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Heike Drechsler: "Es gibt ein Leben neben dem Sport"

Olympiasiegerin Heike Drechsler über die Poesie des Weitsprungs, ihre Vergangenheit als junge Athletin in der DDR und die Sinnlichkeit von Frauen jenseits der 30.

Olympiasiegerin Heike Drechsler über die Poesie des Weitsprungs, ihre Vergangenheit als junge Athletin in der DDR und die Sinnlichkeit von Frauen jenseits der 30.

Frau Drechsler, auf Fotos wirkten Sie früher immer so...

...so hart, meinen Sie, oder? Stimmt. Ich sehe auf allen alten Bildern hart aus. Deshalb habe ich mich jetzt zum ersten Mal erotisch fotografieren lassen. Ich wollte, dass man mich mal in einem anderen Licht sieht. Und ein bisschen beweisen, dass man mit 37 und nach 23 Jahren Leistungssport noch einen schönen Körper haben kann.

Hätten Sie sich vor 15 Jahren so zu posieren getraut?

Sicherlich nicht. Das liegt auch an einer gewissen Reife. Ich finde Frauen ab 30 sinnlicher, die Lebenserfahrung, die Entwicklung sieht man im Ausdruck, im Selbstbewusstsein. Vor allem mein Lebensgefährte Alain Blondel hat mir in den letzten fünf Jahren geholfen, ein anderes Lebensgefühl zu entwickeln.

Blondel war 1994 Zehnkampf-Europameister und ist Franzose. Er sagte mal: Heike ist ein Wunder der Natur. Fühlen Sie sich wundervoll?

Auf jeden Fall fühle ich mich gut. Alain und die Familie Spex sind schuld, dass ich so bin, wie ich jetzt bin. Dass ich vieles hinterfrage, mich geöffnet habe, dass ich zugänglicher bin, besser genießen kann. Ich habe durch Alain gemerkt: Es gibt ein Leben neben dem Sport.

Früher war der Sport Ihr Leben?

Zumindest war alles auf den Sport ausgerichtet, ich hatte keine Zeit, über mich nachzudenken. Auch nach der Wende stand ich immer noch sehr unter Druck. In der Familie war jede Minute verplant.

Nach dem Mauerfall kamen bittere Jahre: erst die Berichte über systematisches Doping in der DDR, dann Stasi-Vorwürfe, ernste Verletzungen, schließlich die Trennung von Ihrem Mann. Trotzdem wurden Sie 1992 Olympiasiegerin, haben in diesen Jahren erstklassige Weiten erzielt. Als unglückliche Frau?

Zumindest war es sehr schwer. Ich habe mich hinter meiner Familie und meinem kleinen Sohn versteckt, immer alles vor mir her geschoben, es vermieden, über gewisse Sachen nachzudenken. Ich war in der Zeit auch noch zu tief in der DDR drinnen, musste erst einmal mit der Situation klarkommen. Die eigene Geschichte zu verarbeiten, zu kapieren, wie die Dinge wirklich gelaufen sind, dafür braucht man Jahre. Ich war in der Anfangszeit einfach überfordert.

Noch heute gelten Sportler als überbehütet, die in der DDR ausgebildet wurden. Jan Ullrich wird vorgeworfen, noch immer nicht selbstständig zu sein.

Das ist Quatsch, Ullrichs derzeitige Probleme mit der DDR zu erklären. Gerade im Radsport liegt bekanntlich vieles im Argen, und es gibt viele Gründe, warum ein Mensch mal zu Drogen greift. Ein Maradona kam ja auch nicht aus der DDR.

Aber Sie entschieden sich bewusst, aus der Betreuung Ihres Schwiegervaters Erich Drechsler auszubrechen, der auch schon in der DDR als Trainer tätig war.

Mein Schwiegervater hat immer gesagt: Sportler sollen nicht denken, die sollen einfach tun. Ich weiß, dass viele Trainer so arbeiten. Und junge Athleten so erziehen, dass sie nicht mehr zum Nachdenken angeregt werden. Manchmal aber sind es erst die Fehler, die einen als Persönlichkeit stabil machen. Ich habe jetzt den nötigen Abstand zu meiner Vergangenheit. Ich stehe zu allen Dingen, die dort gelaufen sind, mit allen Fehlern, die ich gemacht habe.

Sie waren Abgeordnete der Volkskammer. Können Sie das heute noch begreifen?

Es war eine andere Welt. Allein schon die Sprache. Wenn ich mal einen Diskussionsbeitrag halten musste: Was ich da für Phrasen losgelassen habe! Und wie schnell man sich nach der Wende an die neue Sprache gewöhnt hat! Aber auf die Erfahrung, dieses System kennen gelernt zu haben, wollte ich nicht verzichten.

Haben Sie noch den Volkskammer-Ausweis?

Na klar. Ich verkaufe solche Erinnerungsstücke doch nicht auf dem Trödelmarkt. Auch nicht meine Schulbücher, das »Sozialistische Recht« zum Beispiel und den »Historischen Materialismus« oder wie das hieß. Ich möchte eines Tages schon mal meinem Sohn erklären, wie die Zusammenhänge gewesen sind.

