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Doping-Skandal: Schicksals-Tour für Ullrich

Als erster Deutscher gewann Jan Ullrich die Tour de France. Dort, wo sein Stern aufging, verglühte er auch. Zum Kampf um den zweiten Titel durfte er nicht mehr antreten. Wird der gefallene deutsche Held je wieder ein Profi-Radrennen bestreiten?

Die Tour de France war Jan Ullrichs Schicksal. Sein Sieg 1997, der erste eines deutschen Radprofis im härtesten Radrennen der Welt, begründete seinen Aufstieg zum viel geliebten Idol. Die am Sonntag ohne ihn zu Ende gegangene 93. Frankreich-Rundfahrt markierte den Schlusspunkt einer elfjährigen Karriere, durch die der Radsport in Deutschland in völlig neue Dimensionen aufstieg. Die per Fax ausgesprochene fristlose Kündigung durch seinen Arbeitgeber am Freitag wegen schwerer Doping-Vorwürfe will Ullrich nicht hinnehmen. Auf seiner Homepage beklagt er sich, dass er sich wie eine Faxnummer behandelt fühle. Seine Anwälte kündigten gerichtliche Schritte an. Die lange glücklich scheinende Sportehe zwischen Ullrich und T-Mobile scheint vor dem Kadi zu enden.

Den Termin der Kündigung habe T-Mobile gewählt, "obwohl wir für eine mögliche Kündigung eine Fristverlängerung bis Ende nächster Woche eingeräumt hatten. Ich wollte so verhindern, dass Unruhe ins Tour-Team kommt", schrieb Ullrich ebenfalls auf seiner Homepage. "Ich stehe mit den Jungs persönlich in Verbindung", gab er sich noch als fürsorgender Kapitän. Dabei probte der deutsche Radsport bei der Tour schon die Zeitenwende: Andreas Klöden führte sich als Dritter hinter Floyd Landis und Oscar Pereiro als Ullrich-Nachfolger ein.

Millar rät Ullrich zum "Outing"

Ullrichs Absturz verschreckte viele Blauäugige. Aber ganz überraschend traf er die belastete Branche kaum. Sein engster Kreis, sein Sponsor, die Teamleitung, Teile der Medien müssen sich einreihen in die Gruppe der Arglosen. Die ARD, lange Jahre Mit-Sponsor des Ullrich-Teams mit Logo auf dem Trikot, hat es stets vermieden, unbequeme Fragen zu stellen. Die sympathische, freundliche Figur mit den Sommersprossen stand vielen gut zu Gesicht. Seit seinem unrühmlichen Abgang aus Straßburg am 30. Juni durch die Suspendierung ist der 32-Jährige aus der Öffentlichkeit verschwunden.

Der in Rostock geborene Radprofi, der zum "Steuer-Schweizer" wurde, mag zwar finanziell längst ausgesorgt haben. Aber nicht nur der geständige Arbeits-Kollege David Millar rät zum rigorosen Outing, "sonst geht er kaputt". Der Goldmedaillengewinner, Toursieger, zweifache Zeitfahr-Weltmeister und Tour-de-Suisse-Sieger zieht sich aber weiter hinter seine Advokaten zurück. In einem arbeitsrechtlich womöglich unübersichtlicheren Fall, als es sein bisheriger Arbeitgeber T-Mobile wahrhaben will, kämpfen sie in seinem Auftrag vor allem darum, die Reste letzter Bezüge zu retten.

Pevenage orderte Dopingmittel für Ullrich

Mehr als ein laues, von den Anwälten diktiertes Statement, gab es bisher nicht. Mit roten Blutkörperchen aufgefülltes Eigenblut, in Beuteln im Kühlschrank eines Madrider Hämatologen gelagert, Wachstumshormone, Testosteron, Insulin, Kortison: Das alles soll Ullrich via Rudy Pevenage vom spanischen Doping-Kartell geordert und jahrelang benutzt haben. Gegen diese handfesten Vorwürfe hat Ullrich noch kein Alibi, obwohl er Unschuldsbeweise angekündigt, aber bisher nicht vorgelegt hat. Weil er aus Spanien keine Klage zu erwarten hat, handelt er aus juristischer Sicht im Moment wahrscheinlich richtig.

Nachdem der Bonner Konzern, der sich sein Engagement jährlich geschätzte 2,5 Millionen Euro kosten ließ, alle Leitungen zum einstigen Vorzeige-Athleten gekappt hatte, steht Ullrich vor dem Nichts. Er kann nur Radfahren. Der vaterlos aufgewachsene Rotschopf verließ die Schule nach der 10. Klasse, die Ausbildung zum Maschinenschlosser brach er ab. Die zu erwartende Sperre durch den Weltverband dürfte einen Karriere-Fortgang als Radprofi, auch im Ausland, beispielsweise im kasachischen Team seines einstigen Freundes Alexander Winokurow, unmöglich machen.

T-Mobile-Sprecher Christian Frommert wünschte dem ehemals gehätschelten Star, "dass seine neue Freundin jetzt zu ihm hält". Vor der Tour hatte Ullrich jedenfalls auf dem Boulevard verkündet, dass er Sara "noch in diesem Jahr heiraten" werde. Das stieß vor vier Wochen noch allenthalben auf großes Interesse. Sein ehemaliger Trainer Peter Becker warnte bereits, sein ehemaliger Schützling könnte zum Alkoholiker werden, "wenn sich keiner kümmert".

Andreas Zellmer und Esteban Engel/DPA / DPA

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