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stern-Gespräch

Eishockey-Bundestrainer: Marco Sturm über das Olympia-Wunder und den neuen Hype um seinen Sport

Marco Sturm führte die Nationalmannschaft bei Olympia zum größten Erfolg ihrer Geschichte. Der Bundestrainer über das Wunder von Pyeongchang und die Zukunft seiner Sportart.

Bundestrainer Marco Sturm über das Olympia-Wunder im Eishockey

Marco Sturm, 39, in Landshut (l.). Nur die Russen waren am Ende stärker: die Eishockey-Cracks mit ihrer Silbermedaille

Der Mann, der dem deutschen Eishockey den Glauben an sich selbst zurückgegeben hat, ist wieder an dem Ort, wo für ihn alles angefangen hat. Der Mann: Marco Sturm, 39, Sportlerbrustkorb, Spuren von Bayern und Nordamerika im Hochdeutsch. Der Ort: Landshut, 70.000 Niederbayern, 70 Jahre Eishockey-Tradition, zweimal Deutscher Meister. Hier hat Marco Sturm das Schlittschuhlaufen gelernt, seinen ersten Profivertrag unterschrieben, seine Frau kennengelernt, als 15-Jähriger einmal 31 Tore in 31 Spielen geschossen. Gerade hat er mit der deutschen Nationalmannschaft Silber bei den Olympischen Spielen gewonnen. Der größte Erfolg in der deutschen Eishockey-Geschichte. Anfang Mai muss die Mannschaft ihre Leistungen bei der Weltmeisterschaft in Dänemark bestätigen.

56 Sekunden waren noch zu spielen, Ihre Mannschaft lag im Olympia-Finale mit 3 : 2 gegen Russland in Führung. Wie fühlt es sich heute für Sie an? Gold verloren? Oder Silber gewonnen?

Auf jeden Fall Silber gewonnen. Aber klar: Wir waren erst einmal sehr enttäuscht. Es ist immer noch bitter, wie es gelaufen ist. Wir haben so gutes Eishockey gespielt und waren so knapp dran, Gold zu gewinnen. Wir waren in den letzten zehn Minuten die bessere Mannschaft. Ich war fest davon überzeugt, dass wir das Spiel gewinnen. Leider sind wir nicht belohnt worden.

Hatten Sie die Goldmedaille in Gedanken schon um den Hals hängen?

Ich habe natürlich drüber nachgedacht. Es gab diese Vorfreude. Wir haben gemerkt, dass wir die Russen schlagen können. Das macht es erst so enttäuschend. Die Goldmedaille war drin. Aber man darf nicht vergessen, was wir erreicht haben, wir haben Silber! Darauf können wir stolz sein.

Kaum jemand hat Ihrer Mannschaft etwas zugetraut. Woher kam der Glaube daran, etwas mitnehmen zu können?

Das kam während des Turniers. Wir haben gleich gegen große Mannschaften gespielt, Finnland, Schweden, beide Spiele haben wir verloren, waren aber spielerisch gleichwertig. Sonst bin ich als Trainer derjenige, der sagen muss: nicht aufgeben, nach vorne schauen. Diesmal waren das die Spieler selbst. Dann kamen die ersten Siege, Penaltyschießen, Verlängerungen, gegen Norwegen, die Schweiz, Schweden. Und auf einmal steht man im Halbfinale und merkt: Puh, wir sind ganz nah dran.

Marco Sturm coachte sein Team erfolgreich ins Finale des olympischen Turniers

Marco Sturm coachte sein Team erfolgreich ins Finale des olympischen Turniers

Die Mannschaft schien ja schon früher daran geglaubt zu haben. Die interne Whatsapp-Gruppe hieß "Mission Gold".

(lacht) Das habe ich erst im Nachhinein aus den Medien erfahren. Verrückt. Wer außer denen hätte denn gedacht, dass Deutschland am Schluss im Finale steht? Niemand eigentlich.

Auch nicht Sie selbst?

Ganz ehrlich: nein. Ich hatte ein gutes Gefühl, wusste aber nicht, wo wir stehen. Vor allem dadurch, dass alle Spieler aus der NHL beim Turnier fehlten. Bei uns, aber auch bei den anderen. Wir wollten einfach unser Ding machen, Spiel für Spiel. Das hat gut funktioniert.

Bei Olympischen Spielen gilt: "Dabei sein ist alles." Was ist Ihr Motto?