Leidet er darunter, Sohn einer berühmten Mutter zu sein?

Vermutlich. Er ist zwölf, spielt Badminton und macht Speerwerfen. In seiner Schule gab es einen Wettkampf, er konnte wählen zwischen Weitsprung, Sprint und 800-Meter-Lauf. Er ist ganz schön kräftig; hat richtige Oberschenkel; steht gut im Saft. Aber er hat sich für die 800 Meter entschieden. Den Vergleich zur Mutti wollte er nicht haben, glaube ich. Als ich nach meiner Verletzung wieder gesprungen bin und gerade mal 6,45 Meter geschafft habe, kam er zu mir und sagte: »Ist doch gar nicht so schlecht. Ist doch besser als ich.«

Haben Sie noch sieben Meter drauf?

Ich glaube schon. Ich weiß ja noch, wie es geht. Mir fehlt zurzeit zwar die nötige Anlaufgeschwindigkeit. Aber ich habe zuletzt viel Sprinttraining gemacht. Bei der EM in München werde ich in Form sein.

Und dann geht alles von selbst?

Das wäre schön, wenn es so einfach wäre. Aber Weitsprung ist kompliziert.

Laien mögen denken: Die läuft an und hopst.

Nee, nee, nee. Es kommt auf so viele Kleinigkeiten an. Locker loslaufen und vor dem Balken Gas geben, das funktioniert nicht, da wäre ein Bruch in der Bewegung. Schon einen einzigen Fehler beim Anlauf kann man nicht mehr ausgleichen.

Ein Sprung ist wie ein Zug, den man auf den ersten Metern auf seine Schienen setzt?

Genau. Ich merke schon nach den ersten Schritten, wie der Sprung wird, ob ich mich optimal treffe. Das ist wie durch einen Tunnel laufen. Ich höre auch nicht das Publikum, ich bin ganz tief in mir selbst. Und wache erst wieder auf, wenn ich aus der Grube raus bin. Ein richtig guter Sprung ist wie Musik. Der Anlauf, der Absprung, die Landung, das ist alles ein Rhythmus. Man kämpft nicht mit dem Balken, man muss keine Kraft in den Sprung legen, man wird von der Musik getragen.

Das hört sich an, als sei das Kunst.

Ein guter Sprung ist Kunst. Man kann hinterher nicht erklären, warum es so leicht ging. Die besten Wettkämpfe habe ich gemacht, wenn ich den Balken gar nicht gesehen habe.

Brennen sich die besten Sprünge ins Gedächtnis?

Alle wichtigen Sprünge tun das. Ich kann mich an jeden Wettkampf erinnern. In Barcelona 1992 zum Beispiel hatte ich zu viel Spannung. Ich war voll verkrampft, aber irgendwie hat es gereicht. In Sydney 2000 dagegen war ich ganz locker, fühlte mich ganz selbstbewusst, habe irgendwie gespürt, es passt alles.

Sie werden heute nicht mehr von anderen gegängelt. Nur noch Sie selbst zwingen sich zum Leistungssport. Wie schaffen Sie das, nach all den Jahren?

Das ist seit den DDR-Zeiten tief drin in mir. Nach der Wende habe ich nur gedacht: Ich zeige euch, dass ich trotz des neuen politischen Systems und der Umstellung weit über sieben Meter springen kann. Man setzt sich selbst immer wieder unter Druck. Ich weiß, es ist irre, dass ich mir das immer wieder auferlege.

Empfinden Sie diesen niemals nachlassenden Antrieb als Qual?

Oft. Alain schimpft manchmal mit mir. Du hast doch alles erreicht, lass dich doch nicht unter Druck setzen, das ist doch Quatsch. Und er hat ja Recht: Ich muss keinem mehr etwas beweisen. Nur ich selbst würde es mir übel nehmen, wenn ich unter Wert aus einem Wettkampf rausginge.

Und nun wollen Sie in München Europameisterin werden - zum fünften Mal.

Ich kann solche Wettkämpfe inzwischen sehr genießen - mit dem Publikum zusammen etwas Besonderes zu erleben. Die Gelegenheiten dazu werden für mich immer weniger. Jeden Höhepunkt versuche ich wahrzunehmen, als wäre es der letzte.

Andere ältere Sportler haben Angst, ihren guten Namen zu verspielen.

Die Leute interpretieren das immer so. Die Sportler selbst werden ja gar nicht gefragt, wie sie sich fühlen. Ich will mich im Spiegel angucken können. Sollte ich in Deutschland hinterherkrebsen, werde ich mir schon sagen: Hör auf. Aber die jungen Mädels heute springen dafür nicht weit genug und sind auch noch so schrecklich brav. Und noch weiß ich, dass ich mit den Besten mitspringen kann.

Interview: Rüdiger Barth

Styling: Marion Schwiertz

Haare und Make-up: Mariella Morreale

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