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Doping-Skandal: Dr. Fuentes' seltsame Ansichten

Der spanische Arzt Eufemiano Fuentes hat vermutlich hunderte Sportler gedopt - und damit für den sportlichen GAU der Tour de France gesorgt. Nun erklärte Fuentes im spanischen Rundfunk, dass er vollkommen unschuldig sei.

Von Annette Jacobs

Spaniens Sportwelt hatte es mit Bangen erwartet. Der große Knall blieb jedoch aus. In einem langen Radiointerview beim spanischen Sender Cadena Ser gab es weder große Enthüllungen noch die Nennung neuer Namen. Stattdessen verstrickte sich Dr. Eufemiano Fuentes in eine Verteidigungsstrategie mit teilweise fantasievollen Erklärungen.

Dr. Fuentes gab schon vor einigen Tagen zu, dass er nicht nur für Weltklasse-Radsportler, sondern auch für Fußballer und Tennisspieler "betreute". Dabei sei es dem Mediziner, der als Gynäkologe arbeitete, bevor er Teamarzt der spanischen Rennställe Kelme und Liberty Seguros wurde, ausschließlich um die Gesundheit seiner Sportler gegangen. Eine Behauptung die verwundert. Denn die Teams Kelme und Liberty Seguros, die er offiziell betreute, wurden beide wegen der Verwicklung in Doping-Affären von der Tour-Teilnahme ausgeschlossen. Schon 2004 zog die Organisation der Frankreich-Rundfahrt die Einladung an das spanische Team Kelme zurück.

Sportler haben einen "Risikoberuf"

Der ehemalige Kelme-Profi Jesus Manzano unterstützte dann mit seinem Wissen die spanische Polizei bei ihren Ermittlungen der "Operation Puerto" in dessen Zuge Dr. Fuentes festgenommen wurde. Der Sponsor Liberty Seguros zog sich nach der Festnahme der Sportlichen Leiters Manolo Saiz zurück, der beim Kauf von Dopingmitteln von Fuentes erwischt wurde. Das Team mit dem neuen Namen Astana-Würth konnte, nachdem es sich die Tourteilnahme sportgerichtlich erstritten hatte, am Ende doch nicht teilnehmen: Fünf der nominierten Fahrer wurden wegen der Verwicklungen in den Skandal suspendiert.

Fuentes aber behauptet weiter, er habe den Sportlern mit seinem medizinischen Wissen nur helfen wollen. In seinen Augen sei Hochleistungssport ein "Risikoberuf", bei dem den Athleten "inhumane Anstrengungen" abverlangt würden. Allein wenn man sich den Radsport anschaue, seien die Leistungen, wie sie bei der Tour de France erbracht werden, nicht ohne medizinische Hilfe möglich. "Du kannst keine dieser vier Bergetappen in Folge in diesem Tempo fahren", sagt Fuentes. "Das ist gesundheitsgefährdend". Aus seiner Sicht sei es gefährlicher, mit einem Hämatokritwert von 31 an der Tour teilzunehmen, als mit einem Wert von 51.

EPO für die Familie

Eine abenteuerliche Behauptung. Denn ein Hämatokritwert von 51 deutet laut der Antidopingexperten auf die Einnahme des Blutdopingmittels EPO hin. Mit einem Wert ab 50 werden die Sportler seit Jahren mit einer so genannten Schutzsperre belegt, da man das Erythropoetin selbst im Körper nicht nachweisen kann. Die übermäßige Einnahme dieses Medikaments - das die Sauerstoffaufnahmekapazität im Blut fördert - ist aber nachweislich lebensgefährlich.

Trotz seiner Einstellung zur Einnahme von EPO habe er jedoch niemals eigenhändig in Sportlerkörper gespritzt. Dass die Ermittler der "Operation Puerto" in seinen Madrider Geschäftszimmern dieses Medikament gefunden haben, beweise noch lange nicht, dass die für Sportler gedacht waren. Vielmehr hätte Fuentes einen Vorrat für seine Familie angelegt. Fuentes, so erzählt er weiter, würde nicht zögern, auch seiner Frau, der Leichtathletin Cristina Perez Diaz EPO zu verabreichen, falls es die Gesundheit erfordere.

Athmamittel für den Hund

Mit diesen Behauptungen reiht sich Fuentes in die Reihe von Ertappten im Radsport ein, die ähnliche unglaubliche Ausreden fanden. Drei Beispiele: Die Frau des Tour-Dritten Litauers Raimondas Rumsas wurde 2002 auf dem Rückweg an der französischen Grenze festgenommen. In ihrem Kofferraum wurde ein Arsenal von Dopingmitteln gefunden. Ihre Ausrede: Die Medikamente seien für ihre kranke Mutter. Im gleichen Jahr lautete die Behauptung des einstigen belgischen Radsportstars Franck Vandenbrouke, bei dem ebenfalls viele Dopingmittel gefunden wurden, das Asthmamittel Clenbuterol sei für seinen Hund gewesen. Nachdem Gilberto Simoni beim Giro d’Italia 2002 positiv auf Kokain getestet wurde, sagte er, seine Tante habe ihm bei seinem Besuch Tee serviert, der mit kokainhaltigem Rohrzucker aus Peru gesüßt war.

Doch zurück zu den Behauptungen des Dopingarztes Fuentes. Denn auch zu den Blutbeuteln, bei denen vermutet wird, dass sie zum Zwecke des Eigenblutdopings in seinem Labor gebunkert wurden, hat er eine andere Meinung als die spanischen Ermittler. Er habe sie den Sportlern zu noch nicht bestimmen Zwecken abgenommen. Die Konserven sind immerhin für den Gebrauch in den nächsten zehn Jahren bestimmt. Dies sei in Spanien eine gängige Methode: Auch Stierkämpfer lassen Blutreserven aufzubewahren, – für den Fall eines Unglückes. Nach wie vor wird von der spanischen Polizei ermittelt, wem das Blut zuzuordnen ist. Die Vermutung, dass auch das Blut von Jan Ullrich im Kühlschrank des ehemaligen Gynäkologen liegt, sorgte immerhin dafür, dass der Deutsche von der Tour-Teilnahme ausgeschlossen würde.

Fuentes wird bedroht

Die bisherigen Veröffentlichungen der spanischen Polizei deuten darauf hin, dass Fuentes ein europaweites Netzwerk für die Versorgung von Sportlern mit Doping aufgebaut hatte. Im Radiointerview gab Fuentes, der nach seiner Festnahme im Mai gegen die Zahlung von 120 000 Euro frei kam, zu, dass er in den letzten Wochen bedroht und eingeschüchtert wurde. "Natürlich habe ich Angst", gibt er zu.

Den Behauptungen des Moderator, dass er Opfer der Verärgerung von spanischen Fußballklubs wurde, wiederspricht Fuentes laut der Süddeutschen Zeitung jedoch nicht. Dennoch, er sieht sich nicht als Kriminellen: "Ich habe weder einen Menschen getötet, noch seine Gesundheit zerstört." Es ging ihm natürlich ausschließlich um das Wohlergehen der Sportler.

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