HOME

Boxen: Boxing Day - Vitali Klitschko bei der Musterung

Ist Vitali Klitschko schon von der Physis her unschlagbar? Wir wagen den Vergleich - aktuell und historisch.

Der beeindruckende Sieg gegen Tomasz Adamek stellt die Frage nach der überragenden Physis von Vitali Klitschko. Welche Schwergewichtsboxer aktuell und historisch können da mithalten? Wir machen den Vergleich.

Adamek kein Schwergewicht

Für Dariusz Michalczewski war vor dem Kampf klar, dass sein Landsmann Tomasz Adamek der schwerste Gegner für Vitali Klitschko seit Lennox Lewis werden würde. Das war mal definitiv nicht der Fall. Der ehemalige Halbschwer- und Cruisergewichts-Champion aus Polen war Klitschko physisch einfach nicht gewachsen. Vitali war nach dem Kampf derselben Meinung: "Tomasz gehört nicht ins Schwergewicht. Dafür muss man geboren sein.“

Wir haben mal einen Blick auf die letzten Gegner von Vitali geworfen und das Argument der fehlenden Physis der Herausforderer geprüft. Dazu haben wir einige historische Schwergewichts-Weltmeister zusätzlich zum Vergleich herangezogen.

Der WBC-Champion

Vitali Klitschko: 110,22 kg / 2,02 Meter groß / 2,03 Meter Reichweite

Der Ukrainer ist mit 2,02 Metern der zweitgrößte Boxer in unserem Vergleich hinter dem Riesen Valuev. Vitali ist ein Modellathlet und stieg im aktuellen Kampf mit für ihn leichten 110 kg in den Ring. Seine Reichweite ist für die Größe okay, aber keineswegs herausragend. Durch seinen unorthodoxen Stil mit dem weit zurückgelehnten Oberkörper ist Dr. Eisenfaust sehr schwer zu treffen.

Die bisherigen Gegner seit dem Comeback

Tomasz Adamek: 97,98 kg / 1,87 Meter groß / 1,91 Meter Reichweite

Der Pole ist der leichteste Boxer in unserem Vergleich. Er bringt fast 13 kg weniger auf die Waage als Vitali. Hinter Mike Tyson ist er auch der Kleinste, im Vergleich mit Klitschko fehlen ganze 15 Zentimeter. Bemerkenswert wenige Chancen hatte er vor allem aufgrund seiner geringen Reichweite. Nur Mike Tyson hat noch kürzere Arme als Adamek. 12 Zentimeter weniger als Vitali, damit war dem älteren Klitschko nicht beizukommen. Dieser Kampf war schon rein physisch ein Mismatch.

Odlanier Solis: 111,58 kg / 1,87 Meter groß / 2,01 Meter Reichweite

Solis ist 15 Zentimeter kleiner als Vitali. Er hatte im Kampf gegen den Ukrainer mit 111 kg sicherlich zu viel Gewicht auf den Rippen, allerdings erhöht das Gewicht auch die Schlagkraft und die Nehmerqualität – so sein Argument. Seine Reichweite, die Vitali nur in zwei Zentimetern nachsteht, ist für die Körpergröße außergewöhnlich gut.

Albert Sosnowski: 101,60 kg / 1,89 Meter groß / 1,96 Meter Reichweite

Zu leicht (-9 kg), zu klein (-13 Zentimeter), zu wenig Reichweite (-7 Zentimeter). Auch boxerisch kein ernsthafter Gegner. Der Pole war ein absolutes Mismatch. Den Zuschauern sollte das Geld zurückgezahlt werden.

Shannon Briggs: 118,84 kg / 1,93 Meter groß / 2,03 Meter Reichweite

Der Amerikaner ist rein physisch gesehen ein echter Brocken und kann mit Vitali mithalten. Er ist 8 kg schwerer, nur 9 Zentimeter kleiner, hat aber dafür eine beachtliche Reichweite von 2,03 Metern - Gleichstand mit Vitali. Boxerisch konnte Briggs nicht mithalten. Er war über seinen Zenit, schon in seinen besten Tagen war er kein guter Boxer, eher ein Puncher. Durch diese Schwächen ein Mismatch.

Kevin Johnson: 109,77 kg / 1,91 Meter groß / 2,08 Meter Reichweite

Der Amerikaner war Vitali physisch durchaus gewachsen. Nur ca. 1 Kg leichter, elf Zentimeter kleiner, aber mit einer extremen Reichweite ausgestattet (5 Zentimeter mehr als Vitali). Johnson konnte es sich als einer der wenigen Gegner erlauben, aus der langen Distanz zu boxen. Er lief förmlich vor Vitali davon, so dass er keine Chance auf den Sieg hatte. Durch seine Reichweite konnte er aber durchaus Treffer landen. Vitali sah etwas verbeult aus, gewann aber hoch verdient gegen den mit zu wenig Mut und Klasse ausgestatteten Johnson.

