5. NBA-Final Nichts für schwache Nerven


Schön war's nicht gerade, aber an Spannung war das fünfte Spiel des NBA Finals zwischen den Dallas Mavericks und Miami Heat kaum zu überbieten. In der buchstäblich letzten Sekunde der Overtime besiegte Miami das Team um Dirk Nowitzki mit 101:100.
Helmut Werb, Los Angeles

Der Krieg der Worte hatte gleich nach dem vierten Spiel begonnen, in dem Miami die Best-of-Seven Serie mit 2:2 ausgleichen konnte. Mavericks Coach Avery Johnson schimpfte über die Ein-Spiel-Strafe, die sein heißlaufender Reservist Jerry Stackhouse absitzen musste, nachdem dieser Shaq mit einem rüden Foul in die Zuschauerränge befördert hatte. Miamis Pat Riley beschwerte sich über den Vorwurf, sein Team würde zu hart rangehen. "So was wird ganz gern dazu benutzt, die eigenen Spieler zu motivieren", grummelte er. "Jedes Team geht mit seinen Niederlagen eben anders um." Der einzige, der sich überraschenderweise zurückhielt, war der sonst recht ausdrucksstarke Besitzer der Dallas Mavericks, der exzentrische Milliardär Mark Cuban, der seine Stars gerne mal zum abendlichen Wettwurf mit dem Boss einlädt. Psychologische Kriegsführung pur: Trainer Johnson zog sein Team in aller Öffentlichkeit von einem Luxus-Hotel in Downotwn Miami in eine bescheidenere Herberge in Fort Lauderdale um. "Das war hier ja wie im Urlaub hier!", schnauzte der Coach des Jahres über das vermeintliche Lotterleben seines eigenen Teams. Und das Publikum in Miamis Arena begrüßte Dirk Nowitzki mit lauten "David Hasselhoff"-Rufen in Anspielung auf dessen Vorliebe für die Musik des alternden Baywatch-Stars.

Als dann endlich ein Basketballspiel angepfiffen wurde, waren - zumindest in der ersten Hälfte - die außerordentlich ansehnlichen Auftritte der Miami Cheerleaders das eindeutig Attraktivste auf dem Parkett. In einer verbissenen Abwehrschlacht bekämpften sich Dallas und Miami wie zwei Schwergewichtsboxer, die sich gegenseitig im Ring belauern, ohne den entscheidenden Punch zu schlagen. Mit der Sperre von Jerry Stackhouse fehlte Dallas eine wichtige Offensiv-Waffe, was Nowitzki dazu zwang, die gesamte erste Hälfte ohne Pause auf dem Court zu bleiben, wo er so knallhart und hautnah bewacht wurde, dass er sich zum Stirnrunzeln auf die Bank hätte setzen müssen. Die beiden Stars von Miami, Dwyane Wade und Shaquille O'Neal zogen Doppel- und Dreifachverteidigung auf sich, und waren zum großen Teil kalt gestellt. Bis zur Hälfte des ersten Viertels führte zwar Miami, konnte sich aber nicht entscheidend absetzen - auch weil Wade nicht wirklich mitspielen konnte - und nachdem einer der Kleinsten, Jason Terry von den Mavericks, das Spiel an sich gerissen hatte, führten die Mavs zur Halbzeit mit 51:43 Punkten. Wie in den Spielen davor bewiesen vor allem die 1b-Stars der Mavs ihre Klasse: während Dirk (und Shaq) jeweils nur 8 Punkte erzielen konnte, scorten sowohl Terry als auch Dallas-Teamkollege Josh Howard 19 Punkte.

