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Firat Arslan verteidigt WM-Titel: Pure Kraft

Zwölf Runden lang wurde US-Boy Darnell Wilson von der "Kampfmaschine" Firat Arslan durch den Ring getrieben, bis feststand: Arslan bleibt WBA-Champion. Der 37-Jährige agierte wie aufgedreht - und walzte seinen Gegner regelrecht nieder.

Von Jens Fischer, Stuttgart

"Er läuft und läuft und läuft" - die Rede ist nicht von einem schnöden Autoreifen oder einer kultigen Automarke. Hier geht es um einen Boxer, der auch in Stuttgart wieder alle Experten verblüffte und auf dem besten Wege ist, selber zur Legende zu werden. Die Rede ist von Firat Arslan. Was der 37-jährige WBA-Champion in der mit 5.200 begeisterten Fans voll besetzten Schleyerhalle gegen seinen Herausforderer Darnell Wilson (USA) über die volle Rundenzahl ins Ringgeviert ackerte, ist mit drei Worten bestens beschrieben: Power, Power, Power!

"Ich werde deine Glocke läuten, und dich K.O schlagen", kündigte "Ding-A-Ling-Man" Wilson vor dem Fight in gewohnter US-Manier vollmundig an. Was folgte, war eine Box- und Willens-Demonstration à la Firat Arslan. Das Aushängeschild des Hamburger Spotlightstalls präsentierte sich seinen zahlreichen Fans bis in die letzte Fettzelle austrainiert, voll bepackt mit Muskeln und konditionell fit wie noch nie in seiner Karriere.

Wille, Kraft, Entschlossenheit

Kein Wunder, ist Arslan doch im Vorfeld des Kampfes mal wieder in neue - auch für ihn bisher unerreichte - Trainings-Dimensionen vorgestoßen. Geschunden hat er sich im Höhentrainingslager im österreichischen Sölden, zwölf lange Wochen, immer wieder, jeden Tag. Die 680 Stufen der Ski-Sprungschanze in Stams/Tirol hat er in "Rocky-like" ersprintet, akribisch an seiner Kondition, seinen Puls- und Laktatwerten gefeilt. Danach wusste Arslan: "Ich werde Wilson schlagen".

Diesen Glauben nahm er dann auch mit in den Ring. Wild entschlossen, hoch konzentriert und voller Selbstbewusstsein trat er Wilson gegenüber und machte ihm von Beginn an klar: Meinen Titel werde ich behalten. Immer wieder ging Arslan offensiv nach vorne und drückte Wilson mit seiner unorthodoxen Doppeldeckung in die Defensive. Der schlagstarke US-Boy versuchte sein Heil in wilden Schwingern und ausladenden Haken - für einen Arslan in dieser immens starken körperlichen Verfassung viel zu wenig. Natürlich wusste auch der Deutsch-Türke technisch nicht zu überzeugen und bot kein filigranes Feuerwerk - aber allein seine physische Präsenz reichte aus, um den "Ding-a-Ling Man" Wilson zu frustrieren und ihn seiner Schlagstärke zu berauben.

Der Druck war groß

"Wilson war ein starker Gegner und ich musste höllisch aufpassen. Nach 20 Jahren harter Arbeit wollte ich mir den Titel auf keinen Fall nehmen lassen. Da lastet ein Riesen-Druck auf einem", erklärte Arslan erleichtert nach dem Sieg. In der Tat zeigte der leicht schwabbelige Wilson mehr Gegenwehr als erwartet und hatte in der zehnten Runde sogar kurz Oberwasser, als Arslan nach einem schweren Hieb sogar kurz wackelte. Letztlich aber siegte der tiefgläubige Arslan souverän - und das gegen einen Mann, der immerhin 20 seiner 23 Siege durch K.O errang. Auch Arslans Weggefährte und Mentor Luan Krasniqui zeigte sich begeistert: "Ab der siebten Runde war ich mir sicher, dass Firat das packen wird. Er hat den Amerikaner Stück für Stück auseinander genommen und am Ende sicher vernichtet."

Arslan präsentierte sich bei seinem Schwaben-Heimspiel in Stuttgart stark wie ein Löwe. Nach dieser von den Zuschauern am Ende umjubelten Performance steht mehr denn je fest: Der 20 Jahre dauernde Aufstieg von ganz unten nach ganz oben ist für ihn noch lange nicht beendet. Nun hat er endlich die Trainer, Betreuer und Sponsoren, die von ihm zu Beginn seiner Laufbahn nicht wissen wollten. Jetzt ist er Weltmeister, jetzt sollen noch einige erfolgreiche Jahre folgen. Und Arslan ist dies zuzutrauen. Nicht nur seine körperlichen Fähigkeiten sind enorm, auch seine Psyche ist außerordentlich stabil. Der Süßener ist tief gläubig, und hält den indischen Freiheitskämpfer Mahatma Ghandi für einen der faszinierendsten Menschen überhaupt - zwei Eckpfeiler einer inneren Balance, die Arslan auch im Ring versprüht.

Zweite Karriere Film?

Arslan ist stabil - in allem was er tut. Und das macht ihn erfolgreich. So erfolgreich, dass in seinem Heimatland Türkei - einen Werbespot mit Arslan gibt es schon - sogar darüber nachgedacht wird, seine Lebensgeschichte zu verfilmen. "Aus dem Nichts zum Superstar" - so könnte der Titel lauten.

Aber halt: Noch hat der 37-Jährige sportliche Ziele, er sieht sich noch lange nicht am Ende seines Weges. In der zweiten Jahreshälfte wartet die zweite Titelverteidigung auf ihn. Es ist eine Pflichtverteidigung gegen den K.O.-Schläger Guillermo Jones aus Panama, ein Boxer, der Arslan wieder alles abverlangen wird. Sorgen machen muss man sich deshalb nicht.

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