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Dirk Nowitzki: "Mach es - versuchen zählt nicht"

Dirk Nowitzki ist etwas Grandioses gelungen. Etwas Historisches. Als erster Europäer überhaupt hat er den MVP-Titel gewonnen. Er ist der beste Spieler der NBA und damit der beste Basketballer der Welt. Ein Weißer. Ein weißer Europäer aus Würzburg.

Von Jan Christoph Wiechmann, New York

Dieser Spind. Schon sein Spind ist anders. Sein Mitspieler Jerry Stackhouse sagt, dass Nowitzkis Spind sehr deutsch sei, aber er kann nicht genau definieren, was das sein soll, ein deutscher Spind. Er ist irgendwie anders. Ein Spind ohne Ego. Er steht nicht voller Gels und Cremes und Haarwasser und persönlicher Trophäen. Nur eine winzige Plastikfigur steht oben drauf, die Miniatur-Nachbildung des Dirk Nowitzki, nicht größer als ein Daumen, kaum zu sehen.

Auch hat der Deutsche sein Lebensmotto nicht auf den Körper tätowiert wie Stackhouse oder Jason Terry oder die meisten anderen Spieler der Dallas Mavericks. Sein Körper erzählt keine Geschichte, sein Spind nicht vom Ego und seine Sätze, gesprochen in diesem tiefen, etwas genuschelten Bass, taugen nicht gerade für Schlagzeilen. "Wir müssen immer weiter an uns arbeiten", ist so ein Lieblingssatz. "Ich arbeite immer an mir."

Gleich neben dem Spind in der Unkleidekabine der Dallas Mavericks hat Nowitzkis Trainer Avery Johnson sein Motto an die Tafel geschrieben. "Uncontested shots will kill us", steht dort in großen Buchstaben - Würfe, die wir nicht verhindern, killen uns. Das sind starke Worte. Killen. Amerikanische Worte. Einige Meter weiter, auf dem schwarzen Brett im Fitnessraum, hat Team-Besitzer Marc Cuban seine Losung aufgehängt. "Mach es oder mach es nicht. Versuchen zählt nicht." Auch das sind starke Worte. Amerikanische Worte. Doch fragt man Dirk Nowitzki nach einem Motto, dann kommt das Übliche: "Man lernt nie aus. Man lernt am meisten aus Niederlagen."

Er sollte etwas Starkes sagen

Am Dienstagvormittag saß Dirk Nowitzki in Dallas vor den Kameras der Welt und sollte etwas Starkes sagen. Er trug einen schwarzen Anzug, ein gestreiftes Hemd und Krawatte und etwas Gel im Haar. Er war gerade zum besten Spieler der NBA-Saison (MVP) gewählt worden. Er hatte die mit Abstand meisten Stimmen der Fachjournalisten bekommen, 83 von 129 wählten ihn auf Platz eins. Nowitzki sagte, dass es ihm noch schwer falle, sich zu freuen nach der Niederlage in der ersten Runde der Play Offs. Er sagte, dass er stolz sei auf sein Team, aber dass er ein bescheidener Mensch sei und niemals sich selber wählen würde. Doch überwältigt sei er schon. Das war schon recht viel für Nowitzki. Überwältigt. Er kämpfte sich zur Freude durch wie zu einem hart errungenen Sieg.

Einige US-Journalisten nannten die Verleihung des MVP-Titels an Nowitzki bittersüß. Wie kann man einen Versager zum MVP wählen? Einen, der sein hoch favorisiertes Team nicht mal in die zweite Play-Off-Runde führte? Die Journalisten fanden Worte wie "Titel mit Makel", und "Note 4 minus", nur NBA-Boss David Stern hielt dagegen. Stern sagte: "Er ist ein ikonischer einzigartiger Athlet aus Europa, der nicht nur gelernt hat, unser Spiel zu spielen - er hat es erobert."

