HOME

Deutschtürke Firat Arslan: Der Gentleman-Bushido

Firat Arslan isst für drei, sieht aus wie Gott aus dem Fitness-Studio und hat den WM-Gürtel ganz dicht vor Augen. stern.de traf den boxenden Deutschtürken und sprach mit ihm vor dem wichtigsten Fight seiner Karriere über Trainingshölle, Schmerzen und einen steinigen Lebensweg.

Von Jens Fischer, Stuttgart

Voller Selbstbewusstsein, perfekt austrainiert und mit festem Blick sitzt er da und schaufelt sich vier Tage vor der Schlacht seine Lebens Meeresfrüchtesalat, dampfende Pasta sowie ein riesiges Rindersteak mit einem Berg Kartoffeln rein. Hat jemand noch Zweifel an der Stärke dieses Boxers?

Cruisergewichtler Firat Arslan ist bereit. Bereit das zu schaffen, was ihm wirklich nur die allerwenigsten Experten und Boxfans zugetraut haben: Sich an diesem Samstagabend in Budapest gegen den starken Russen Valery Brudov die WBA-Interims-Weltmeisterschaft zu sichern, um dann in einem Anschlussfight Weltmeister Virgil Hill den Gürtel zu entreißen. Weltmeisterliche Perspektiven, die dem Deutschtürken mit dem herrlichen Schwaben-Akzent immer noch wie ein Traum vorkommen müssen.

Aber Arslan ist Realist. Ein Realist, der genau weiß, welch harter Brocken da mit Brudov auf ihn wartet. "Brudov ist ein sehr starker, austrainierter Boxer, der mir alles abverlangen wird. Er steht voll im Saft und ist absolut kein Fallobst", sagt er voller Respekt und gleichzeitig mit viel Überzeugung in der Stimme. Denn Angst kennt Arslan nicht. Schließlich hat er in den letzten Monaten knochenhart trainiert, sich geschunden ohne Ende und wie so oft in seiner langen Karriere mal wieder "mehr als 100 Prozent" gegeben.

"Wir werden beide Schmerzen haben"

"Auf mich wartet ein knallharter Fight. Aber ich bin bereit und werde versuchen, alle schwierigen Situationen zu meistern. Wir werden beide Schmerzen haben und Schläge einstecken müssen, es kommt einfach auch darauf an, wer sie besser aushält", ist sich Arslan der Schwere der Aufgabe bewusst. Aber er hat schon längst bewiesen, dass er in der Lage ist, seine Gegner sowohl physisch als auch psychisch zu zermürben. Das bekam auch sein letzter Widersacher, Grigory Drozd, ebenfalls ein Russe, schmerzhaft zu spüren. Den hatte Arslan zuletzt im Oktober 2006 in der Stuttgarter Porsche-Arena förmlich überrollt und überraschend bereits in der fünften Runde auf die Bretter geschickt.

"Für mich wären auch zwölf Runden kein Problem", macht der Vorzeige-Athlet unmissverständlich klar. Und spricht im gleichen Atemzug davon, dass er schon des Öfteren "durch die Hölle" gegangen sei. Arslan zielt dabei auf seine bisherigen und teilweise extrem hart geführten Kämpfe sowie sein brutales Workout ab. Knallhartes Training, auch weil Arslan damit fehlende Technik zu kompensieren versucht. Die Formulierung "durch die Hölle gegangen" passt aber auch insgesamt zum sportlichen Werdegang des 36-Jährigen.

Arslan ist "bereit für alles"

Erst mit 18 Jahren begann der Deutschtürke mit dem Boxen, der ältere Bruder war sein großes Vorbild. Mit 27 wurde er Profi, jetzt steht er kurz vor der größten sportlichen Herausforderung seines Lebens. Kein Wunder, dass für Arslan der Moment des Erinnerns gekommen ist: "Ich habe 18 Jahre auf vieles verzichtet, viele Entbehrungen in Kauf genommen und bin einen sehr steinigen Weg gegangen. Deshalb bin ich auch bereit für alles." Der steinige Weg und sein Glaube an Gott haben Arslan dabei geholfen, einen unglaublichen Willen zu entwickeln. Den festen Willen, das Ziel niemals aus den Augen zu verlieren. Heute sieht ihn sein Boxstall "Spotlight Boxing" auf Position 1 der WBA-Weltrangliste. Jetzt wartet der Samstag und damit der Tag, an dem Arslan endgültig die Früchte seiner Arbeit ernten will. Niemandem wäre es mehr zu gönnen.

Helfen wird ihm auch in Budapest einer, der für Arslan wie ein "Bruder" ist, der ihm zur Seite steht und Energie verleiht: Schwergewichtler Luan Krasniqi (für Arslan der "beste der Welt") wird auch gegen Brudov wieder in der Ringecke sitzen, ihm den Rücken stärken, ihn aufbauen und mental unterstützen.

Der Traum vom doppelten Weltmeister

Arslan und Krasniqi verbindet seit fast zwei Jahrzehnten mehr als nur eine Männerfreundschaft. Beide trainieren seit 18 Jahren zusammen und helfen sich, wo immer es geht. So wird Arslan nach seinem Kampf am Montag sofort zu Krasniqis Truppe ins Trainings-Camp stoßen, um diesen in den letzten vier Wochen vor seinem WM-Ausscheidungskampf gegen den Ami Tony Thompson jede Menge Energie zu geben. "Wir beide in einem Jahr parallel Champion, das wäre der Mega-Hammer und nicht zu toppen" - man sieht Arslan an, dass er diesen Traum für möglich hält.

Firat Arslan: WBA-Weltmeister im Cruisergewicht? Vielleicht klappt es sogar schneller als gedacht. Schließlich ist noch lange nicht gesichert, dass Titelträger Virgil Hill zur Verteidigung seines Gürtels auch tatsächlich in den Ring steigen wird. Das müsste er bis spätestens Oktober tun. Für Arslan selbst ist Hill trotz dessen Show-Geplänkels gegen Henry Maske nach wie vor ein Top-Fighter: "Hill ist stärker, als er gegen Maske gezeigt hat, da ging es doch um gar nichts." Für ihn steht fest: "Hill wird boxen, um seinen Titel zu verteidigen".

Tag der Entscheidung

Egal wie es kommt, egal wie hart der Fight gegen die russische Kampfmaschine Brudov auch werden wird: Für den 36-Jährigen steht auch am Samstag wie immer die Gerechtigkeit im Vordergrund. Er hofft in Budapest auf "faire Punktrichter". Ein "nicht verdienter" Sieg wäre für Arslan nicht viel wert. Und wenn er verlieren sollte? Dann ist Firat Arslan wieder Realist genug, um zu sagen: "Das wäre das Ende meiner Karriere." Er weiß genau: Für ihn geht es jetzt um Alles oder Nichts.

Wissenscommunity