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Erik Zabel: Die Tränen eines Champions

Erik Zabel gilt als Saubermann des deutschen Radsports. Die Fans lieben ihn, weil er schon immer ein anständiger und fairer Sportsmann war. Sein tränenreicher Auftritt bei der Pressekonferenz von T-Mobile - inklusive Doping-Beichte - wird seinem Ruf nicht schaden.

Von Nico Stankewitz

Erik Zabel ist eine der großen Persönlichkeiten im internationalen Radsport - und im deutschen Sport überhaupt. Schon seine Anwesenheit auf dem Podium der Pressekonferenz seines vormaligen Arbeitgebers T-Mobile war eine Überraschung, das unverhoffte Doping-Geständnis des Champions ein Schock. Aber Erik Zabel ist sich selbst treu geblieben, so wie er in all den Jahren als fairer Sportsmann und Gesprächspartner aufgetreten ist.

Als klar wurde, dass alles rauskommen würde, dass der Epo-Sumpf in seiner ganzen stinkenden Ausdehnung sichtbar werden würde, entschloss sich auch der neben Jan Ullrich beste deutsche Radprofi aller Zeiten, mit seiner Vergangenheit abzurechnen. Spät zwar kommt das Geständnis, aber vergleichsweise klein ist auch das Ausmaß der Verfehlungen des Top-Sprinters. Eine einwöchige Behandlung mit Epo verursachte offenbar schwere Gewissensbisse bei Zabel. Ein Umfang, der vielen anderen Fahrern aus der damaligen Zeit nur ein müdes Lächeln abringen könnte.

Der Retter von Team Telekom

Nicht so Erik Zabel, der mit inzwischen 36 Jahren im Spätherbst einer großen Laufbahn steht. Zabel hätte auch schweigen können, oder sich für viel Geld in das Fernsehstudio einer Unterhaltungssendung setzen können, aber er wählte einen härteren Weg. Dabei hat Zabel ein anderes Format, als die zuvor geständigen ehemaligen Telekom-Profis. Der Berliner, der als Sprinter und Klassikerfahrer neben dem Italiener Mario Cipollini der erfolgreichste Fahrer der neunziger Jahre war, gewann 12 Etappen bei der Tour de France und sechsmal das Grüne Trikot für den punktbesten Fahrer der bedeutendsten Rundfahrt der Welt.

1995 hatte Zabel mit zwei Etappensiegen bei der Tour de France die Existenz des nun so schwer belasteten Teams Telekom erst gerettet. Denn nach den erfolglosen Anfangsjahren hatte die deutsche Mannschaft nur eine "halbe" Startgenehmigung für die Tour 1995 und der Sponsor bereitete bereits den Ausstieg vor. Die beiden Sprintsiege von Zabel retteten die Existenz der Godefroot-Mannschaft und bereiteten erst den Boden für die Gesamterfolge von Riis und Ullrich in den beiden folgenden Jahren.

Von Gewissensbissen geplagt

Der Weltcupsieger von 2000 blieb nicht nur dadurch eine Symbolfigur des Teams. Wo Jan Ullrich der umjubelte, aber immer auch abgeschirmte Star von Telekom war, gab Zabel stets den freundlichen und umgänglichen Profi, der sich auch in Interviews viel Zeit nahm und gelassen und gewissenhaft mit dem Rummel um das Team umging.

Mit einem dicken Kloß im Hals saß Erik Zabel am Donnerstag nun auf dem Podium. Gerade auch für ihn, der nicht von bösen Gerüchten umgeben, eine makellose Karriere vorzuweisen hat, war es besonders schwer, hier die Sünde der Vergangenheit preiszugeben. Anzumerken waren Zabel vom ersten Moment an die Gewissensbisse, die ihn auf dem Podium zu Tränen rührten. Die Erwähnung seines Sohnes Rick, dessen Kindheit man in den neunziger Jahren jährlich auf dem Podium der Tour de France mit verfolgen konnte, zwang Zabel dann zu Tränen. Ein aufrechter Mann, der seinem Sohn die Wahrheit über die Vergangenheit seines Vaters sagen musste - unter anderem auch, um Schaden von der möglichen sportlichen Zukunft seines Sohnes abzuwenden.

"Ich möchte nicht, dass die jungen Leute in ein ähnliches Umfeld kommen wie wir", sagte Zabel dann noch und bezog sich damit auf seinen Sohn und dessen Sportkameraden. Mit diesem Statement hat er unter Beweis gestellt, was man auch anderen Weltklassefahrern wünscht: Er besitzt Charakter - nicht nur auf dem Rad.

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