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Boxen: Boxing Day - Interview mit Jean-Marcel Nartz

Tyson Fury will trotz seines Sieges gegen Dereck Chisora nicht gegen Wladimir Klitschko boxen. Während Kalle Sauerland David Haye erneut ins Spiel bringt, verrät Jean-Marcel Nartz im Interview, wen er für den einzig richtigen Gegner im Schwergewichts-Casting hält.

Am vergangenen Wochenende fand in England ein viel beachteter Kampf im Schwergewicht statt. Dereck Chisora und Tyson Fury boxten um die Vorherrschaft im britischen Schwergewicht. Es ging aber um weit mehr.

Wladimir Klitschko ließ unlängst verlauten, er könne sich gut vorstellen, gegen den Gewinner aus Fury vs. Chisora zu boxen. Tyson Fury selbst legte die Latte vor dem Kampf hoch, er sagte, wenn er Chisora nicht schlägt, dann hört er mit dem Boxen auf. Fury darf weiter boxen, aber nicht gegen die Klitschkos!

Warum Robert Helenius und nicht Tyson Fury der spannendste aller möglichen Klitschko-Gegner ist, warum Don King das Schwergewicht zerstörte und was Tomasz Adamek mit Axel Schulz gemeinsam hat, verrät Boxexperte Jean-Marcel Nartz im Interview mit sportal.de. Aber zunächst zum britischen Schwergewichtsgipfel.

Fury clever - Chisora planlos

Tyson Fury nutzte in der Wembley Arena in London seine Größenvorteile (19 Zentimeter), um den Kampf aus der Defensive zu bestimmen. Dies gelang ihm gut, abgesehen von der zweiten Runde, als Chisora ihn mit einer harten Linken in Schwierigkeiten brachte. Doch Fury fand schnell zu seiner Strategie zurück. Er boxte aus der Distanz, wenn Chisora zu nah kam, klammerte er in Klitschko-Manier und würgte so die Angriffe des Gegners ab. Chisora wirkte nicht austrainiert und schlug viel zu wenig, um den Kampf gewinnen zu können. Seine Versuche mit der Overhand Right fanden selten das Ziel.

Nach einem wilden Schlussspurt, den Fury ohne entscheidend getroffen worden zu sein überstand, war der Kampf beendet. Der clever agierende 23-jährige Fury gewann verdient nach Punkten (117:112, 117:112 und 118:111). Doch wer nun dachte, das Fury nach dem Kampf große Töne in Richtung der Klitschko-Brüder spucken würde, der wurde eines Besseren belehrt. Tyson Fury ist nicht Dereck Chisora und schon gar nicht David Haye. "Ich fange gerade erst an", sagte Fury laut BBC und gab sich damit für einen Boxer ungewohnt kleinlaut.

Fury gibt sich bescheiden

"Leute wie Carl Froch, David Haye, Amir Khan sind alle Weltmeister - David Haye inzwischen nicht mehr. Sie haben alle mehr erreicht als ich. Vielleicht kann ich ihre Leistungen nachahmen und einige Titel mehr holen. Ich will es langsam und beständig machen. Ich will zunächst den irischen Titel holen, danach meinen britischen Titel verteidigen. Danach visiere ich eventuell Dimitrenko an, der den EM-Titel hält", so Fury laut bbc.co.uk. Aber wenn nicht Fury, wen soll Wladimir Klitschko dann als Nächstes boxen? Kalle Sauerland äußerte sich dazu in der britischen Presse.

"Realistisch gesehen brauchen die Klitschkos Haye nach wie vor, aber natürlich nicht mehr so dringend wie vor dem Kampf zwischen Wladimir und David. Wenn aber alle Zahlen feststehen und das Geld von den TV-Sendern zusammengezählt ist, werden sie draufkommen, dass sie mit einem Kampf gegen David so viel wie in drei normalen Kämpfen verdienen können. Vitali und Wladimir werden aufgrund des letzten Kampfes genug Selbstvertrauen haben, und es wäre nach wie vor ein interessanter Fight", so Hayes-Co-Promoter Sauerland laut dailystar.co.uk.

Ein Rückkampf gegen David Haye? Ein Kampf gegen den unerfahrenen Tyson Fury? Boxexperte Jean-Marcel Nartz hat seine ganz eigene Meinung, wen Wladimir Klitschko als Nächstes boxen sollte.

Interview mit Jean-Marcel Nartz ("Mr. Boxing", Matchmaker-Legende)

sportal.de: Haben Sie den Kampf von Tyson Fury gegen Dereck Chisora gesehen?

Jean-Marcel Nartz: Ich habe den Kampf nicht verfolgen können, aber ich habe den Chisora früher selber schon boxen sehen, deshalb habe ich eher mit einem Sieg von Chisora gerechnet und mich schon gewundert. Dass Tyson Fury so klar nach Punkten gewinnt, das hat mich schon überrascht.

Der Gewinner, also Fury, gilt ja als nächster Kandidat für einen Kampf mit Wladimir Klitschko. Ist Fury schon bereit für einen solchen Kampf?