Offensichtlich hatte Avery Johnson vom verhaltenen Belauern des Gegners Dallas die Nase voll, denn die Mavs begannen die zweite Hälfte sehr aggressiv. Während der Dirkster seine Kräfte offensichtlich einteilte - und 16 Minuten brauchte, um seinen neunten Punkt zu machen - spielten Terry und das blutjunge Talent Devin Harris Miami an die Wand. Bis zum Ende des dritten Viertels jedenfalls. Dann fielen die Mavericks wieder in ihre alten Fehler zurück - Turnovers und nicht vorhandene Rebounds. Und ohne großes Aufsehen war Miami zu Beginn des vierten Quarters bis auf 70:71 an Dallas herangekommen.

Loser der letzten Viertel

Eigentlich sollten Dirk & Co. dafür plädieren, das Spiel nach dem dritten Viertel abzupfeifen, denn immer mehr entwickeln sich die letzten zwölf Minuten zum Alptraum der Texaner. Kaum war eine Minute gespielt, führte Miami, und nach einem hervorragenden Baseline-Spiel Shaqs stand es 74:73. Jason Terry scorte einen sensationellen Drei-Punkter, Dirk trickste nach fünf Minuten im vierten Viertel Miamis Super-Verteidigung aus und es stand 79:76 für Dallas. Beide Coaches, Johnson und Ruley, spielten Court-Schach, Dallas verlegte sich auf "Hack-A-Shaq", und foulte den miserablen Freiwurf-Schützen Shaq sofort nach Miamis Ball-Annahme. Das Spiel blieb eng. Wade, der sich endlich aus der Umklammerung der Dallas-Verteidiger lösen konnte, scorte mit 1:08 Minuten zur 89:91 Führung, zwanzig Sekunden später glich Dirk aus. Wade, mit 17 Punkten allein im vierten Quarter, machte seinem Namen als Super-Hero alle Ehre, warf sich in den nicht gerade zwergenhaften Adrian Griffin und versenkte einen "Atemrauber" zum 93:93 Ausgleich und der zehnten Overtime der NBA Playoffs.

Danach ließen die Teams alle Gedanken an Verteidigung in der Versenkung verschwinden und es kam zum offenen Schlagabtausch. In den fünf Minuten der Verlängerung führte kein Team mit mehr als zwei Punkten, und am Schluss waren es wieder ein überragender Dwyane Wade (der mit insgesamt 43 Punkten seinen persönlichen Rekord übertraf) und ein dummer Fehler von Josh Howard, der mit 1,9 Sekunden auf der Uhr und beim Stand 100:100 zum Entsetzen seines Coachs Johnson eine Auszeit forderte. Wade versenkte seinen letzten Freiwurf, Harris versuchte noch einen Verzweiflungswurf, aber ohne Erfolg. Endstand 101:100 für Miami, und die 3:2 Führung in der Endspielserie.

Nowitzkis Wutausbruch

Dirk Nowitzki, total frustriert, ließ seinen Zorn - wohl auch um seine eigene, eher durchwachsene Leistung (20 Punkte, acht Rebounds) - an den wehrlosen Ziegelsteinen der American Airlines Arena aus, und trat ganz nebenbei noch ein Exercycle zu Schrott. Miami Coach Pat Riley konnte den Wutausbruch nicht verstehen. "Das war eines der größten Spiele, an denen ich je teilgenommen habe", sagte er nach dem Gewinn, und er muss es wissen - immerhin hat er schon vier Meisterschaftsringe an den Fingern. Dwyane Wade will endlich seinen eigenen: "Man", keuchte er ins Mikrophon einer bewundernden Reporterin. "Jetzt können wir den Titel schon riechen."

Da hat seine "Nowitzness" noch mitzureden, obwohl das Selbstwertgefühl des Basketball-Teutonen nach drei Miami-Siegen hintereinander doch sichtlich erschüttert sein dürfte. "Wir verlassen uns auf unsere Fans in Dallas", sagte er nach dem Spiel verkniffen. Vielleicht hat er ja Recht – Miami müsste jetzt mindestens eines der beiden Auswärtsspiele in Texas gewinnen, damit Wade sich seinen Wunsch erfüllen könnte. Und das hat Miami in der letzten Zeit noch nicht geschafft.


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