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Handball-WM: Wer ist Kahn? Wir haben Fritz!

Erst Europameister Frankreich weggefegt, und jetzt auch noch den amtierenden Weltmeister Spanien in einem wahren "Thriller" von der Platte geputzt: Die deutschen Handballer haben sich bei der WM auch mit Hilfe ihrer ekstatischen Fans in einen Rausch gespielt. Mit diesem Publikum im Rücken ist nun alles möglich.

Von Klaus Bellstedt, Köln

Fußball ist der wichtigste Sport im Land - so denken viele. Das mag auch stimmen, aber es gilt eben nicht immer. Was ist momentan schon ein Kick zwischen satten Bayern-Millionarios und grauen Mäusen vom VfL Bochum im Vergleich zu einem Handball-WM-Spiel Deutschland gegen Spanien? Gar nichts! Da können sich die Makaays, Podolskis und Kahns noch so sehr anstrengen: Mit den Schwarzers, Hens' oder Fritz' können sie es derzeit einfach nicht aufnehmen. Die Jungs von Trainer-Guru Heiner Brand surfen bei den Titelkämpfen im eigenen Land auf einer Welle der Euphorie, dass einem fast schon schwindelig werden könnte.

Fast 20.000 Zuschauer in der aus allen Nähten platzenden Halle konnten sich am Dienstagabend davon ein Bild machen - aber sie hatten eben auch selbst ihren Anteil an diesem weiteren Erfolgskapitel bei der WM im eigenen Land. Schon eine Stunde vor Spielbeginn wähnte man sich ob der knisternden Stimmung und der innig intonierten Fangesänge eigentlich mehr in einer englischen Fußball-Kathedrale als in der zugegebenermaßen schon immer recht schunkelfreudigen Kölnarena. Aber spätestens seit Dienstag steht fest: Wenn die altehrwürdige Dortmunder Westfalenhalle das "Wohnzimmer des deutschen Handballs" sein soll, dann ist die Kölnarena ab sofort das "Freudenhaus" dieser atemberaubenden Mannschaft, die drauf und dran ist, das Klinsmannsche Sommermärchen nicht nur fortzusetzen, sondern zu toppen.

Sport-Oscar für deutsche Keeper

Gegen Weltmeister Spanien zerriss sich im deutschen Team jeder für den anderen - von der ersten Sekunde an. Es gab und gibt keinen Neid in dieser Truppe, niemand missgönnt dem anderen seine Leistung. Selbst Reservisten wie Michael Haaß oder Dominik Klein feuerten ihre Mitspieler von der Bank aus unablässig an. Am stärksten verdeutlicht sich der famose Mannschaftsgeist der deutschen Handball-Nationalmannschaft aber am Beispiel der beiden Torhüter Henning Fritz und Johannes Bitter: Beinahe nach jeder der zahllosen Paraden des neuen "Hexers" Fritz sprang sein Vertreter Bitter wie von der Tarantel gestochen von der Bank auf und hob einen Meter vom Hallenboden ab. Wieder und immer wieder klatschten sich die beiden Keeper gegenseitig ab.

Der Vergleich muss jetzt einfach kommen: Olli Kahn hätte sich während der WM im Zweifel eher die Hand abgehackt, als sich über eine Parade von Jens Lehmann ähnlich überschwänglich zu freuen. Da war der Handshake vor dem Elfmeterdrama gegen Argentinien bereits das höchste der Gefühle. Kahn und Lehmann wurden dafür übrigens mit dem Sport-Bambi ausgezeichnet. Und was bekommen Fritz und Bitter? Den Sport-Oscar, mindestens!

Mannschaft und Fans eine Einheit

Die deutsche Nummer eins avancierte gegen die iberischen Handballgötter wie Kreisläufer-Ungeheuer Rolando Urios oder Wurfmaschine Iker Romero zum wiederholten Mal bei dieser WM zum Matchwinner. Wie wild gewordene Stiere liefen die Spanier in der zweiten Hälfte gegen die deutsche Abwehrmauer an, aber nur ein einziges Mal (zum 23:23) gelang ihnen der Ausgleich. Ansonsten lief der Weltmeister über die gesamte Spielzeit einem Rückstand hinterher. Wenige Sekunden vor Ende dieses an Spannung kaum zu überbietendem Krimis versetzte der ebenfalls überragende Torsten "Toto" Jansen mit dem Tor zum 27:25 den Spaniern den "Todesstoß".

Was danach folgte wird wohl niemand der gut 20.000 Fans im Hexenkessel am Rhein so schnell vergessen: Mannschaft und Fans verschmolzen zu einer Einheit und feierten noch lange nach dem Abpfiff eine schwarz-rot-goldene Party. Und das Schönste daran: Die Party ist noch längst nicht zu Ende. Am Donnerstag öffnet das Freudenhaus Kölnarena zum nächsten Stierkampf seine Pforten. Deutschland bekommt es wieder mit Frankreich (21:18 (10:9) gegen Kroatien) zu tun. Fortsetzung folgt? Alles ist möglich, definitiv!

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