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Boxen Die Abrechnung - Vor dem Finale des Super Six


Am Samstag geht nach zweieinhalb Jahren das Super Six zu Ende. Wir rechnen mit der vermeintlichen "Champions League" des Boxens ab, sagen wer die Gewinner und Verlierer sind, und wer die Boardwalk Hall in Atlantic City als zweifacher Weltmeister im Supermittelgewicht verlassen wird.

Im Juni 2009 wurde versucht, ein Turnier auf die Beine zu stellen, indem alle wichtigen Gegner einer Gewichtsklasse gegeneinander boxen. Der Amerikanische TV-Sender Showtime und Sauerland-Event schufen das Großturnier "Super Six."

Am Samstag, zweieinhalb Jahre nach Beginn des Turniers, kommt es endlich zum Finale zwischen Carl Froch und Andre Ward. Wir überprüfen unsere damaligen Vorhersagen und ziehen ein Fazit über die Turnier-Idee.

Die Boxer:

Arthur Abraham
Unsere Vorhersage: Im Juni 2009 schrieben wir über König Arthurs Chancen im Super Six: "Abraham ist ein cleverer Boxer. Sein defensiver Stil gepaart mit der enormen Schlagstärke macht ihn zu einem der Favoriten. Sein Minus: Er ist gerade erst eine Gewichtsklasse aufgestiegen und bekommt es zum Teil mit ganz anderen Kalibern zu tun. Abraham ist definitiv superchampreif! Er kommt sicher ins Halbfinale.“

Die Abrechnung: Abraham kam tatsächlich ins Halbfinale. Allerdings mit nur einem Sieg, dem Knock Out gegen Jermaine Taylor. Er profitierte von den Ausfällen Andre Dirrell und Mikkel Kessler. Wie schon prophezeit, bewies sich der Aufstieg ins Supermittelgewicht als eine zu hohe Hürde.

Abraham überzeugte nur gegen Jermaine Taylor. Er lieferte eine unglückliche Leistung gegen Andre Dirrell (Disqualifikation) ab. Er zeigte einen peinlichen Auftritt gegen Carl Froch und er enttäuschte gegen Andre Ward. Das Super Six hat den König entthront und entzaubert. Am 14. Januar versucht er ein Comeback gegen den unbekannten Pablo Oscar Natalio Farias (19-1-0).

Mikkel Kessler
Unsere Vorhersage: "Mit seinen 41 Kämpfen vereint er Erfahrung mit einem riesen Punch und wird im Finale stehen. Wir sagen: Kessler wird Superchamp!“

Die Abrechnung: Mikkel Kessler ging als unser Favorit in das Turnier. Gleich im ersten Kampf bot sich die Überraschung. Andre Ward besiegte den Dänen durch technische Entscheidung und holte sich Kesslers Gürtel der WBA. Der Olympiasieger von 2004 für die USA hatte gegen den Dänen taktisch brillant agiert und Kessler nie richtig in den Kampf kommen lassen. Doch Mikkel Kessler kam mit einer eindrucksvollen Leistung zurück in das Turnier. Er schlug WBC-Titelträger Carl Froch in einem der spektakulärsten Kämpfe des Jahres 2010.

Wilfried Sauerland nach dem Kampf: "Mikkel hat sich eindrucksvoll zurückgemeldet. Das war eine ganz starke Leistung. So einen spektakulären Kampf haben wir lange nicht gesehen. Mikkel ist jetzt voll im Super-Six-Turnier drin." Doch es kam anders. So gut sich Kessler wieder ins Turnier geboxt hatte, so unglücklich sein Ausscheiden. Aufgrund einer Augenverletzung musste er das Turnier verlassen und eine Pause einlegen. Ob er den Titel geholt hätte, bleibt somit Spekulation.

Carl Froch
Unsere Vorhersage: "Froch schlug Taylor (vor dem Turnier) und hat die Nerven weit zu kommen. Seine Kampfvita ist aber vergleichbar unspektakulär. Im Super-Six trifft er auf härtere Gegner. Im Halbfinale ist spätestens Schluß!"

Die Abrechnung: Wir haben Carl Froch unterschätzt. Nach dem glücklichen Sieg gegen Andre Dirrell und der knappen, aber verdienten Niederlage gegen Mikkel Kessler, fühlten wir uns zunächst bestätigt, dass für den Briten im Halbfinale Schluss sein wird. Doch mit einem unbändigen Willen und großem Kämpferherz (gegen Glen Johnson) und einer überraschend guten Disziplin und Taktik (gegen Arthur Abraham) hat er sich das Finale redlich verdient. Unterwegs sammelte er noch den durch Kesslers Ausscheiden vakanten WBC-Gürtel ein.