Nowitzki ist etwas Grandioses gelungen. Etwas Historisches. Als erster Europäer überhaupt hat er den MVP-Titel gewonnen. Er ist der beste Spieler der NBA und damit der Welt. Ein Weißer. Ein weißer Europäer aus Würzburg. Ein unkonventionell spielender Schlacks aus dem Basketball-Entwicklungsland Deutschland. Das ist in etwa so außergewöhnlich, als würde ein Amerikaner zum besten Spieler der Fußball-Bundesliga gewählt. Nowitzki, der nach dem ersten Jahr in der NBA noch zweifelte, "ob ich es je packe in dieser Liga", hat sich in neun Jahren nach ganz oben gekämpft. Er mag nicht das Talent eines Jan Ulrich haben oder das Ego eines Boris Becker, aber er ist, rein sportlich gesehen, ein Superstar. Deutschlands Superstar. Der einzige zurzeit.

Cuban saß tief bewegt auf der Bühne

Neben Nowitzki auf dem Podium saß sein Boss Marc Cuban. Cuban, dem Milliardär, wird nachgesagt, dass es ihm nur ums Gewinnen geht. Um Titel. Ums eigene Ego. Er solle Nowitzki verkaufen, rieten ihm die Lokalmedien nach der historischen Pleite gegen die Golden State Warriors vor zwölf Tagen. Nowitzki werde die Mavericks nie zum Titel führen. Aber gestern saß Cuban tief bewegt auf der Bühne. Ihm standen die Tränen in den Augen. Er musste schlucken. Er konnte kaum weiter sprechen. Er sagte: "Dirk ist nicht der Mensch, bei dem du je bezweifeln würdest, dass ihm (das Team) am Herzen liegt. Er selber ist tief verletzt, wenn es nicht so läuft, wie du es dir wünscht. Du musst ihn nicht ermuntern zu trainieren. Er ist der Kerl, den du eher mal etwas stoppen musst."

Zwei Wochen davor stand Marc Cuban im Fitnessraum der Mavericks vor seinem "Mach-es"-Schwarzen Brett und sollte mit dem Reporter des stern über Nowitzki reden. Er sagte ein paar Plattitüden, aber auf einmal standen ihm auch da Tränen in den Augen. Er sagte: "Ich liebe den Kerl einfach", er sagte es ein paar Mal. Amerikaner zücken schnell mal das Wort Liebe, und weil Cuban die Skepsis des Reporters bemerkte, fügte er hinzu: "Ich kenne Dirk schon so lange, ich meine es ernst, ich liebe diesen Kerl einfach. Ihr Medien versucht ihn fertig zu machen, aber ich halte zu ihm. Ihr findet, dass er zu ruhig ist, aber ich kenne ihn besser. Er kann unheimlich explosiv sein. Ihr findet, dass er kein Leader ist, aber ich kenne ihn nur als Leader." Cuban klang wie ein Vater, der seinen Sohn bis in den Tod verteidigen wird. Und zum Schluss fügte er hinzu: "Wartet nur ab. Er ist noch gar nicht auf seinem Zenit."

Nowitzki wird von Jahr zu Jahr besser

In der Tat übersehen das viele Kritiker: Nowitzki wird von Jahr zu Jahr besser. Er ist erst 28. Er hat gerade seine beste Saison gespielt und verspricht: "Ich kann noch viel dazu lernen." Er wird sich vier Wochen Urlaub gönnen und dann wieder an sich arbeiten und für Deutschland bei der Europameisterschaft spielen und die Niederlage in den Play-Offs bis ins Detail sezieren. Er weiß längst, was er falsch gemacht hat. Er hatte sich in dieser Saison zu früh verausgabt. Er hatte keine Auszeit genommen. Das wird ihm nicht noch mal passieren.

Er wird jetzt arbeiten. Hart arbeiten. Und Lernen. Viel lernen. Und wieder arbeiten. Und wenn alles so läuft, wie er sich das vorstellt, wird die große Niederlage dieses Jahres als Basis dienen für ein gewaltiges Comeback.

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