Wer mich kennt, weiß, dass ich immer ehrgeizig und diszipliniert war. Als Spieler und auch als Trainer. Und diesen Ehrgeiz und diese Disziplin fordere ich auch von meinen Spielern. Mit harter Arbeit kommen Erfolge, mit den Erfolgen kommt der Spaß. Und ohne Spaß gewinnt man nichts.

Haben Sie etwas mitbekommen von den anderen Events, den Feiern im Deutschlandhaus? Steckt das an?

Wir sind sechs Tage früher hingefahren, damit die Jungs das ganze Olympiafeeling aufsaugen können. Wir sind als Mannschaft beim Biathlon gewesen und haben Laura Dahlmeier zu Gold gebrüllt, manche waren noch beim Skispringen oder beim Eisschnelllauf. Und später haben wir die anderen Athleten bei unseren Spielen gesehen, die uns unterstützt haben. Das gibt Auftrieb.

Die Silbermedaille war der größte Erfolg der Eishockey-Geschichte. Hat sich der Blick auf Eishockey hier verändert?

Wir spüren schon: Der Hype ist angekommen. Und den wollen wir mitnehmen. Egal, wo ich gerade bin, werde ich angesprochen. Selbst ältere Damen kommen zu mir und bedanken sich. Von dieser Begeisterung haben wir in Südkorea kaum etwas mitbekommen. Dass sonntags um fünf Uhr morgens Millionen Menschen vor dem Fernseher sitzen. Ich hoffe schon, dass sich dadurch was verändern kann. Dass mehr Menschen in die Stadien kommen. Und mehr Kinder zum Hockeyschläger greifen.

Die letzte olympische Eishockey-Medaille gab es 1976, beim "Wunder von Innsbruck". Was war Pyeongchang?

Einer der Helden von 1976, Alois Schloder, hat gerade in einem Interview gesagt: "Deutschland hat neue Helden." So etwas macht mich natürlich stolz. Wir haben diese Spieler von damals bewundert.

Die deutsche Mannschaft war die mit Abstand älteste bei Olympia. Was muss jetzt strukturell im deutschen Eishockey passieren, damit das kein einmaliges Erlebnis bleibt?

Es gibt diverse Projekte, um den Nachwuchs zu fördern. Eines davon heißt Powerplay 26 und sollte das deutsche Eishockey bis 2026 fit für den Kampf um die Medaillen bei Olympia und Weltmeisterschaften machen. Ist jetzt doch etwas früher was geworden (lacht). Aber wir dürfen uns davon nicht blenden lassen. Vor allem im Nachwuchsbereich müssen wir mehr machen. Da sind uns andere Länder weit voraus.

Eishockey ist ein Sport, der sehr aufwendig ist. Finanziell und zeitlich. Wie will man diesen "Wettbewerbsnachteil" ausgleichen?

Wir wissen, dass Eishockey finanziell nicht einfach ist. Aber es funktioniert. Ich sehe es täglich hier in Landshut im Eisstadion: Die Kinder lieben den Sport. Unsere Aufgabe ist es, uns mehr auf die Nachwuchsarbeit zu konzentrieren. Dass man Eltern auch mal bei den Kosten für Ausrüstung oder Auswärtsfahrten unterstützt.

In der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) ist die Zahl der ausländischen Spieler auf neun pro Team begrenzt. Ist das nötig?

Wichtig ist jetzt, dass mehr junge deutsche Spieler ausgebildet und dann auch in den DEL-Spielbetrieb integriert werden. Ich bin sicher, dass diese sich durchsetzen werden und dann auch weniger Kontingentspieler benötigt werden. Wir dürfen jetzt nicht sagen: "Wir haben Silber, alles ist gut."

Deutschland ist Fußballland. Kann Eishockey dem Fußball den Rang ablaufen?

Ich bin selbst Fan vom FC Bayern München. Der Verein ist und bleibt das Maß der Dinge im deutschen Sport. Aber wir müssen nicht immer klagen und auf den Fußball schauen. Der FCB hat damals Chancen erkannt und einen Plan gehabt, und das müssen wir auch machen. Wir schauen auf uns und gehen unseren Weg. Ich glaube, dass der Deutsche Eishockey-Bund und die DEL nun auch einen Plan haben. Aber es ist ein weiter Weg, und träumen darf man ja mal. Aber am Ende zählt nur der Erfolg. Den haben wir jetzt und müssen das nutzen.

Die NHL ist das Ziel aller jungen Spieler. Sie haben selbst lange dort gespielt. Was macht die Liga so besonders?

