Programm ist das während anderer Olympia-Entscheidungen mehrfach durchaus gelungen - zum Beispiel beim locker und freudig kommentierten Team-Gold der Nordisch-Kombinierten.

Die allzu professionelle Gebremstheit, die ARD- und ZDF-Moderatoren dagegen so häufig an den Tag legen, nervt genauso wie zügelloses Gebrüll. Die auferlegte Zurückhaltung macht oft aus dem spannendsten Wettkampf eine behäbige Veranstaltung. Das wird dem Ereignis nicht gerecht und hat sich ganz sicher überlebt. Emotionalität braucht Lockerheit, nicht immer das mit Bedacht gewählte Wort. Emotionalität braucht Lust auf das, was man da kommentiert - und Freude darüber, was man da sieht. Viel zu selten gelingt es den ARD- und ZDF-Moderatoren das rüberzubringen.

Nächste Chance: Fußball-WM in Russland

Und das gilt nicht nur für Olympia. Es ist bezeichnend, dass der BBC-Kommentar zum legendären 7:1 der deutschen Fußball-Weltmeistermannschaft gegen Brasilien bei der letzten WM zum Netzhit wurde - keineswegs der Original-Kommentar aus dem deutschen Fernsehen. Das britische Tandem legte in seinen Kommentar jene Mischung aus Information und Fachwissen, Freude am Ereignis an sich, Begeisterung über die sportliche Sensation und Erstaunen über das Miterlebte, die eine moderne, emotionale und kompetente Sportmoderation ausmacht. Eine Moderation, die wie das Ereignis selbst die Zeit überdauert.

Kurz gesagt: Es genügt nicht, "Wahnsinn" zu sagen, man muss es auch so meinen, so spüren. Die nächste Chance, es in diesem Sinne besser zu machen, haben ARD und ZDF schon im Sommer während der Fußball-WM in Russland. Dann sollten sich die Öffentlich-Rechtlichen ein Beispiel an den BBC-Kollegen nehmen. Denn diese Art der Moderation macht nicht nur beim Fußball Spaß; die passt auch zu Olympia.


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