Jermaine Taylor
Unsere Vorhersage: "Seine große Zeit scheint vorbei zu sein, doch unterschätzen darf man Taylor nie. Aber passiert nicht etwas Außergewöhnliches, wird er sich nach der Vorrunde verabschieden!“

Die Abrechnung: Wir sollten recht behalten. Taylors Zenit war überschritten. Er verlor gegen Arthur Abraham und musste nach dem schweren K.O. das Turnier verlassen. Am 30. Dezember gibt er sein Comeback, damit wird er leider ein heißer Kandidat für unsere Top-Ten der verpassten Karriereenden.

Andre Dirrell
Unsere Vorhersage: "Dirrell ist wohl der Schwächste der sechs Boxer - Superchamp wird er nicht. Er gilt als schlampig und hat zu wenig Power im Punch. Nach der Vorrunde ist für ihn Schluß.“

Die Abrechnung: Der schwächste Teilnehmer, das war Dirrell letztlich nicht. Jermaine Taylor und Arthur Abraham waren sicherlich nicht besser. Dirrell zeigte eine gute Beinarbeit und feine Technik, aber letztlich musste er nach einer unglücklichen Split Decision-Niederlage gegen Froch und einem umstrittenen, aber verdienten Sieg gegen Abraham, aufgeben. Nach Kessler und Taylor verließ auch Dirrell das Super Six, allerdings aus dubios erscheinenden gesundheitlichen Gründen.

Andre Ward
Unsere Vorhersage: "Ward ist talentiert und zeigte zuletzt aufsteigende Form. Seine Chance - auch bei einer ersten Niederlage gegen Kessler - ist da. Ward könnte mit seiner guten Technik den ein oder anderen Konkurrenten ausboxen. Er ist der Favoriten-Schreck und Geheimfavorit!"

Die Abrechnung: Wir klopfen uns auf die Schulter. Der Favoriten-Schreck erschreckte zunächst Mikkel Kessler und entwickelte sich nach Siegen gegen Ersatzmann Allan Green und Arthur Abraham vom Geheimfavoriten zum Topfavoriten des Turniers.

Die Kritik am Modus:

Das Turnier erntete viel Kritik. Zum Teil auch zu Recht. Der Modus entpuppte sich als viel zu langwierig. Man kann keinem "Turnier“ folgen, das zweieinhalb Jahre dauert. Das Teilnehmerfeld war nicht optimal, aber jeder, der sich nur ein bisschen im Box-Business auskennt, der weiß, wie schwierig es ist, sechs nahezu gleichwertige Kämpfer in einem Turnier zusammenzubringen. Im Super Six wurden immerhin vier gleichwertige Boxer vereint, eine reife Leistung des Veranstalters.

Die vielen verletzungsbedingten Ausfälle und der schwache Nachrücker Allan Green gaben dem Turnier in der öffentlichen Meinung den Todesstoß. Dennoch, das Super Six hat uns Kämpfe von Boxern auf Augenhöhe beschert. Kämpfe, die es ansonsten in dieser Dichte nicht gegeben hätte.

Der Kampf Kessler gegen Froch war ein Highlight in der Supermittelgewichtshistorie. Der Kampf Kessler gegen Ward war die Geburt eines Stars. Der Kampf Froch gegen Glen Johnson war eine Darbietung von Willen und Kampfkraft. Der Kampf von Froch gegen Abraham eine Darbietung von Disziplin und Taktik.

Fazit:

Das Super Six hat als Turnier nicht funktioniert. Den Titel Champions League des Boxens hat es sich nur zum Teil verdient. Von den derzeit zehn besten Super-Mittelgewichtlern (Quelle Boxrec.com) haben immerhin fünf im Rahmen des Super-Six-Turniers geboxt. Nach dem Turnier soll es zu Kämpfen des Siegers gegen Lucien Bute oder Mikkel Kessler kommen. Spätestens dann wissen wir, wer der wahrhaftig beste Supermittelgewichtler unserer Zeit ist.

Doch eines muss man zugestehen. Im Finale des Turniers am Samstag stehen zwei Boxer, die es absolut verdient haben. Wir setzen auf Andre Ward, der technisch und taktisch der bessere Boxer ist. Aber Carl Froch wurde von uns schon einmal unterschätzt. Vielleicht schafft es der Brite mit der kreischenden Freundin, den Turniersieg nach Nottingham zu holen. Dabei sollte man nicht vergessen, es geht um zwei Weltmeistertitel und diese Tatsache hat dieses Turnier immer relevant gemacht.

Michel Massing

sportal.de sportal

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