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Doping: "Wer nicht dopt, fliegt raus"

Der ehemalige Radprofi Jesús Manzano, der vor drei Jahren als Erster über Blut-Doping auspackte, legt in einem Interview mit dem stern nach. Er greift die Beichten der Telekom-Fahrer scharf an - und belastet einen Favoriten der Tour de France schwer.

Der Spanier bezichtigt vor allem Rolf Aldag, der heute im Telekom-Nachfolge-Team T-Mobile Sportdirektor ist, der Lüge. Außerdem belastet er einen der diesjährigen Favoriten für die Tour de France schwer, mit dem er früher im selben Team fuhr.

Manzano glaubt nicht, dass die ehemaligen Telekom-Fahrer Erik Zabel, Bjarne Riis oder Rolf Aldag bei ihren Doping-Geständnissen die ganze Wahrheit gesagt haben. Vor allem die Behauptung von Rolf Aldag, Doping sei für ihn eine ganz intime Angelegenheit gewesen und er wisse nichts über andere Fahrer aus dem Team Telekom, empört ihn. "Das ist eine Riesenlüge. Da lügt Rolf Aldag. Aldag lebt weiter vom Radsport. Er ist ja Direktor, er muss seine Einnahmequelle sichern. Wenn Aldag richtig auspackt, dann stellt er sich gegen Tausende von Radfahrern. Das ist ihm bewusst. Also spricht er von einer sehr persönlichen Sache. Das klingt nach einer Ausnahme, aber es gibt keine Ausnahmen im Radsport. Festina, Liberty Seguros, Phonak, mein ehemaliges Team Kelme und nun Telekom und T-Mobile - alles Teams, in denen gedopt wurde. Doping ist eben nicht die Privatangelegenheit von ein paar Leuten. Es ist ein Krebs, der wuchert. Und alle wissen es."

"Aldag soll den Leuten nicht so einen Quatsch erzählen"

Manzano, der von 2000 bis 2003 für das spanische Team Kelme fuhr, erzählt im stern umfasender und detaillierter als alle Telekom-Profis bei ihren bisherigen Beichten über die Dopingpraxis im Radsport. Von der systematischen Versorgung mit Dopingmitteln, von Teamchefs, die Fahrern mit Rauswurf drohen, wenn sie nicht dopen, von Profis, die sich untereinander die besten Dopingtricks verraten. Manzano: "Warum soll es ausgerechnet bei Telekom und später bei T-Mobile anders gewesen sein? Also: Aldag soll den Leuten nicht so einen Quatsch erzählen."

T-Mobile-Direktor Rolf Aldag und Bjarne Riis, Chef des dänischen CSC-Rennstalls, die in ihrer aktiven Zeit gedopt haben und sich heute als Vorkämpfer einer Anti-Doping-Bewegung geben, sind für Manzano überhaupt nicht glaubwürdig. Manzano: "Man sollte Aldag und Riis rauswerfen. Im Radsport braucht man neue Leute mit einer neuen Mentalität. Wir müssen bei null anfangen. Das geht nicht mit den Sündern von gestern."

Fuentes soll Gerüchten zufolge wieder aktiv sein

Manzano löste mit seinen Enthüllungen vor drei Jahren staatsanwaltliche Aktivitäten in ganz Europa aus. Vor allem die "Operatión Puerto", das Ermittlungsverfahren gegen Eufemiano Fuentes, einen spanischen Gynäkologen, der in Verdacht steht, viele Sportler, darunter auch Jan Ullrich, mit Dopingpräparaten versorgt zu haben. Das Verfahren gegen Fuentes wurde von der spanischen Justiz wegen angeblich fehlender Gesetzesgrundlagen eingestellt. Fuentes soll Gerüchten zufolge in Portugal wieder aktiv sein. "Dass er in Portugal sein Ding macht, habe ich auch gehört. Allerdings nicht mehr im großen Stil wie früher. Wenn es früher 200 Patienten waren, die er betreute, sind es heute vielleicht noch 20. Nur Edelkunden", sagt Manzano.

Manzano erhärtet auch seine Vorwürfe gegen seinen ehemaligen Teamgefährten bei Kelme und gegen Landsmann Alejandro Valverde, der jetzt für Caisse d'Epargne fährt und als einer der Favoriten für die am 7. Juli beginnenden Tour de France gilt. Auch Valverde wird in Verbindung gebracht mit dem Dopingring von Fuentes, fährt aber bisher im Gegensatz zum Italiener Ivan Basso (gesperrt) und Jan Ullrich (Rücktritt), die ebenfalls Kunden bei Fuentes waren, weiter.

Testosteronpflaster während der Rennen

"Dasselbe Zeug, was sie mir gegeben haben, haben sie auch ihm (Valverde, d. Red.) gegeben. Ich erinnere mich an einen Abend nach einer Vuelta-Etappe im Jahr 2002, da kam Valverde mit einem Testosteronpflaster zum Essen. Nach einer Stunde hat er es abgerissen, sonst wäre er positiv getestet worden."

Manzano behauptet auch, dass Valverde und er während der Rennen von Fuentes versorgt wurden. "Fuentes tauchte einmal mit seinem Porsche und einer Kühlbox voll mit Epo auf. Eine blaue Kühlbox, die mit einem Handtuch abgedeckt war. Die Ampullen sollten an die Fahrer verteilt werden, damit sie sich auf die kommenden Rennen vorbereiten können."

Im Radsport hat sich nichts gändert

Durch die ganzen Beichten und den Ermittlungen habe sich im Radsport nichts geändert, behauptet Manzano. "In der Radwelt ist es so: Wenn du dabei bist, bleibst du dabei und wechselst nur den Arzt. Die Fahrer, die noch mit mir sprechen, erzählen: Alles ist gleich geblieben, alle sind nur vorsichtiger geworden."

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