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Air-Race-Pilot Dolderer: "Das ist so, als hättest du Sex"

Adrenalin-Junkie Matthias Dolderer ist einziger deutscher Air-Race-Pilot in der "Formel 1 der Lüfte". Die Liebe zum Fliegen hat ihn in den Kreis der 15 weltbesten Piloten gebracht. Im stern.de-Interview spricht er über Zuschauerrekorde, irrsinnige Glücksgefühle und Sebastian Vettels Jungfernflug.

Herr Dolderer, Sie sind in diesem Jahr als Rookie beim Red Bull Air Race dabei und einer der 15 besten Piloten der Welt. Wie fühlt sich das an?

Das ist ein super Gefühl, in der Elite-Gruppe dabei zu sein. Es ist etwas Besonderers, aber du denkst auch nicht jeden Tag: Ach, was bin ich gut... Man versucht, es zu genießen und seinen Job zu machen.

Wie sind Sie überhaupt in den Kreis der Air-Race-Piloten gekommen?

Wir kommen alle aus dem Kunstflug. Jeder fängt klein an mit dem Fliegen. Man baut immer mehr Erfahrung auf, gewinnt den Spaß am Kunstflug und macht seine Lizenz. Und irgendwann möchte man sich mit anderen messen und wissen: Wie gut bin ich eigentlich?

Was unterscheidet das Air Race vom gewöhnlichen Kunstflug?

Beim Kunstflug hört 100 Meter über dem Grund der Spaß auf – das ist das Minimum, das man fliegen kann. Die Piloten beim Air Race fliegen in 10 bis 20 Meter Höhe gegen die Zeit und machen keine Figuren, die von einem Schiedsrichter bewertet werden. Das Air Race ist die Formel 1 der Lüfte und bedeutet für mich: Mensch, Maschine und die Uhr. Als es 2003 losging, lagen noch 30 bis 40 Sekunden zwischen dem Ersten und dem Letzten, heute fliegen sieben oder acht Piloten Zeiten innerhalb einer Sekunde. Es ist richtig eng geworden.

Das Air Race sieht unglaublich spektakulär aus. Wie fühlt es sich an, bei solchen Geschwindigkeiten durch die Luft zu sausen?

Jedes Mal, wenn du in den Kurs rein gehst, ist das so, als hättest du Sex. Das ist einfach geil und du kannst es kaum erwarten. In dem Moment, in dem es losgeht, entstehen irrsinnige Glücksgefühle. Das ist Wahnsinn und für mich die Erfüllung eines Traums. Wenn man durch das erste Gate fliegt, ist das so, als wollte ich mit 400 km/h in eine Garage einparken. Beim ersten Mal dachte ich: Das geht doch gar nicht. Aber irgendwann ist es ganz normal. Es sind Höchstleistungen, die Körper, Geist und natürlich auch die Maschine vollbringen müssen.

Was geht dann in Ihrem Kopf vor? Die Konzentrationsleistung muss enorm sein.

Wir gehen unseren Flug zigmal mental durch. Wenn es losgeht, gibt es keine Nervosität mehr und man nimmt auch nichts mehr wahr. Es rückt absolut in den Hintergrund, über welche Stadt man fliegt oder wie viele Leute unten stehen. Da ist nur noch der Pilot und der Kurs. Du bist total fokussiert und es zählt nur noch das Hier und Jetzt.

Wie nervös waren Sie vor Ihrem ersten Rennen?

Eigentlich war da keine Nervosität, eher Vorfreude. In dieser Beziehung ist jeder Pilot anders. Manche sind wegen der großen Medienpräsenz oder dem Erfolgsdruck aufgeregt. Du musst es schaffen, alles andere auszublenden und dich nur darauf zu konzentrieren, was in den nächsten eineinhalb Minuten vor dir liegt.

Gab es auch schon riskante Momente, die sie erlebt haben?

Das Air Race existiert seit sechs Jahren und bis jetzt ist kein Zwischenfall passiert. Es gibt im Gegensatz zum Motorsport natürlich kein Kiesbett, was einen abfängt. Wir fliegen in 10 Metern Höhe und wenn man dann einen Fehler macht, dauert es nicht einmal eine halbe Sekunde und man liegt am Boden. Die Kurse sind allerdings so gebaut, dass wir nie zur Gefahr für die Zuschauer werden. Wenn ein Motor kaputt geht oder stehen bleibt, können wir immer noch im Wasser landen. Außerdem ist immer nur ein Flieger in der Luft, sodass es nicht zu Kollisionen kommen kann. Wenn du nicht fit bist und einen groben Fehler machst, kann es natürlich gefährlich werden.