Chris Arreola: 113,85 kg / 1,93 Meter groß / 1,96 Meter Reichweite

Arreola hatte zu viel Gewicht auf den Rippen (+3 kg gegenüber Vitali). Ihm fehlten neun Zentimeter Körpergröße und sieben Zentimeter Reichweite. Boxerisch ist der Amerikaner auch keine Offenbarung. Er zeigte aber Kämpferherz, agierte offensiv und so war es nicht der schlechteste Gegner bislang.

Juan Carlos Gomez: 104,30 kg / 1,92 Meter groß / 2,04 Meter Reichweite

Der früher im Cruisergewicht erfolgreiche Kubaner war gewichtstechnisch nicht in bester Form (-6 kg gegenüber Vitali). Er ist zehn Zentimeter kleiner, durch seine beeindruckende Reichweite (+1 gegenüber Vitali) hatte er sich aber Chancen ausgerechnet. Doch Gomez war nicht fit genug, hatte die Vorbereitung nicht ernst genommen. Auf dem Papier kein schlechter Kampf, durch die fehlende Fitness eine Enttäuschung auf ganzer Linie.

Samuel Peter: 114,76 kg / 1,88 Meter groß / 1,96 Meter Reichweite

Der ehemalige Weltmeister hatte für seine Größe einige Kilos zu viel auf den Rippen (+4 gegenüber Vitali). Ihm fehlten 14 Zentimeter an Größe, dazu sieben in der Reichweite im Vergleich zum Ukrainer. Durch die fehlende Fitness und die Tatsache, dass er sich wohl jenseits seines Zenits befand, als er gegen Vitali antrat, hatte er kaum eine Chance.

Die letzte Niederlage

Lennox Lewis: 116,35 kg / 1,96 Meter groß / 2,13 Meter Reichweite

Dieser Mann ist Vitali physisch gesehen ebenbürtig. Beim direkten Duell brachte der Brite vier Kilo mehr auf die Waage, im Vergleich mit Vitalis Kampf gegen Adamek sind es sechs. Er ist nur sechs Zentimeter kleiner, hat aber eine überragende Reichweite von 2,13 Metern. Nicht ohne Grund der spannendste Kampf von Vitali. Schade, dass wir den wahren Ausgang nicht erleben durften. Die beiden sind absolut auf Augenhöhe.

Die möglichen Gegner

David Haye: 95,48 kg / 1,91 Meter groß / 1,98 Meter Reichweite

Der Brite ist 15 Kilo leichter als Vitali (ähnlich wie Adamek). An Körpergröße fehlen ihm allerdings nur 11 Zentimeter. Seine Reichweite ist sehr gut, dort fehlen ihm nur fünf Zentimeter zu Vitali. Haye bot gegen Wladimir genau die Schnelligkeit, die Adamek eigentlich auch präsentieren wollte. Nur war Haye zu feige, anzugreifen. Durch seine Schnelligkeit ist er ein durchaus interessanter Gegner, Chancen auf einen Sieg hat er rein physisch gesehen kaum. Auch Haye werden die Treffer von Vitali sichtlich beeindrucken. Ein schneller KO ist wahrscheinlich, es sei denn, der Brite macht wieder die Hasenzehe.

Nikolai Valuev: 143,34 kg / 2,13 Meter groß / 2,16 Meter Reichweite

Endlich mal ein Gegner, der Vitali physisch nicht nur gewachsen, sondern gar überlegen ist. Der russische Riese bringt 32 kg mehr auf die Waage, er ist elf Zentimeter größer und hat 13 Zentimeter mehr Reichweite. Das wäre sicherlich ein interessanter Kampf, denn Valuev war noch nie am Boden. Die Spektakelfans unter den Boxsportbegeisterten wollen den Riesen fallen sehen. Da Valuev aber nicht boxen kann, ist er absolut chancenlos gegen Vitali.

Alexander Povetkin: 105,01 kg / 1,88 Meter groß / 1,91 Meter Reichweite

Fünf Kilo weniger an Gewicht, 14 Zentimeter kleiner als Vitali und auch noch 12 Zentimeter weniger Reichweite. Povetkins Werte sind ähnlich wie die von Adamek. Insofern müsste der technisch starke Russe schon eine exzellente Taktik, sehr viel Herz und all seine Fähigkeiten in den Ring bringen, um die physischen Nachteile ausgleichen zu können. Ein spannendes Duell ist eher unwahrscheinlich.

