BASEJUMPING Ein Leben auf der Kippe


Mit einem kleinen Fallschirm auf dem Rücken stürzen sich Base-Jumper von Felsen, Brücken und Häusern. Felix Baumgartner ist der Star der Szene. Sein jüngster Coup: eine Serie spektakulärer Sprünge in Kanadas Bergen.

Nachts fährt Felix Baumgartner mit seinen Freunden ab und zu Rennen. Dann rast er in seinem silbernen Porsche 911 über die Autobahn. Manchmal telefoniert er sogar noch nebenbei. Die Reifen seines Flitzers hat er mit Stickstoff füllen lassen. Damit sie besser greifen, sagt er. Die Rennen sind sein kleiner Spaß. Doch wenn Baumgartner einen ganz besonderen Kick braucht, stürzt er sich von einem Hochhaus. Oder, an Felswänden entlang, vom Berg. »Ich liebe es, mich in Gefahr zu bringen«, sagt er.

Baumgartner ist Base-Jumper. Base steht für die englischen Wörter »buildings« (Gebäude), »antennas« (Fernsehtürme), »spans« (Brücken) und »earth« (Berge) und beschreibt damit alles, wovon der Österreicher mit einem kleinen Fallschirm auf dem Rücken herunterspringt. Knapp 500 solcher Springer gibt es derzeit weltweit. Ihre Zahl steigt seit Jahren nicht: Es kommen ungefähr genauso viele dazu wie dabei um.

Fehler enden tödlich

Base-Jumper dürfen keine Fehler machen. Die enden meist tödlich. Wenn sich ihr Fallschirm nicht richtig öffnet, sich die Schnüre verheddern, dann stürzen sie nahezu ungebremst zu Boden. Einen Ersatzschirm haben sie nicht. Oder sie schätzen den Wind falsch ein und werden von einer Bö gegen die Wand geschleudert. »Dann fällst du runter wie ein nasser Sack«, erklärt Baumgartner lapidar und hört sich an wie ein Banker, der über Aktienfonds doziert.

Verrückt? Ganz schön verrückt.

Kürzlich kampierte Baumgartner in einem Zwei-Mann-Zelt im ewigen Eis auf der kanadischen Insel Baffin Island. Knapp vier Wochen lang abgeschieden von der Zivilisation. Kein Strom. Kein fließendes Wasser. Immer mit einem Gewehr neben dem Schlafsack. »Wegen der Eisbären.« Bei minus 20 Grad. »Ich hatte richtig Glück, sonst sind da um die 40 Grad.«

Mit einem Hubschrauber ließ er sich etwa 60- mal auf einen der umliegenden Berge oder eine Felsspitze fliegen, um sich dann nach unten zu stürzen. »Das war wie ein riesiges Disney World für Base-Jumper. Jeden Tag konnte ich von einem anderen Berg hüpfen.« Und eine völlig neue Erfahrung: »Wenn ich von Häusern springe, ist alles nach vier oder fünf Sekunden vorbei. Manche der Berge waren 1500 Meter hoch. 30 oder 40 Sekunden rast du im freien Fall mit bis zu 200 Sachen an so einer Felswand vorbei. Was da abgeht, ist Wahnsinn.«

»Mit dem Absprung übergibst du dich deinem Schicksal.«

Zwei- oder manchmal auch dreimal am Tag riskierte er sein Leben. »Ich wollte so viele Sprünge wie möglich schaffen.« Ließ sich vor jedem exakt eine Sekunde Zeit zu entscheiden, ob er es wirklich wagt. Danach gab es für ihn kein Zurück mehr. »Mit dem Absprung übergibst du dich deinem Schicksal.« Dann hat sich sein Oberkörper schon zu weit nach vorn geneigt, und seine Füße haben den Kontakt zum Boden verloren. Es ist die Sekunde, in der er bei jedem Sprung denkt: »Wenn jetzt etwas schief geht, bin ich tot.«

Baumgartner ist einer der Besten. Etwa 2600 normale Fallschirmsprünge hat er absolviert. Und bisher 120 Base-Sprünge. Fast alle ohne Genehmigung. Base-Jumping ist nahezu überall verboten.