Jean-Marcel Nartz: Naja, er ist noch sehr unerfahren. Er ist kein schlechter Junge, aber für die Klitschkos ist er einfach noch zu unerfahren.

Fury selbst will erst noch mehr Kämpfe bestreiten, bevor er sich an die Klitschkos wagt. Zumindest scheint er eine gesunde Selbsteinschätzung zu haben, anders als Chisora.

Jean-Marcel Nartz: Er hat mit seiner Einschätzung vollkommen recht. Er ist ja noch jung, wenn er sich weiter entwickelt, dann kann er durchaus in die Regionen kommen, wo die Klitschkos boxen.

Kalle Sauerland hat sich zuletzt laut BBC für einen Rückkampf von David Haye gegen die Klitschkos ausgesprochen. Was halten Sie von der Idee?

Jean-Marcel Nartz: Ich weiß nicht, wer das sehen will. Das war schon sehr enttäuschend. Ich hatte nie den Eindruck, dass Haye wirklich gewinnen wollte. Mich wundert auch, dass Kalle Sauerland das sagt. Wenn Sauerland sagen würde, Robert Helenius wäre soweit, dann würde ich sagen, okay, den Eindruck habe ich auch, weil Helenius sich von Kampf zu Kampf gesteigert hat. Er kann hart schlagen und ist sehr mutig. Sauerland hat außerdem noch Alexander Povetkin und Kubrat Pulev, also einige Schwergewichtler, die sie nach vorne bringen wollen. Helenius ist einer, weil er so groß ist und auch hauen kann, den halte ich derzeit für den gefährlichsten Klitschko-Gegner - nicht Haye.

Im September boxt Vitali Klitschko gegen Tomasz Adamek. Wie sehen Sie Adamek - hat er eine Chance?

Jean-Marcel Nartz: Adamek ist ein aufgeblasener Halbschwergewichtler. Ich halte Vitali für sehr stabil, stabiler als Wladimir. Zwar ist Wladimir boxerisch der Bessere, aber der Stabilere ist Vitali. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Adamek Vitali gefährlich werden kann. Man muss sich mal überlegen - Kevin McBride ist vor 14 Jahren von Axel Schulz ausgeknockt worden. Und Axel Schulz kann man ja eigentlich für den Friedensnobelpreis nominieren. Nicht das Sie mich falsch verstehen, Axel ist ein feiner Junge, aber er war nie ein Killer im Ring. Aber Axel Schulz hat McBride ausgeknockt. Gegen diesen McBride hat sich Adamek über zwölf Runden gequält.

Man soll eigentlich im Boxen keine Überkreuzvergleiche machen, aber gegen Michael Grant hat sich Adamek auch sehr schwer getan. Wie will der einem Vitali Klitschko gefährlich werden? Ich mag den Adamek. Er ist sympathisch, kein dummer Sprücheklopfer. Natürlich kann er vor eigenem Publikum über sich hinaus wachsen, aber Vitali ist zu abgebrüht. Es ist ein interessanter Kampf, aber nur auf dem Papier.

Also droht uns nun wieder die Langeweile im Schwergewicht?

Jean-Marcel Nartz: Ja, aber das liegt nicht an den Klitschkos. Der Hauptschuldige ist Don King. Die großen schweren Jungs in Amerika gehen lieber zum American Football, Basketball oder Baseball, als sich von Don King übers Ohr hauen zu lassen. Es gibt auch nur noch wenige gute Trainer in Amerika, sieht man von Freddy Roach und vielleicht Teddy Atlas ab. Aber ich sehe einfach keine guten Trainer, keine gute Nachwuchsarbeit in Amerika. Wer sportlich einigermaßen talentiert ist, der geht in die anderen Sportarten, weil er dort leichter Geld verdienen kann.

Aber in Europa gibt es doch einige gute Boxer im Schwergewicht?

Jean-Marcel Nartz: Europa hat dank der Russen gute Schwergewichtler, aber der russische Boxstil ist langweilig. Kontrollierte Offensive, wie Otto Rehhagel es seinen Fußballern beigebracht hat, so boxt zum Beispiel auch Wladimir Klitschko. Kein Risiko eingehen und das Ding mit ein paar Jabs nach Hause schaukeln - that's it! Ob es einem gefällt oder nicht, danach fragt ja keiner. Ob sie gewinnen, ist das Entscheidende. Warum soll ich ein Risiko eingehen, wenn ich es nicht nötig habe.

Es sind ja die Gegner, die den Titel haben wollen, die müssen was tun. David Haye hätte mit seiner Schnelligkeit rein gehen müssen, an den Körper, dann schnell wieder raus. Aber davon hat man nichts gesehen. Und hinterher sagt er, sein Zeh wäre gebrochen, das war doch eine lachhafte Ausrede. Also ich bin der Meinung, wenn einer im Moment Wladimir Klitschko gefährlich werden kann, dann Robert Helenius.

Herr Nartz, wie bedanken uns für das Gespräch!

Das Interview führte Michel Massing

sportal.de / sportal

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