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Eishockey: DEL-Analyse - Titelträume in Straubing?

Fünf-Punkte-Wochenende, erfolgreichste Mannschaft in 2012 und mittlerweile Fünfter in der DEL - die Straubing Tigers sind das Team der Stunde. Die erste Playoff-Teilnahme der Vereinsgeschichte scheint dem Club kaum noch zu nehmen. Mittlerweile ist die Mannschaft gar so gefestigt, dass sie sich zum Geheimfavoriten mausert. 

"Wir orientieren uns am zehnten Platz und müssen weiter höllisch aufpassen", sagt Bernie Engelbrecht. Das Understatement des Straubinger Co-Trainers ist der oftmals typische Reflex, mit dem sich die Verantwortlichen in einem Hoch gerne vor übertriebener Erwartung schützen wollen.

Doch die Euphorie-Bremsen im Umfeld des bayerischen DEL-Clubs haben einen zunehmend schwereren Stand. Nach zwei Siegen gegen die Playoff-Konkurrenz aus Köln (5:2) und Iserlohn (4:3 n.V.) sind die Straubing Tigers mittlerweile Fünfter.

Statt auf Rang zehn, den die Tigers bereits zehn Punkte hinter sich gelassen haben, können die Straubinger Anhänger derzeit gar mit einem Platz in der Spitzengruppe liebäugeln. Der Verein aus der niederbayerischen Kleinstadt weist die beste Bilanz aller DEL-Klubs im Jahr 2012 auf. Sie heimsten 17 von 21 möglichen Zählern heimsten seit der Jahreswende ein, gewannen sechs ihrer sieben Spiele bei einer Torbilanz von 28:14. In der Tabelle passierten die Tigers nun auch die Hamburg Freezers.

Fans fiebern erster Playoff-Teilnahme entgegen

Der Erfolgswelle schlägt sich mittlerweile in den wirtschaftlichen Zahlen nieder. Zu den vier Heimspielen des neuen Jahres pilgerten weit über 20.000 Zuschauer, im Schnitt 5.328. Die Mannschaft belohnt die Fans für ihre Unterstützung: Keine anderes Team ist so erfolgreich auf eigenem Eis (15 Siege aus 20 Spielen). Der jüngste Ansturm der Zuschauer bringt den seit jeher gut besuchten Pulvertum (5.777 Plätze) an die Grenzen seiner Kapazität. Das eishockey-verrückte Publikum der Stadt fiebert der ersten Playoff-Teilnahme des Vereins förmlich entgegen. "Die Fans können hier bei etwas Einmaligem dabei sein", sagt der sportliche Leiter Jürgen Pfundtner.

Denn seit dem Aufstieg in die DEL als Zweitliga-Meister 2006 verpasste der Club in allen fünf Jahren die Teilnahme an den Playoffs und ist aktuell das einzige DEL-Team, das noch nie in die Endrunde einziehen konnte. Nicht einmal das Erreichen der Hoffnungsrunde Pre-Playoffs war den Tigers bisher vergönnt gewesen. Nach dem Aufstieg war die Devise zunächst, sich in der höchsten Spielklasse anständig aus der Affäre zu ziehen. Doch mit den Jahren wuchsen die Erwartungen.

Die Straubinger Macher träumten schon in den letzten beiden Spielzeiten von der ersten Playoff-Teilnahme, die Teams der Vergangenheit ließen jedoch stets die nötige Klasse vermissen. In dieser Saison scheint das anders. "In unserer Mannschaft herrscht ein ganz anderes Selbstverständnis als damals", sagt Stürmer Ryan Ramsay, der schon 2010 für Straubing auflief und vor dieser Saison an den Pulverturm zurückgekehrt war.

"Hart, fair, direkt nach vorne"

Das offizielle Ziel, der zehnte Platz, ist nur noch schwer zu verfehlen. Realistisch scheint dieses Szenario zurzeit ohnehin nicht. Denn der Erfolg der Straubinger steht auf breiten Füßen, der aktuelle Höhenflug ist kein Produkt des Zufalls. "Hart, fair, direkt nach vorne", so charakterisiert Trainer Dan Ratushny die Spielweise seiner Mannschaft und zeichnet mit seiner kurzen aber prägnanten Beschreibung eine exaktes Bild der Realität. Schlittschuhläuferisch gibt es kaum eine stärkere Mannschaft in der DEL, das Umschalten von Abwehr und Angriff funktioniert bei den Straubinger ganz hervorragend, wie so vieles.

Der jüngste 6:2-Erfolg gegen Ingolstadt war dafür das Paradebeispiel. Unnachahmlich nahmen die Straubinger den bayerischen Rivalen mit ihrer direkten und präzisen Spielweise auseinander, die Fans gerieten förmlich ins Schwärmen. Der Sieg gegen das Top-Team, das zuletzt selbst drei Erfolge in Serie feierte, war ein eindeutiges Zeichen in Richtung Konkurrenz. In so einer Verfassung muss mit dem Erreichen der Endrunde noch lange nicht Schluss sein.

Der Erfolg hat viele Namen. Etwa den von Stürmer Matt Hussey, der mit 20 Treffern in nur 28 Spielen der beste Torjäger der DEL ist und sich mittlerweile vor Angeboten kaum retten kann. Oder den von Torhüter Barry Brust.

Lassen seine Vorderleuten einmal den Schlendrian walten, erweist sich der NHL-erfahrene Kanadier (elf Spiele) ein ums andere Mal als großer Rückhalt. Nicht nur wegen seines unorthodoxen Stils ist Brust ein echter Hingucker, der sich mit gegnerischen Angreifern oder den Schiedsrichtern immer wieder gerne ein Scharmützel liefert. Die Folge: 109 Strafminuten in 33 Spielen - schon jetzt einsamer Rekord für einen Torhüter in der DEL.

Kämpferqualitäten und viel Moral

Damit hat Brust maßgeblichen Anteil an dem Umstand, dass sich kein anderes Team der Liga bisher so viele Strafminuten einhandelte wie die Niederbayern - im Schnitt über 20 pro Spiel. Als großes Problem erwies sich das aber nicht. Nur drei Mannschaften kassierten weniger Gegentore bei eigener Unterzahl.

Die harte Arbeit, egal ob in Unterzahl oder bei Fünf-gegen-Fünf, ist einer der Eckpfeiler des Erfolgs. "Genau das zeichnet uns aus. So müssen wir weitermachen", sagt der 41-jährige Ratuschny, für den Straubing die zweite Station seiner jungen Trainerkarriere ist, die 2009 im Schweizer Olten begann. "Jeder kämpft für seinen Mitspieler. Unsere Moral ist riesig, deswegen läuft es auch so gut", sieht Angreifer Sandro Schönberger hier den Schlüssel für die Siegesserie der Straubinger.

Während sich Ratuschny ("Wir schauen nicht auf die Tabelle"), Engelbrecht ("Es kann noch viel passieren") und Schönberger ("Der Blick nach oben ist Wunschdenken") weiter in Besonnenheit üben, ist Torjäger Hussey schon eher aus der Reserve zu locken. "Wir stehen zu Recht unter den Top Fünf", konstatiert der Amerikaner ganz selbstbewusst. "Momentan passt einfach alles."

Daniel Pietzker

sportal.de / sportal

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