Dort wird das beste Eishockey gespielt. Das war, als ich ein junger Spieler war, das ist heute so. Ich würde Jungen dazu ermutigen, dieses Ziel zu haben. Wobei ein Spiel im Nationalteam auch immer erstrebenswert ist. Man braucht Träume. Es ist schwer, aber es ist möglich. Das haben in den vergangenen Jahren auch deutsche Spieler wie Tobias Rieder, Leon Draisaitl, Philipp Grubauer und Tom Kühnhackl gezeigt.

Bei Ihrer Ernennung gab es auch Kritik. Keine Erfahrung als Trainer, damals wohnten Sie auch noch in den USA. Wollten Sie es auch Ihren Kritikern zeigen?

Das ist nicht mein erster Gedanke gewesen. Ich kenne das ja, vor allem aus meiner Zeit in Nordamerika. Kritik muss man aushalten. Mich hat das eher motiviert. Vor Olympia hieß es, ich hätte nicht die richtigen Leute in den Kader geholt. Das Ergebnis ist bekannt.

Sie sind erfolgreich, haben Ihren Vertrag vor Olympia bis 2022 verlängert. Trotzdem kamen Gerüchte auf, Sie könnten in der NHL anheuern. Zu Recht?

Die Bühne der Olympischen Spiele ist natürlich groß. Je weiter wir gekommen sind, desto mehr wurden die Fragen. Und natürlich ist es so: Die NHL war als Spieler mein Traum, und sie ist es auch als Trainer. Wann und ob es so kommen wird, weiß ich nicht. Momentan ist es nur ein Thema, wenn ich mit Journalisten spreche. Die NHL wird auch später ihren Reiz nicht verlieren. Jetzt schauen wir auf die WM und genießen die Aufmerksamkeit, die wir jetzt bekommen – alles andere ist unwichtig.

Dort werden auch viele Spieler aus der NHL dabei sein. Das Ziel? Wieder eine Medaille?

Die Erwartungen sind jetzt andere als vor einem Monat. Aber wir müssen auf dem Teppich bleiben. Wir sind immer noch eine kleine Eishockeynation. Wir genießen natürlich den Moment, aber wir sind nicht auf einmal die großen Favoriten.

Auch einige deutsche NHL-Legionäre werden wohl zur Mannschaft stoßen – Olympiahelden werden weichen müssen.

Der Kader wird sich verändern. Meine deutschen NHL-Jungs sind gesetzt, das sind tolle Spieler, deswegen spielen sie in der NHL. Und auch menschlich sind das tolle Jungs. Bei Olympia waren sie in der Umkleide mit dabei. Via Facetime auf dem Handy und mit Namensschildern an der Wand. Die sind Teil unserer Familie.

Sie haben fast so lange in den USA gelebt wie hier. Wo ist Heimat für Sie?

Die ist immer noch in Deutschland, in Landshut. Aber man merkt natürlich, dass ich 20 Jahre in den Staaten gewohnt habe. Meine Kinder tun sich schwer in der deutschen Schule, weil sie in den USA aufgewachsen sind. Auch ich vermisse manche Sachen von dort.

Die Stimmung in den Stadien?

Stimmungstechnisch sind wir in Deutschland um einiges voraus. Das ist kein Vergleich. In Nordamerika ist das viel Show, oft ist das ein lockerer Familienausflug. Und wenn man zehn Minuten zu spät kommt oder vor Spielende geht, ist es auch nicht schlimm. In Deutschland gibt es das nicht. Erst in den Play-offs ist die Atmosphäre eine andere. Den Stanley Cup vor Augen, davon träumt man.

Als Spieler haben Sie sich diesen Traum nicht erfüllen können, obwohl Sie mehr NHL-Spiele bestritten haben als jeder andere Deutsche. Ärgert Sie das?

Ich hatte eine tolle Zeit als Spieler in Nordamerika. Aber durch meine beiden Kreuzbandrisse war meine Karriere so plötzlich vorbei. Ich stand auf einmal mit leeren Händen da. Da machst du mehr als 1000 Spiele, aber die Erfolge haben doch irgendwie gefehlt. Es hat sich alles etwas unvollkommen angefühlt. Als wäre meine harte Arbeit nicht belohnt worden. Das tat sehr weh.

Sie wohnen seit etwa einem Jahr wieder in Deutschland. Ein Kulturschock?

Gefühlt ist in Deutschland der ganze Tag mit Stress verbunden. In Nordamerika genießen die Leute das Leben mehr, sie sind positiver und unglaublich freundlich. In Deutschland ist man einfach etwas angespannter und korrekter. Wenn man ein bisschen von beiden Welten miteinander verbinden könnte, wäre das ideal.

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