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Überragender Torwart bei der Handball-WM: Der fantastische Aufstieg des Carsten Lichtlein

Jahrelang musste sich Carsten Lichtlein im Nationalteam hinten anstellen. Bei der WM in Katar bekommt der Torwart nun seine Chance - und nutzt sie eindrucksvoll.

Torwart Carsten Lichtlein ist einer der Erfolgsgaranten im DHB-Team bei der WM in Katar

Torwart Carsten Lichtlein ist einer der Erfolgsgaranten im DHB-Team bei der WM in Katar

Auf der Tribüne stand Alt-Bundestrainer Heiner Brand und applaudierte dem deutschen Sieggaranten Carsten Lichtlein. "Jedes gute Spiel von ihm freut mich. Er musste sich so oft hinten anstellen", sagte der Weltmeister-Coach. Mit einer Weltklasse-Leistung im Tor hatte Lichtlein den deutschen Handballern in Doha den Weg ins Viertelfinale der WM in Katar geebnet.

Beim 23:16 (12:8)-Sieg im Achtelfinale gegen Ägypten parierte der 34-Jährige mehr als die Hälfte aller gegnerischen Würfe (56 Prozent) und wurde als "Man of the Match" ausgezeichnet. "Es gibt solche Spiele, wo alles klappt. Das war auf jeden Fall ein Spiel in den Top Fünf von mir", sagte Lichtlein.

"Es war ein echtes Lichtlein-Spiel. Er hat eine fantastische Leistung gebracht", adelte DHB-Präsident Bernhard Bauer den Keeper nach der Partie vor 10.000 Zuschauern. "Unsere Abwehr und die Torhüterleistung waren sehr, sehr stark. Carsten Lichtlein ist in der Lage, solche Dinger zu machen", lobte Bundestrainer Dagur Sigurdsson seinen Schlussmann.

Jahrelang nur die Nummer drei

Dabei verlief Lichtleins Karriere im DHB-Team bislang weitestgehend enttäuschend. Auch wenn sich seine Visitenkarte mit dem Titelgewinn 2004 bei der Europameisterschaft und 2007 bei der Weltmeisterschaft sowie knapp 200 Länderspielen eindrucksvoll liest, sieht die Realität nüchterner aus. Bei den beiden Triumphen stand er keine Sekunde auf dem Platz, seine Länderspiele ergaben sich aus vielen Testspielen und Kurzeinsätzen.

Jahrelang musste sich Lichtlein, der bereits 2001 sein Debüt im Nationalteam feierte, hinten anstellen. Ob Henning Fritz oder Johannes Bitter, der Gummersbacher war meist die solide Nummer drei im DHB-Team - bis jetzt. Sigurdsson setzt auf den Routinier und bekommt das Vertrauen mit bärenstarken Leistungen zurückbezahlt.

Ausgerechnet Polen

Lichtleins Erfolgsgeschichte begann bei dieser WM nach 20 Minuten im ersten Vorrundenspiel gegen Polen. Ausgerechnet. Acht Jahre zuvor stand Lichtlein beim Titelgewinn 2007 bei der Heim-WM noch im Schatten von Fritz und Bitter, als Deutschland Polen im Finale bezwang. Nun sollte seine Stunde schlagen. Trainer Sigurdsson nahm den glücklosen Silvio Heinevetter aus dem Kasten und brachte Lichtlein, der überzeugte und seinem Team zum sensationellen Auftaktsieg verhalf. Seit diesem Spiel hat er sich an Heinevetter vorbeigespielt.

Auf die Frage, ob er sich in der Form seines Lebens befindet, ist sich Lichtlein nicht sicher. "Meiner Meinung nach kommt diese Wahrnehmung daher, dass ich in der Vergangenheit in der Nationalmannschaft nicht so viele Chancen bekam. Wenn sich mir eine Möglichkeit bot, nutzte ich diese meiner Meinung nach eigentlich immer und brachte meine Leistung", sagte er im "Spox"-Interview.

Olympia 2016 im Blick

Die mangelnde Wertschätzung hat an dem ruhigen und höflichen Schlussmann in der Vergangenheit genagt. Besonders bitter war der geplatzte Olympia-Traum 2008, als ihn Heiner Brand nicht berücksichtige. "Das war hart damals, keine Frage. Und ich gebe zu: Da fühlt man sich teilweise schon ein wenig verkannt. Aber jetzt ist meine Chance da. Ich bin davon überzeugt, dass ich sie nutzen werde. Vielleicht hat mich das alles ja auch nur noch einen Schritt voran gebracht", sagte Lichtlein bei "Spox".

Mit 34 Jahren hat er die Ruhe und Gelassenheit gefunden, die er auch auf seine Vorderleute ausstrahlt. Die Erfahrung, die er in knapp 14 Jahren im Nationalteam sammeln konnte, gibt er seinem Team weiter. Dabei schien die Karriere für Lichtlein im DHB-Team nach der verpassten Qualifikation für die WM so gut wie vorbei. Doch nach der umstrittenen Wildcard für Deutschland wollte es der Torwart noch einmal wissen - und blickt nun sogar auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro. "Diesen Traum hab ich noch, das ist mein großes Ziel. Ich war noch nie bei Olympia, das will ich einmal erleben. Sollte es 2016 gelingen, ist es gut möglich, dass es das dann mit der Karriere in der Nationalmannschaft war", so Lichtlein gegenüber "Spox".

Herausforderung gegen den Gastgeber

Doch vorher will er mit Deutschland bei der WM noch für Furore sorgen. Nach dem fünften Sieg im sechsten Spiel ist die DHB-Auswahl nur noch einen Erfolg von der Medaillenrunde entfernt. Auf dem Weg dorthin trifft der WM-Nachrücker am Mittwoch auf Gastgeber Katar. Der Asienmeister hatte im Achtelfinale Österreich ausgeschaltet. "Darauf werden wir uns genauso akribisch vorbereiten wie auf Ägypten", kündigte Lichtlein an, der mit stoischer Ruhe reihenweise die Bälle bei diesem Turnier parierte.

Auf dem Spiel steht für die deutschen Handballer auch eine gute Ausgangsposition für die Olympischen Spiele in Rio. Die ersten Sieben der WM nehmen an Qualifikationsturnieren teil, der Weltmeister ist direkt dabei. Diese Aussichten werden Lichtlein nur noch mehr antreiben.

tob mit Agenturen

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