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Holyfield-Interview: "Ich gehe ein Risiko ein"

Ein Biss mit fatalen Folgen. Noch heute fehlt Box-Legende Evander Holyfield nach Tysons Attacke das halbe Ohr. Vor seinem WM-Fight gegen den russischen Bären Nikolai Valuev äußert der 46-Jährige im Gespräch mit stern.de Verständnis für Tyson, räumt mit Gerüchten auf und schaut auf eine einzigartige Karriere zurück.

Mister Holyfield, mit 46 Jahren ein Kampf um den Titel gegen den Riesen Nikolai Valuev: Hat Ihr aufwändiger Lebensstil, unter anderem ihre 109-Zimmer Villa, solche Spuren hinterlassen? Brauchen Sie ganz einfach Geld?

Nein. Mit meinen Finanzen ist alles in Ordnung. Ich boxe auch, weil es mein Leben ist, weil ich es brauche und weil ich mich ganz einfach danach fühle, immer noch in den Ring zu steigen.

Dennoch sorgen sich viele Menschen um ihre Gesundheit.

Ich habe mich immer sehr gut um meinen Körper gekümmert. Ich bin gesund und fit, sonst würde ich nicht mehr boxen. Die Menschen, die sich sorgen, können mir weder beim Siegen noch beim Verlieren helfen. Es liegt nur an mir, ich kenne mich am besten und weiß genau was ich tue. Mir wurde hier ein sechsstündiger Gesundheitscheck zugemutet. Es ist alles bestens. Ich fühle mich gut.

Nervt Sie das viele Gerede um ihre Person oder lässt Sie das inzwischen völlig kalt?

Ach, die Leute wollen mir einfach nicht das gönnen, was ich erreicht habe und versuchen, mir irgendwelche Sachen anzuhängen. Die anderen fragen mich: "Wieso riskierst du deine Gehirnzellen? Wieso boxt du noch?" Und meistens sind das Leute die nicht den Job machen, den sie machen wollen, nicht glücklich sind mit dem, was sie haben. Doch ich mache das, was mir Spaß macht und gehe dafür auch ein gewisses Risiko ein. Genau diese Risikobereitschaft fehlt diesen Leuten dafür, sich ihr Leben so einzurichten, dass sie glücklich sind. Inzwischen gebe ich wirklich gar nichts mehr darauf, was andere Leute reden. Mein Glaube an Gott hilft mir, dabei mich zu distanzieren und mich auf mich zu konzentrieren.

An Ihrem rechten Ohr sieht man deutlich, dass ein Teil fehlt. Nachdem Sie Mike Tyson k.o. schlugen, biss dieser im Rückkampf in Ihr Ohr. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Bilder heute, nach elf Jahren, vor sich sehen?

Vor dem Kampf mit Mike Tyson haben mich alle möglichen Leute gewarnt. "Evander, der Typ bringt dich um." Und was ist passiert? Im ersten Kampf schlug ich ihn k.o. und auch im zweiten Kampf wäre das geschehen. Das wollte Mike unter keinen Umständen zulassen. Er war frustriert am Ende und wollte lieber durch den Biss disqualifiziert werden als nochmals k.o. zu gehen. Ich verstehe ihn da in gewisser Weise.

Und wie ist Ihr Verhältnis heute? Hat er sich jemals ordentlich entschuldigt?

Ja, er hat sich entschuldigt. Ich begegne ihm des Öfteren auf verschiedenen Veranstaltungen. Wir grüßen uns freundlich, zwischen uns ist alles in Ordnung. Er will nur nicht neben mir sein, denn dann zeigen alle mit den Fingern auf uns und sagen: "Da ist der gute Evander Holyfield und da der böse Mike Tyson."

Verliert man nach all den Jahren nicht die Motivation und die Kraft für das harte, tägliche Training?

Nein. Man muss es nur schaffen, sich immer wieder neue Ziele zu setzen. Ich will meinen Körper auch heute noch fordern und ihm alles abverlangen. Das ist immer wieder aufs Neue ein wunderbares Gefühl.

Was haben Sie denn nach ihrer aktiven Zeit vor?

Ich habe schon etwas am Laufen. "Real Deal Events" ist meine Promotion-Firma. Ich werde Box-Veranstaltungen promoten und vor allem jungen Talenten eine faire Chance bieten. Sie von Anfang an aufklären über das gesamte Geschäft, damit sie wirklich eine Zukunft haben können. Außerdem habe ich noch "Real Deal Records", mein Plattenlabel, dass sowohl Jazz und Country-Musik wie auch R'n'B und Rap im Sortiment hat. Es gibt also einiges zu tun.

So viel, dass nach Ihrem Kampf am Samstag endgültig Schluss sein könnte?

Nein. Ich habe keine Ahnung wann ich zurücktreten werde. Ich entscheide danach, wie ich mich fühle. Vielleicht boxe ich ja sogar noch ein paar Jahre.

Sie haben elf Kinder, von vier verschiedenen Frauen. Werden alle elf den Kampf anschauen?

Ich telefoniere fast täglich mit all meinen elf Kindern. Ich denke, die meisten werden den Kampf live am TV verfolgen. Mein ältester Sohn (24) hätte eigentlich live am Ring sein sollen, doch nun hat er am selben Tag eine große College-Abschlussfeier, das bedeutet er kann nicht da sein.

Und Sie können nicht bei der in den USA ziemlich wichtigen Zeugnis-Zeremonie ihres Sohnes dabei sein...

...ja aber dafür kommt mein Sohn von der Feier nach Hause und sieht Daddy im TV. Das ist kein schlechter Trost.

Interview: Benedikt Poelchau
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