Aber manchmal kriegt er eben doch von Behörden und Unternehmen für PR-Auftritte die Erlaubnis, von ihren Hochhäusern zu springen. »Solche Sprünge mag ich auch, aber die illegalen sind die, die am meisten Spaß bringen.« Berühmt wurde er 1999 durch zwei Sprünge. Der eine von einem der Petronas Towers in Kuala Lumpur. Der andere aus der Hand der Jesus-Figur in Rio de Janeiro. Er sagt: »Mein Lebenswerk.«

Der Petronas Tower »gehört« Baumgartner

Der Sprung vom Petronas Tower hat ihn zum Weltrekordler gemacht. Er war der Erste, der das höchste Gebäude der Welt »genommen hat«. Jetzt besitzt er es, wie Base-Jumper sagen. Petronas zu erobern galt als unmöglich, denn das Bürogebäude wird bewacht wie ein Gefängnis. Baumgartner musste sich lange vorbereiten, bis er den perfekten Plan hatte, um hineinzukommen. »Das war die eigentliche Herausforderung.«

Mit einem gefälschten Hausausweis gelangte er schließlich ins Gebäude, das er bis dahin noch nicht von innen gesehen hatte. Zu Hause am Schreibtisch hatte er sich ausgerechnet, wo die Fahrstühle sein müssten. »Wäre ich in die falsche Richtung gelaufen, hätten sie mich gehabt.«

Doch er findet den richtigen Weg. Seinen Fallschirm hat er in einer Aktentasche versteckt. Er kommt unbemerkt an den Kontrollen vorbei. Mit dem Fahrstuhl fährt er in die 93. Etage. Sein Ziel: ein vom Gebäude wegstehender Mast, an dem der Korb für die Fensterputzer befestigt ist.

Der Mast ragt so weit vom leicht pyramidenförmigen Petronas Tower weg, dass Baumgartner nur von dort die Chance hat zu springen, ohne gegen das Gebäude zu schlagen. Weil er nicht die richtige Treppe findet, kommt er erst nach über zwei Stunden oben an. Schnell streift er den Fallschirm über den Anzug, klettert auf die Stange und rutscht an deren Spitze.

200 Meter freier Fall

Baumgartner springt 420 Meter in die Tiefe. Etwa 200 Meter davon im freien Fall. Dann geht der Fallschirm auf. Als er nach knapp 20 Sekunden unten landet, stürmen Sicherheitsbeamte und Polizisten auf ihn zu und wollen ihn festnehmen. Aber Baumgartner gelingt in einem Auto die Flucht.

Erwischt wurde er drei Tage später. Weil er aus seinem Hotelzimmer im 44. Stock gesprungen ist. Sieben Stunden wurde er von der Polizei verhört und dann mit einer Ermahnung wieder freigelassen. »Die wussten zum Glück nicht, dass ich auch derjenige war, der vom Petronas Tower gesprungen war.« Das sei erst ein paar Tage später im Fernsehen gelaufen.

Darum hatte sich Baumgartner gekümmert, denn er kontrolliert, was über ihn veröffentlicht wird. Seine Sprünge lässt er ausschließlich von eigenen Kameramännern oder Fotografen aufnehmen. »Damit sorge ich dafür, dass die Leute nur die Bilder zu sehen kriegen, die ich will.« Wenn mal bei einem der Sprünge etwas schief gehe, habe er die Hand auf den Aufnahmen und könne so deren Erscheinen verhindern. »Das wäre doch sonst nur schlecht für meinen Ruf.«

Red Bull bezahlt einen Großteil der Reisen

Von seinem guten Ruf in der Szene kann der 32-Jährige mittlerweile ganz gut leben. Seit einigen Jahren wird Baumgartner von dem Getränkehersteller Red Bull gesponsert. »Am Anfang war es schwierig, einen Partner zu finden. Ist schließlich oft illegal, was ich mache«, sagt er. »Aber nicht kriminell. Nur cool.« Und das scheint sich gut zu verkaufen. Sein Sponsor überweist ihm regelmäßig ein Gehalt und bezahlt einen Großteil seiner Reisen. Auch die nach Baffin Island. »Ich hätte mir das gar nicht leisten können. Allein für das Übergepäck haben wir 70 000 Mark bezahlt.«

