WM-Kampf Der Star und der Schafhirte


Er ist der Star, sein Gegner macht auf Naturbursche: Waldimir Klitschko und Sultan Ibragimow kämpfen am Wochenende im New Yorker Madison Square Garden um die Box-Krone. Aber ist Ibragimow ein ernsthafter Gegner? Der Schwergewichts-Szene fehlen große Namen.
Von Susanne Rohlfing, New York

Vielleicht ist Wladimir Klitschko ja ein bisschen neidisch auf Sultan Ibragimow, obwohl er das natürlich niemals zugeben würde. Er steht erhaben da, durchtrainiert und durchgestylt. Die Muskeln des Astralkörpers angespannt, die Trainingshose so tief sitzend, dass der Blick ungehindert auf den Bund seiner Unterhose fallen kann. Ein schöner Mann mit großen Zielen. Die Waage zeigt 107,8 Kilogramm an. Genug, um schlagkräftig zu sein, und nicht zu viel, um einem kleineren, schnelleren Gegner ausweichen zu können. Alles perfekt. Alles geplant. Alles Klitschko.

Gegen diesen Musterathleten wird Sultan Ibragimow Samstagnacht (RTL/4.30 Uhr) im legendären New Yorker Madison Square Garden in den Ring steigen. Auf dem Papier ist der Russe ebenso Weltmeister wie der Ukrainer Klitschko. Er sollte also ein gleichberechtigter Teil dieser ersten Titelvereinigung im Schwergewicht seit dem Duell von Lennox Lewis und Evander Holyfield 1999 sein. Ist er aber nicht. Klitschko ist der Star, der Jetsetter, der Millionär, der Frauenschwarm. Der Mann, der das Schwergewichtsboxen in den USA wiederbeleben will. Ibragimow ist nur der Naturbursche aus der Kaukasus-Provinz Dagestan, der als Junge Schafe hütete und es in der zur Zeit jämmerlich besetzten Schwergewichts-Szene irgendwie bis nach ganz oben geschafft hat. "Er ist der beste Gegner, den wir im Moment kriegen können", sagt Klitschkos Trainer Emanuel Steward.

Klitschko will den ganz großen Kampf - irgendwann

Der beste Gegner, den das Klitschko-Lager sich vorstellen kann, ist der Russe damit noch lange nicht. Klitschko will in den USA endlich so anerkannt werden wie in Europa. Aber dazu fehlen ihm die ganz großen Kämpfe. Und weit und breit ist kein Gegner mit einem großen Namen in Sicht, der für einen grandiosen Kampf taugen könnte. So ein Duell der Marke Lewis gegen Holyfield, oder Mike Tyson gegen Lewis oder Holyfield, oder Muhammad Ali gegen Joe Frazier. Neben Klitschko (IBF) und Ibragimow (WBO) tragen der Weißrusse Oleg Maskajew (WBC) und der Usbeke Ruslan Tschagajew (WBA) die Schwergewichts-Kronen der vier großen Weltverbände. Seit dem Zerfall der Sowjetunion drängen die als Amateure gut ausgebildeten Boxer ins Profi-Geschäft, während sich in den USA wer groß und stark ist lieber im prestigeträchtigeren Basketball versucht. So dümpelt das Schwergewichtsboxen in Amerika müde vor sich hin. Noch sind Karten für die knapp 20.000 Zuschauer fassende Kult-Arena zwischen 31. und 33. Straße zu haben. Klitschko gegen Ibragimow elektrisiert die Massen nicht. Am Montag waren die Spice Girls da, am Freitag spielen die New York Knicks Basketball und am Sonntag die New York Ranges Eishockey. Klitschko? Wer ist Klitschko? Der übertragende Sender HBO versucht gar nicht erst, mit dem Kampf via "pay per view" das ganz große Geld zu scheffeln, sondern überträgt ihn lieber gleich im für alle Abonnenten zugänglichen Programm. Sultan Ibragimow steht in Socken und schwarzer Schlabber-Unterhose auf der Waage. 99,2 Kilogramm. Er sieht ein bisschen athletischer aus als in seinen letzten Kämpfen, aber natürlich lange nicht so mustergültig wie Klitschko. An ihm ist nichts so perfekt wie an seinem Gegner. Beim obligatorischen Sich-gegenüber-Stehen-und-böse-gucken hält Ibragimow sich nicht an die Spielregeln, er grinst Klitschko frech ins Gesicht, wie ein kleiner Junge, der den gestrengen Papa zum Lachen bringen will. Klitschko lacht aber nicht, selbst wenn er wollte, würde er das wohl nicht tun. Die ganze Woche über schon gibt sich Ibragimow weniger seriös als Klitschko. Bei allen öffentlichen Terminen in der Woche vor dem Kampf macht er einen gelösten, fröhlichen Eindruck. Er witzelt rum, er posiert für Fotos, hat immer einen lärmenden Fanklub dabei, der bei jeder Gelegenheit mit Sultan-Sultan-Rufen für Aufmerksamkeit sorgt.

