HSV-Handball-Präsident Andreas Rudolph "Der Schaden ist gewaltig"


Die Manipulationsvorwürfe gegen den deuschen Rekordmeister THW Kiel und das beste deutsche Schiedsrichter-Duo haben den deutschen Handball in eine schwere Krise gestürzt. stern.de sprach mit dem Präsidenten des HSV Hamburg über das Außmaß des Schadens, überforderte Schiedsrichter und das amateurhafte Umfeld.

Am vergangenen Sonntag kassierte der HSV eine knappe Niederlage gegen den Erzrivalen THW Kiel, dem der Meistertitel jetzt kaum mehr zu nehmen sein wird. Die Entscheidung fiel durch einen Siebenmeter für Kiel Sekunden vor Schluss. Die Schiedsrichter mussten danach unter dem Schutz von Security-Männern die Halle verlassen. Auch sie haben sich furchtbar aufgeregt. Ist Ihre Wut mittlerweile verraucht?

Die Wut über die Niederlage ist nicht verraucht, aber sie hat nichts mit irgendwelchen Schiedsrichter-Entscheidungen zu tun.

Die ursprünglich vorgesehenen Schiedsrichter Frank Lemme und Bernd Ullrich wurden nach Bestechungsvorwürfen kurzfristig abgezogen und durch ein etwas unerfahreneres Duo ersetzt.

Es war keine glückliche Ansetzung. Es waren ein paar Entscheidungen dabei, die ein routinierteres Schiedsrichterpaar nicht getroffen hätte. Aber wir müssen damit leben.

Der Handball hat mittlerweile ein Glaubwürdigkeitsproblem. Die Bestechungsvorwürfe gegen den THW Kiel und das anerkannt beste deutsche Schiedsrichter Duo Lemme/Ullrich wiegen schwer. Wie hoch schätzen sie den Schaden für den Handball in Deutschland ein?

Der Schaden ist gewaltig, weil der Branchenprimus involviert ist und mit Lemme/Ullrich auch unser Vorzeige-Schiedsrichterpaar. Allerdings kann ich für den HSV sagen, dass wir uns überhaupt keine Gedanken machen, weil wir in keiner Form daran beteiligt sind. Unsere Forderung an alle Beteiligten ist, so schnell wie möglich für Klarheit zu sorgen, um dann in Ruhe wieder dem Sport nachgehen zu können.

Hat der Handball ein massives Korruptionsproblem?

Nein, das hat er sicherlich nicht. Wir haben im Handball - anders als im Fußball - viel mehr Schiedsrichter-Entscheidungen in kürzerer Zeit, die viel Interpretationsspielraum zulassen. Aber das gleicht sich in den vielen Spielen immer wieder aus. Es gibt kein grundsätzliches Korruptionsproblem im Handball.

Die Kieler Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den THW Kiel. Auch Sie haben eine Aussage gemacht. Demnach hat THW-Manager Uwe Schwenker Ihnen gegenüber einmal angedeutet, dass er bestochen habe? Was hat er genau gesagt?

Dazu nehme ich keine weitere Stellung. Ich habe meine Aussage gegenüber der Staatsanwaltschaft sowohl schriftlich als auch mündlich gemacht. Das ist im Moment noch ein schwebendes Verfahren.

Warum ist der Handball offensichtlich so anfällig für Manipulationen?

Ein großes Problem liegt außerhalb von Deutschland. Nirgendwo hat der Handball einen so hohen Stellenwert wie bei uns. In vielen anderen Ländern steht aber nicht der Sport im Vordergrund, sondern der Erfolg, da kann der eine oder andere Funktionär und Sportler schon mal auf die schiefe Bahn kommen.

Liegt das nicht auch an mangelnder Professionalität in den Verbänden und in den Clubs?

Ohne Zweifel. Die gesamte Organisation und Struktur des Umfeldes des Handballs ist nicht mit den Erfolgen und dem größeren Zuschauer-Zuspruch gewachsen. Da muss eine ganze Menge passieren. Es ist leider fast immer so, dass die Strukturen dem Erfolg hinterherhinken. Wir müssen noch viel tun, ganz besonderes in der Schiedsrichter-Ansetzung.

Wie muss sich genau ändern?

Die Vorschläge liegen auf dem Tisch. Das wichtigste ist, dass bei nationalen wie internationalen Spielen die Schiedsrichter-Ansetzungen geheim bleiben und die Mannschaften erst kurz vor Beginn erfahren, wer die Partie leitet. Außerdem darf die Betreuung der Unparteiischen nicht Aufgabe der Gastgeber-Mannschaft sein.

Was muss darüber hinaus passieren?

Die Probleme sind bekannt. Einmal müssen wir in der Bundesliga die Wirtschaftlichkeit sicherstellen. Die Gefährdung durch Insolvenz ist viel zu häufig gegeben. National wie international müssen wir die Attraktivität unseres Sports bei den Fernsehverträgen besser ausnutzen und höhere Einnahmen generieren.

Im Zusammenhang mit internationalen Spielmanipulationen wird immer wieder der Name des kroatischen Funktionärs Nenad V. genannt? Kennen Sie diesen Herren?

Ich habe diesen Funktionär noch nie getroffen, zumindest nicht bewusst. Der HSV hat mit diesem Mann noch nie etwas zu tun gehabt. Ich kenne den Namen nur vom Hörensagen.

Interview: Tim Schulze

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