Die Belastung ist gigantisch. Welche Kräfte wirken auf den Körper?

Wir fliegen teilweise bis zu 12 g. Das ist das 12-fach der eigenen Körperlast. Bei 180- und 270 Grad-Kurven werden diese hohen g-Zahlen erreicht. Es ist nicht nur das Gewicht, das auf einen wirkt. Der ganze Körper sackt zusammen, die Wirbelsäule wird um drei Zentimeter gestaucht, die Innereien gehen hoch und runter und das Blut wird nach unten gezogen. Wenn man da nichts gegen tun würde, würde das Blut den Kopf verlassen und es gäbe keine ausreichende Sauerstoffversorgung mehr. Dann kommt der Tunnelblick und irgendwann die Bewusstlosigkeit. Um so einen Blackout zu verhindern, sitzen die Piloten in etwa 30 Grad Rückenlage mit relativ hoch gelagerten Füßen und tragen Schutzanzüge, die das schnelle Abfließen des Blutes aus dem Kopf verhindern. Der Anzug gibt eine zusätzliche Sicherheit und wird auch von den Piloten des Eurofighter getragen.

Die große deutsche Formel-1-Hoffnung Sebastian Vettel hat sich auch schon zu Ihnen ins Cockpit getraut. Sie beide lieben die Geschwindigkeit. Wie hat er seinen Jungfernflug überstanden?

Für Sebastian war es beeindruckend, die hohen g-Zahlen zu empfinden und die Manövrier-Fähigkeit des Flugzeugs zu spüren. Das ist wie in einem Formel-1-Boliden. Flugzeug und Auto reagieren auf den kleinsten Input, nur dass es bei ihm das Lenkrad ist und bei mir der Steuerknüppel. Jemand, der eine normale S-Klasse fährt und sich dann in ein Formel-1-Auto setzt, ist von der Feinfühligkeit der Steuerung überrascht. Beim Air Race und auch beim Kunstflug ist es ähnlich: kleinste Bewegungen verursachen große Ausschläge. Wir haben eine Rollrate von 420 bis 500 Grad pro Sekunde. Das bedeutet, wir können uns in einer Sekunde eineinhalb Mal um unsere eigene Achse drehen. Für Sebastian war das imposant und er hat es sehr gut gemeistert.

Ist das Red Bull Air Race für Sie richtiger Sport oder eher eine Lifestyle-Erscheinung?

Es ist Hochleistungssport bestehend aus Mensch, Maschine und der Zeit. Wir üben den Sport wegen dem Wettkampf aus und wollen in erster Linie gewinnen. Keiner von uns 15 Piloten fliegt nur zum Spaß mit. Jeder sucht seinen optimalen Weg durch den Kurs und will dafür aus seinem Flugzeug die beste Leistung herauszuholen. Mein nächstes Ziel ist es, Weltmeister zu werden.

Das Zuschauerinteresse ist enorm. Wie sehen Sie die Zukunft?

Letztes Jahr waren es im Schnitt 450.000 pro Rennen. 2006 kamen in Barcelona 1,2 Millionen Menschen. Das war das größte Live-Sport-Event, das es jemals gab. Der einzige Nachteil ist, dass es im Gegensatz zu anderen Sportarten wesentlich weniger Leute gibt, die den Sport wirklich nachvollziehen können. Jedes Kind fährt Bobbycar, danach vielleicht Go-Kart und irgendwann Auto. Die Anzahl der Leute, die eine Fluglizenz besitzen allerdings gering. Aber ich glaube, dass der Sport Zukunft hat. Die Leute sind jedenfalls total begeistert. Jeder Zuschauer kann alles live verfolgen. Bei der Formel 1 können die Fans nur einen kleinen Streckenabschnitt verfolgen. Das Air Race ist das perfekte Live-Event. Schnell, tief, spektakulär und mitten in der Stadt – einfach Wahnsinn. Es ist schön, die Leute mit unserem Sport zu begeistern.

Die Termine:

19./20. August Budapest (im TV am 30. August, 12.15 Uhr/RTL)
12./13. September Porto (im TV am 27. September, 12.15 Uhr/RTL)
3./4. Oktober Barcelona (im TV am 1. November, 9.45 Uhr/RTL)

www.redbullairrace.com

Interview: Marius Koch und Gernot Kramper

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