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Kirsten Bruhn: "Ich schwimme nur für mich"

Schwimmerin Kirsten Bruhn ist seit einem Unfall vor 21 Jahren querschnittsgelähmt. Vom Umgang mit ihrer Behinderung und der Vorbereitung auf die Paralympics erzählt sie im Nachwuchsreporter-Interview.

Sie hatten 1991 einen Motorradunfall und haben seitdem eine inkomplette Querschnittlähmung. Was genau bedeutet das?
Das bedeutet eigentlich nichts anderes als, dass das Rückenmark nicht durchtrennt ist, sondern, dass noch Restfunktionen der Nervenimpulse, die durch das Rückenmark fließen, vorhanden sind.

Wie hat sich Ihr Leben seitdem verändert?
Extrem! Spontaneität und jugendliche Frische sind mir vom einen auf den anderen Tag genommen worden und das ist schon eine große Veränderung. Man muss sich umorganisieren, umdenken und vor allem muss man Geduld walten lassen, weil alles Zeit braucht und anders funktioniert. Man ist plötzlich ein Mensch mit Behinderung, was heute noch nicht unbedingt überall gern gesehen und akzeptiert wird. Zwar wird Integration auch in der Politik viel diskutiert, doch umgesetzt wird es leider selten, und Inklusion schon gar nicht.

Nach Ihrem Unfall mussten Sie Ihre Zukunftspläne ändern. Beschäftigen Sie sich heute noch mit Graphik und Design, ist das ein Hobby? Wenn ja, was genau machen Sie?
Grafik und Design ist nach wie vor ein Hobby von mir, doch ich kann es leider nicht leben, weil ich die Zeit dafür nicht habe. Da steht das Schwimmen einfach an erster Stelle – nicht nur mental, sondern auch im Zeitmanagement.

Woher nehmen Sie Ihre Motivation, auf einem so hohen Niveau Sport zu treiben?
Ich denke, das bin einfach ich, mein Charakter. Ich bin auch vor meinem Unfall Leistungsschwimmerin gewesen. Es macht mir Spaß. Schwimmen ist ein toller Sport! Ich kann es, ich bin gut darin, ich habe Talent und meine Erfolge zeigen mir, dass es sich lohnt dranzubleiben und manchmal an meine Grenzen zu gehen.

Wie Sie schon sagen, Sie haben Talent und konnten viele Erfolge feiern. Welcher ist Ihnen bisher am wichtigsten?
Da gibt es keine bestimmten, die mir am wichtigsten sind. Immer wenn ich anschlage, auf die Zeitanzeige gucke und sehe, dass ich eine neue Bestzeit geschwommen bin, dann ist das eine wahnsinnige Freude und Genugtuung für mich und ich mache diesen Sport auch nur für mich. Und ich glaube, das ist der Punkt: Ich schwimme nicht um berühmt zu sein, sondern ich mache es einfach um mir zu beweisen, dass ich es noch kann – ob mit oder ohne Behinderung.

Bei den Paralympischen Spielen 2008 in Peking waren Sie ja auch äußerst erfolgreich. Was ist Ihnen von den Paralympics in Peking besonders in Erinnerung geblieben?
Es war eine Tortur, diese Gummi-Badeanzüge anzuziehen! Die sind nämlich so eng, dass man es nicht schafft, alleine hineinzukommen. Man braucht immer zwei Helfer, die einem dann in diesen Anzug helfen. Die Beine und der Korpus werden mit Babypuder eingepudert, damit das Gummi besser über die Haut rutscht. Der ganze Akt ist also sehr anstrengend. Und nicht nur das: Es war auch mental eine sehr schlimme Erfahrung, so dass ich im Nachhinein unglaublich froh war, dass diese Anzüge ab 2010 verboten sind.

Sie nehmen ja auch an den Paralympics in London teil – wie bereiten sie sich darauf vor?
Ich trainiere an 6 Tagen in der Woche vier bis fünf Stunden täglich. Davon bin ich aber nur zwei Stunden im Wasser, der andere Teil des Trainings besteht aus Kraft- und Athletikeinheiten.

Das hört sich nach einem sehr umfangreichen Training an! Beim Behindertensport gibt es verschiedene Klassifizierungen in die man, je nach Stärke der Behinderung, eingeteilt wird. Wie wird dies beim Schwimmen geregelt und in welcher werden Sie starten?
Beim Schwimmen gibt es 14 Startklassen. Je niedriger die Zahl ist, desto schwerwiegender ist die Behinderung. Das geht dann zum Beispiel von erheblich körperlichen Behinderungen bis hin zu leicht lernbehinderten Athleten. Ich befinde mich da recht im Mittelfeld: Bei der Brustdisziplin bin ich in der Startklasse SB5 und Rücken und Freistil in der S7.

Wie viele Athleten starten in einer Startklasse?
In meinen Startklassen sind wir ungefähr 30-40 Sportler.

Schwimmen ist also eine der am weitesten verbreiteten Sportarten im Behindertensport. Der Behindertensport an sich ist in den Medien im Moment noch zu wenig präsent. Glauben Sie, dass die Paralympischen Spiele einen Teil dazu beitragen, dass dieser mehr und mehr in den Fokus rückt?
Alle vier Jahre sind wir durch die Paralympics sowieso immer viel in den Medien; ich würde mir wünschen, dass das nicht nur in dieser Zeit so wäre, sondern auch in den Jahren dazwischen. Denn wir haben, genau wie andere Sportler auch, neben den Paralympics auch Europa- und Weltmeisterschaften im Wechsel. Aber ich denke, das Medieninteresse wird nach diesen Paralympischen Spielen weiter ansteigen, so dass dann auch die breite Masse der Bevölkerung etwas von unseren Leistungen erfährt.

Wo sehen Sie Ihre sportliche Karriere in zehn Jahren?
(lacht) Auf dem Rentenkissen. Ich werde definitiv nur noch das nächste Jahr im paralympischen Bereich aktiv sein. Danach werde ich aus der Nationalmannschaft austreten und habe dann drei Paralympische Spiele miterlebt. Dann ist für mich die Sache rund und es reicht dann.

Was würden Sie Menschen, die wie Sie von heute auf Morgen mit einer Behinderung klarkommen müssen, raten?
Nicht so viel nach hinten zu blicken und nur das zu sehen, was nicht mehr geht, sondern sich auf die Dinge konzentrieren, die möglich sind, so dass man diese verbessern kann. Alten Zeiten nachzutrauern macht keinen Sinn. Das frustriert nur und macht depressiv und bringt einen im Leben nicht vorwärts. Man sollte sich ein Hobby suchen, das man trotz Behinderung leben kann. Ob das nun Schneidern, Malen oder wie bei mir das Schwimmen ist, spielt keine Rolle. Es ist nur wichtig, die Möglichkeiten, die einem gegeben sind, zu nutzen.

Vielen Dank für das Interview. Wir drücken ihnen natürlich die Daumen, dass die Paralympischen Spiele in London ein voller Erfolg werden. Vielleicht sind wir mit unserer Arbeit als Nachwuchsreporter vor Ort und haben die Gelegenheit, einen Ihrer Wettkämpfe zu besuchen.
Ich würde mich freuen!

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