Der Nobody aus der Ukraine

Das immerhin ruft beim disziplinierten Wladimir Klitschko ein Lächeln hervor. Und einen sehnsüchtigen Blick. Vielleicht ist er ein bisschen neidisch auf die Unbeschwertheit seines Gegners, auch wenn er das natürlich nie zugeben würde. Die Szenen erinnern Klitschko an das Jahr 1999. Damals war er der Nobody aus der Ukraine, der in Köln gegen den deutschen Helden Axel Schulz antrat. Und damals hatte er ein paar enthusiastische Fans dabei. Klitschko bezwang Schulz, und stieg in Deutschland zum Helden auf. Das waren noch Zeiten.

Inzwischen ist es schwerer geworden für ihn, es dem Publikum recht zu machen. An seinen Leistungen gab es zuletzt nichts auszusetzen. Seit er im April 2006 den WM-Gürtel erobert hat, verteidigte Klitschko seinen Titel drei Mal. Calvin Brock war nach sieben Runden geschlagen, Ray Austin nach zwei, Lamon Brewster nach sechs. Gegen Klitschkos zwingende Führhand und die hammerharte Rechte hat zur Zeit offenbar niemand ein Mittel. Seine drei bitteren Niederlagen in 52 Kämpfen scheinen aus einer anderen, längst vergangenen Ära zu stammen. Aber echte Begeisterung konnte Klitschko mit seinen letzten Kämpfen nicht wecken. Dafür waren die Siege zu einfach. Sulatn Ibragimow ist in der Kaukasus-Provinz Dagestan in einem Dorf mit Namen Tiyarata in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen. Strom und fließend Wasser gibt es dort erst seit Mitte der 70er Jahre. Als Junge hütete er Schafe, und noch heute gibt er Angeln und Reiten als seine Hobbys an. Ganz anders als Klitschko, der gern Golf spielt oder seinen Muster-Körper beim Kitesurfen ablichten lässt. Mit 16 folgte Ibragimow seinem älteren Bruder in die Stadt Rostow - und begann mit dem Boxen. Der russische Erfolgs-Nationaltrainer Nikolai Khromow engagierte den zähen Naturburschen als Sparrings-Partner für sein Auswahlteam und musste feststellen, dass Ibragimow seine Gegner alle bezwang. "Sultan ist ein harter Bursche", sagt Khromow, seine Herkunft habe ihm eine ursprüngliche Stärke verliehen. "Das ist nicht wie bei Klitschko, wo alles aus dem Gym kommt." Khromow nahm Ibragimow 2000 mit zu den Olympischen Spielen und führte ihn zu Silber. 2002 wurde Ibragimow Profi, im Juni 2007 nahm er Shannon Briggs den WM-Gürtel ab, mit inzwischen 22 Siegen und einem Unentschieden ist er ungeschlagen. Er ist klein und sieht unscheinbar aus, aber er ist schnell. "Dreimal so schnell wie Klitschko", sagt Ibragimows Trainer Jeff Mayweather. Für ihn ist Klitschko immer noch der Mann, der dreimal geschlagen wurde. "Und das von Boxern, die weniger gut ausgebildet waren als Sultan." Klitschkos Fassade eiskalter Berechnung kann eine solche Aussage nicht zum Bröckeln bringen. Er hat an seiner Schnelligkeit gearbeitet. Und er gibt sich recht siegessicher in diesen Tagen. "Meine Aufgabe ist es, im Ring aufzuräumen, den Kampf zu gewinnen, so effektiv und eindeutig wie es nur geht." Ganz professionell. Ganz zielgerichtet. Ganz Klitschko.


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