Die historischen Vergleiche

Muhammad Ali: 99,79 kg / 1,91 Meter groß / 2,03 Meter Reichweite

Eine unter Boxfans gerne geführte Diskussion. Wie würden die Klitschkos gegen Muhammad Ali aussehen? Mal abgesehen davon, dass wir hier noch spekulativer argumentieren als bei den Vergleichen der Gegenwart, kann man sich die Zahlen ruhig einmal ansehen. Ali brachte ca. 11 Kilogramm weniger auf die Waage. Ihm fehlten auch elf Zentimeter an Körpergröße, doch in der Reichweite liegt er mit Vitali gleichauf. Durch seine enorme Präsenz, seine gute Taktik, seine gute Beinarbeit und Technik wäre es ein spannender Kampf gewesen. Rein physisch müsste Ali vor Vitali zittern, doch The Greatest hätte sicherlich die Courage und Taktik gehabt, um Vitali zu schlagen.

George Foreman: 101,06 kg / 1,92 Meter groß / 2,08 Meter Reichweite

Big George wirkt gegen Vitali gar nicht mehr so groß. Der Puncher war zu seinen besten Zeiten ca. neun Kilogramm leichter, ihm fehlten zehn Zentimeter Körpergröße, nur im Reichweitenduell hat er die Nase vorn – bringt fünf Zentimeter mehr in den Ring. Vor seinem Punch hätte sich Vitali in Acht nehmen müssen, aber der Ukrainer ist cleverer und physisch im Vorteil. Ein ebenfalls spannendes Duell, bei dem die Chancen unserer Meinung nach 50:50 gestanden hätten.

Mike Tyson: 98,88 kg / 1,78 Meter groß / 1,80 Meter Reichweite

Das Phänomen Mike Tyson. Tyson hätte gegen Vitali Klitschko nicht nur zwölf Kilogramm weniger in den Ring getragen, er ist 24 Zentimeter (!) kleiner als Vitali und ihm fehlen 23 Zentimeter an Reichweite. Auf dem Papier ein absolutes Mismatch. Doch wie der Kampf zwischen Iron Mike und Ironfist wirklich ausgegangen wäre, das ist schwer zu sagen. Tyson war reine Muskelmasse, Stiernacken und Megakreuz. Er hatte eine wahnsinnige Power, ein Herz wie ein Löwe, er war unglaublich aggressiv und unbeschreiblich schlagstark. Dennoch ist es fraglich, ob er den physisch so krass überlegenen Vitali hätte schlagen können.

Zusammenfassung

Von den Gegnern dieser Zeit ist Lennox Lewis sicherlich der Beste gewesen. Seine Reichweite (+10 Zentimeter) ist überragend. Der beste Gegner, den Vitali seit dem Comeback geboxt hat, ist Odlanier Solis. Der Kubaner ist technisch stark, zeigte in der einen Runde, dass er dem Ukrainer Paroli bieten kann. Er ist ein kompakter Schwergewichtler, der aber trotz seines zu Viel an Gewicht enorm schnelle Hände hat. Seine Reichweite (-3) ist ebenfalls fast ebenbürtig.

Von den möglichen Gegnern ist David Haye physisch stark unterlegen. Der Cruisergewichtler ist kein gewachsenes Schwergewicht, durch seine Schnelligkeit aber vielleicht ein interessanter Mann - aber nur, wenn er seinen Mut wieder findet. Von den historischen Vergleichen, die zugegebenermaßen sehr schwer einzuschätzen sind, beeindruckt vor allem die physische Unterlegenheit von Mike Tyson. 24 Zentimeter kleiner, 23 Zentimeter weniger Reichweite - das sind unglaubliche Zahlen! Dennoch ist "the baddest man on planet“ ein ganz besonderer Boxer gewesen, der durch seine Dynamik und Aggressivität durchaus eine Chance gehabt hätte.

Ring Generalship

Der physische Vergleich stößt hier an seine Grenzen, denn beim Boxen geht es neben der Physis eben auch um Technik, Punch und die berühmte "Ring Generalship“ (Dominanz/Kontrolle im Ring). Gerade in diesem Punkt waren Tyson und Ali eine Macht. Tyson war der Schrecken aller Gegner und Muhammad Ali durch sein enormes Selbstbewusstsein und seine Cleverness ein überragender Boxer. Gegen diese Boxer wird Vitali sich nie beweisen können, bleiben wir also in der Gegenwart.

Vitali Klitschko ist nicht nur physisch der überragende Kämpfer dieser Tage. Der Ukrainer ist enorm dominant, boxerisch gefährlich durch eine starke Führhand und einen enormen Punch. Er ist zudem sehr clever und defensivstark. Aus diesem Vergleich gehen nur drei aktuelle Boxer hervor, die einen interessanten Kampf versprechen könnten: David Haye, Niko Valuev und Odlanier Solis. Gewinnen würde Vitali vermutlich alle drei Kämpfe. Dr. Ironfist ist halt einfach ganz große Klasse.

Michel Massing

sportal.de / sportal

Wissenscommunity