»So etwas hatte der Arzt vorher noch nicht gesehen«

Seinen Job hat der Motorradmechaniker vor vier Jahren verloren. Damals öffnete sich bei einem seiner ersten Base-Sprünge der Schirm nicht richtig. Baumgartner konnte seinen Flug nicht kontrollieren und knallte bei der Landung mit einem Fuß auf die Ladefläche eines Lkw. Folge: ein komplizierter Bruch des Knöchels. »Fast hätte es mir den Fuß abgerissen. So etwas hatte der Arzt im Krankenhaus vorher noch nicht gesehen«, erzählt er und klingt ein bisschen stolz. Breit grinsend schiebt er hinterher: »Irrsinnig.«

Weil die Reha zu lange dauerte, feuerte ihn sein Arbeitgeber. Monatelang schlug er sich als Gelegenheitsarbeiter durch und begann nebenbei, seine ersten Geschichten zu vermarkten. »Ich habe damals gemerkt, dass ich die regelmäßige Arbeit gar nicht brauche.« Heute ist die Firma Baumgartner ein florierendes Familienunternehmen.Während Felix durch die Welt jettet, kümmert sich seine Mutter im heimischen Salzburg um die Finanzen und organisiert seine Termine.

Aktionen in James-Bond-Manier

Baumgarnter lebt davon, seinen Todesmut zu verkaufen. Auch mit dem Sprung von der Jesus-Figur hat er das getan. »Ich war der Erste, der das gewagt hat. Wer jetzt versucht, das nachzumachen, ist nur der zweite Sieger«, erklärt er. Und sagt dann: »Die Bilder liefen weltweit in den Nachrichten, und viele Zeitungen haben sie gedruckt.«

Zuvor hatten Baumgartner und sein Team tagelang im Wald übernachtet. »Der Berg wird abends abgesperrt, und wir mussten uns vor den Wächtern in den Bäumen verstecken.« Immer wieder verhinderte schlechtes Wetter den Sprung. Als es in der vierten Nacht aufklarte, feuerte Baumgartner in James-Bond-Manier mit einer Armbrust ein an einem Pfeil befestigtes Seil auf den Arm der Figur ab, verankerte es und zog sich daran nach oben.

Ideen aus dem Kino

»Die Ideen dazu hole ich mir im Kino.« Zu Hause hatte er den Schuss immer und immer wieder an Baukränen geübt. »Ich hätte auch die Tür zur Aussichtsplattform aufbrechen und die Treppe nach oben gehen können, aber wie hätte das denn ausgesehen? Das wäre überhaupt nicht cool gewesen.«

Baumgartner kauerte die Stunden bis zum Sonnenaufgang in der steinernen Hand von Jesus. Punkt sieben Uhr stellte er sich auf, breitete die Arme aus und ließ sich langsam nach vorn fallen. 29 Meter bis zum Boden. Nur ein paar Hundertstel freier Fall, dann anderthalb Sekunden, in denen sich der Fallschirm entpackte. Einen Augenblick später schon die Landung. Und dann die Flucht.

Zeit zum Geniessen bleibt da kaum. »Das coole Gefühl kommt erst im Hotel, wenn man alles hinter sich hat und sich das Video von dem Sprung reinzieht.« Ist es das wert, für diese kleinen Glücksmomente sein Leben aufs Spiel zu setzen? »Nein«, sagt Baumgartner. »Kein Sprung ist so wichtig, dass du dafür stirbst. Du darfst nie vor lauter Ziel vor Augen die Vernunft ausknipsen. Aber der Kick hat mich süchtig gemacht. Dem jage ich immer wieder nach.«

Der Sprung mit Gott an der Seite

Und er glaubt, dafür den Segen der Kirche zu haben. Denn mit seinem Sprung in Rio hat er es auf den Titel eines brasilianischen Kirchenmagazins geschafft. »Die Kirche ist die oberste Instanz. Wenn die das positiv aufnehmen, dann habe ich alles richtig gemacht. Egal, ob legal oder illegal.«

Weil Ruhm vergänglich ist, tüftelt Baumgartner derzeit an einem neuen Projekt. Er will fliegen. Mit einer kleinen Tragfläche auf dem Rücken über den Ärmelkanal. »Ich springe in 8000 Meter Höhe aus einem Heißluftballon, steigere meine Geschwindigkeit im Sturzflug auf 200 Sachen und segle dann die 30 Kilometer auf die andere Seite.«

Von Alexandra Kraft und Bernhard Spöttel

Foto von Felix Baumgartner


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