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Bundesliga: Das Drama von 1922: Schon einmal endete eine Fußball-Saison ohne Deutschen Meister

Geht die Bundesliga-Saison ohne Deutschen Meister zu Ende? Das ist nicht mehr auszuschließen. 1922 fehlte im Fußball schon einmal ein Titelträger – obwohl die Spieler über die Schmerzgrenze hinausgegangen waren.

Spieler des Hamburger SV und des 1. FC Nürnberg ziehen sich beim Finale 1922 auf dem Platz um

Auch das war 1922 anders: Die Spieler mussten sich vor der Verlängerung auf dem Platz vor den Augen der Zuschauer umziehen

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Das hat es in der Form – abgesehen von der Zeit der Weltkriege – noch nie gegeben: Die Fußball-Bundesliga steht still und niemand weiß, wann und wie es wieder weitergeht. Seit dem Ausbruch des Coronavirus in Deutschland ruht der Spielbetrieb, auch Geisterspiele erwiesen sich zunächst als nicht praktikabel. Die Verantwortlichen der Vereine und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) setzen zwar alles daran, dass die Saison 2019/20 zu Ende gespielt werden kann, doch angesichts der Lage ist nicht sicher, ob es in dieser Saison überhaupt einen Deutschen Meister geben wird.

Keine Schale, keine Meisterfeier, kein Rathausbalkon – für Fans eigentlich undenkbar. Andere Ligen haben aber bereits vorgemacht, dass dieses Szenario möglich ist: Die Saison in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) wurde beispielsweise ohne Meister beendet. Und auch im Fußball ging schon mal eine Spielzeit ergebnislos zu Ende: 1922 wurde das Finale um die Meisterschaft abgebrochen und kein Meister gekürt.

Finale 1922: Zwei Spiele ohne Sieger

Damals, mehr als 40 Jahre vor der Gründung der Bundesliga, wie wir sie heute kennen, funktionierte der Fußball in Deutschland noch anders. Es gab keine Liga, in der der Sieger mittels Tabelle ermittelt wurde. Stattdessen fand die Endrunde der Meisterschaft im K.o.-System statt wie heute der DFB-Pokal, der Meister wurde in einem Finale ermittelt. Unter den Teilnehmern der Endrunde von 1922 befanden sich einige Klubs, deren Namen heute selbst eingefleischten Fans nichts mehr sagen würden: FC Viktoria Forst oder die SpVgg 1899 Leipzig-Lindenau. Das Finale aber erreichten zwei Vereine, die bis heute im Profifußball aktiv sind: der Hamburger SV und der 1. FC Nürnberg.

Das Endspiel am 18. Juni 1922 in Berlin fand jedoch keinen Sieger. Nach 90 Minuten stand es 2:2, in der Verlängerung wollte einfach kein weiteres Tor fallen. Damals sahen die Regeln noch vor, dass nach dem Golden-Goal-Prinzip so lange gespielt werden sollte, bis eine Mannschaft traf. Ein Elfmeterschießen kannte der Fußball noch nicht. Doch an jenem Abend spielten und spielten die Mannschaften, bis kaum noch etwas zu erkennen war. Die Partie musste wegen hereinbrechender Dunkelheit ergebnislos abgebrochen werden. Insgesamt hatte das Spiel 189 Minuten gedauert, alle Akteure waren weit über ihre Schmerzgrenzen hinausgegangen.

Zu wenige Spieler – Endspiel muss abgebrochen werden

Ein Wiederholungsspiel sollte sieben Wochen später in Leipzig die Entscheidung bringen – doch das Drama nahm noch ungleich größere Ausmaße an. Wieder stand es nach der regulären Spielzeit unentschieden (1:1). Die Nürnberger aber waren zahlenmäßig unterlegen: Der Clubberer Willy Böß hatte schon nach 18 Minuten Rot gesehen, zudem hatte sich ein Mitspieler so verletzt, dass er nicht mehr weiterspielen konnte – auch Auswechslungen wurden erst in den Sechzigern eingeführt. Zu neunt ging der FCN also in die Verlängerung, dort kassierte Heinrich Träg im Club-Trikot nach 100 Minuten den nächsten Platzverweis.

Bundesliga: BVB gegen Schalke wird wohl zum Geisterspiel

Auch in Überzahl gelang dem HSV nicht das entscheidende Tor zur Meisterschaft. Sieben Minuten nach der Roten Karte gegen Träg gab dann aber auch der Nürnberger Spieler Luitgold Popp völlig entkräftet auf. Der Club hatte nur noch sieben Spieler auf dem Platz, die Regeln sahen aber vor, dass mindestens acht Akteure pro Mannschaft notwendig seien. Schiedsrichter Peco Bauwens, der nach dem Zweiten Weltkrieg DFB-Präsident werden sollte, brach die Partie erneut ab. Den Regularien gemäß hätte der Titel unter diesen Umständen an den HSV gehen müssen.

Dem Unparteiischen war allerdings ein Formfehler unterlaufen: Er hatte das Spiel nach einer Unterbrechung nicht wieder angepfiffen. Nur dann wäre ein regulärer Abbruch möglich gewesen. So kam es nach dem Drama auf dem Platz zu Streitereien am grünen Tisch. Der DFB sprach den Titel offiziell den Hamburgern zu, der HSV seinerseits verzichtete – so blieb das Spieljahr 1921/22 Saison im deutschen Fußball ohne Meister. Das passierte sonst nur in der Saison 1944/45 aufgrund der Ereignisse im Zweiten Weltkrieg.

Kein Meister – Geschichte könnte sich wiederholen

Die Geschichte könnte sich nun unter gänzlich anderen Vorzeichen wiederholen. Trotz Coronavirus soll die diesjährige Saison aber – sofern es nur irgendwie möglich ist – bis zum 34. Spieltag ausgetragen werden. "Alle Klubs wollen die Bundesliga zu Ende spielen. Es ist überlebensnotwendig, so viele Spiele wie möglich zu machen", sagt DFL-Geschäftsführer Christian Seifert. Im Gegensatz zu 1922 stehen nämlich noch ganze neun Spieltage aus.

Und im Gegensatz zu 1922 wird Fußball auf dieser Ebene in Deutschland nicht mehr als Hobby betrieben, sondern ist fast hundert Jahre später ein Millionengeschäft. Daher lassen sich beide Szenarien schwer vergleichen. Aktuell geht es nicht nur darum, den Deutschen Meister zu ermitteln – die Frage, wer denn nun am Ende der Saison den Titel beanspruchen darf, könnte man im Notfall sogar offen lassen. Wichtig ist vor allem, dass überhaupt gespielt wird. Nur dann werden Fernsehgelder ausgezahlt, von denen die Bundesliga-Klubs finanziell abhängig sind. Ansonsten drohen einige insolvent zu gehen.

Von Relevanz sind außerdem im Liga-System auch die Plätze hinter dem Meister. Die nämlich entscheiden darüber, wer im nächsten Jahr in welchem internationalen Wettbewerb spielt oder absteigt – auch das sind Fragen, deren Antworten Millionen wert sind. DFL und Vereine müssen Lösungen finden für Probleme, für die es keine Präzedenzfälle gibt. So wie es der DFB im Fall des denkwürdigen Finales von 1922 tat: Als es keinen Meister gab, entschloss man sich, einfach die Namen beider Klubs in die Meisterschale einzugravieren. So stehen dort nun sowohl der HSV als auch der 1. FC Nürnberg als Titelträger verewigt.

Quellen: "Welt" / "11 Freunde"

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