Interview mit der L'Equipe "Die Deutschen sind zu negativ"


Die Tour läuft, und in den deutschen Medien kocht die Doping-Berichterstattung über. stern-Redakteur Christian Ewers hat mit einem L'Equipe-Journalisten gesprochen. Der versteht die Aufregung nicht und sagt: "Der Radsport ist für die Deutschen eine Sünde. Das entspricht nicht der Realität."

Monsieur Le Gars, in Deutschland brechen bei den Tour-Übertragungen von ARD und ZDF die Quoten ein. Die Zuschauer rufen in den Sendern an und beschweren sich, es werde zu viel über Doping und zu wenig über Radsport geredet. Auch die großen Tageszeitungen stellen bei ihrer Tour-Berichterstattung das Thema Doping in den Mittelpunkt. Übertreiben die deutschen Medien tatsächlich? Ich finde, die deutschen Journalisten sind zu negativ. Ich lese, was sie schreiben, ich rede mit ihnen bei der Tour und spüre, dass sie sich nicht wohlfühlen. Sie malen plötzlich alles ganz schwarz, der ganze Radsport ist für sie eine einzige große Sünde. Das entspricht nicht der Realtität.

Aber nach den Beichten vieler ehemaliger Telekom-Fahrer, die gezeigt haben, dass über Jahre systematisch gedopt wurde, muss man doch davon ausgehen, dass es viel Schwarz und wenig Weiß im Radsport gibt. Ich sehe das nicht so dramatisch. Die deutschen Kollegen sind überrascht, sie wurden rausgerissen aus ihrer heilen Welt. Sie sind frustriert und reagieren deswegen ein wenig heftig. Wir Franzosen sind da schon weiter.

Inwiefern?

Seit 1998 ist uns klar, dass der Radsport seine Unschuld verloren hat. Damals flog das französische Team Festina während der Tour de France auf. Epo, Wachstumshormone, Testosteron - die hatten das komplette Programm in ihren Arzneikoffern. Dieser Skandal hat unsere Berichterstattung sehr beeinflusst.

Das heißt, Sie haben in den folgenden Jahren verstärkt über Doping berichtet? In den ersten zwei Jahren haben wir sehr viel dazu gemacht, ja. Da hatten wir noch die Illusion, durch unsere Berichterstattung etwas verändern zu können. Diesen Eifer sehe ich jetzt bei den deutschen Kollegen auch. Sie werden bald merken, dass sie den Schlüssel zur Lösung des Dopingproblems nicht finden werden. Es gibt diesen einen Schlüssel nämlich nicht. Das ganze Problem ist sehr komplex, und der Journalist nur ein Teil davon.

Ein kleiner oder ein großer Teil?

Ein verschwindend kleiner Teil. Was haben wir nicht alles geschrieben in unserer Zeitung? Alles verpufft. Die Welt ist kein Stück besser geworden.

Wie gehen Sie auf dem Hintergrund dieser Erfahrung heute mit dem Thema Radsport um? Für deutsche Ohren klingt das bestimmt traurig: Ich schreibe, was ich sehe. Wenn ein Fahrer gewinnt, schreibe ich, dass er gewinnt. Punkt.

Und die Frage, ob dieser Fahrer möglicherweise gedopt hat, spielt keine Rolle?

Solange nicht, bis ich Fakten habe. Ich liebe Radsport, und ich bin kein Richter. Wenn jemand dopt, ist das zunächst sein Problem und nicht meins. Wenn ich alles in Zweifel ziehen würde im Radsport, müsste ich morgen kündigen.


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