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Interview mit Jan Ullrich: Rückkehr scheint wieder möglich

Nachdem Lance Armstrong in dieser Woche seine Rückkehr in den Radsport angekündigt hat, schließt nun auch Jan Ullrich in einem Gespräch mit stern.de ein Comeback nicht mehr ganz so kategorisch aus wie in den Monaten zuvor.

Von Giuseppe di Grazia, New York

Steigt nach Lance Armstrong auch sein alter Rivale Jan Ullrich wieder auf's Rad? Gibt es im nächsten Jahr bei der Tour de France die Wiederauflage des ewigen Duells? Am Mittwoch hatte der siebenfache Tour-Sieger Lance Armstrong, 37, in New York erklärt, dass er 2009 wieder Rad fahren möchte und sich dem Team Astana anschließen wird. Am selben Tag reiste auch Jan Ullrich, Tour-Sieger von 1997, nach New York. Wie stern.de jetzt erfuhr, gab es zwischen Ullrich und Armstrongs Leuten Kontakt. Ullrich ist zur Zeit wegen Fotoaufnahmen in New York. Am Freitag Abend war er zudem Gast bei der Vernissage seines Freundes Kai Stuht von Neupauer, der Fotograf stellte im New Yorker Stadtteil Soho seine Bilder aus. Dort sprach stern.de mit Jan Ullrich. Auf die Frage, was er von Armstrongs Comeback hält, antwortete Ullrich: "Für den Radsport ist es natürlich eine große Bereicherung, ich persönlich finde es auch gut." Ullrich wollte sich nicht dazu äußern, ob er Armstrong in New York getroffen habe oder mit Armstrongs Leuten gesprochen hätte: "Ich bin privat in New York. Mehr möchte ich zu Lance nicht sagen." Ein Comeback seinerseits schloss Ullrich gegenüber stern.de nicht mehr ganz so kategorisch aus wie in den Monaten und Wochen zuvor. Ullrich sagte: "Die letzten zwei Jahre waren für mich und meine Familie ziemlich hart, aber das ist nun Vergangenheit. Ich bin sehr glücklich und zufrieden mit meinem derzeitigen Leben. Ich habe einige schöne Projekte am Laufen und weitere spannende Ideen für die Zukunft. Ein Comeback gehörte bisher nicht dazu. Aber auch ich kann nicht die Zukunft voraussehen, deshalb: Sag niemals nie. Was die Zukunft noch bringen wird, wird man sehen." Begleitet wurde Jan Ullrich in New York von Michael Stehle, dem Geschäftsführer von Terra S, einer Firma für Reifendichtmittel. Stehle ist einer der wenigen Sponsoren, die Ullrich nach seinem wegen Dopingverdächtigungen freiwilligen Rücktritt von 2007 weiterhin unterstützen. Stehle sagte zu stern.de: "Als Geschäftspartner würde ich mir wünschen, dass er wieder Rad fährt, aber als sein Freund sage ich: Das ist alleine seine Sache." Lance Armstrong und Jan Ullrich waren von 1999 bis 2005 bei der Tour de France große Konkurrenten, ihr Duell faszinierte die Fans; das Fernsehen und Sponsoren zahlten Höchstbeträge, um bei diesem Spektakel dabei sein zu können. Allerdings stehen heute Armstrong und Ullrich stark unter Dopingverdacht, beide sollen ihre Erfolge mit unerlaubten Mitteln errungen haben. Nachträgliche Tests haben gezeigt, dass der Amerikaner Armstrong bei der Tour 1999 gedopt war, außerdem haben ihn mehrere ehemalige Mitarbeiter und Weggefährten belastet. Doch es reichte nie, um Armstrong zu verurteilen.

Ullrich soll mehrere Jahre lang Kunde des spanischen Doping-Arztes Eufemiano Fuentes gewesen sein, einige von der Bonner Staatsanwaltschaft sichergestellte Blutbeuteln in der Fuentes-Praxis in Madrid wurden Ullrich zugeordnet. Mehrere Fahrer von Ullrichs Rennstall Telekom gaben 2007 jahrelanges systematisches Dopen zu. Ullrich verweigerte sich diesen Geständnissen. Im April dieses Jahres stellte die Bonner Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen Ullrich wegen "Täuschung und Betruges zum Nachteil seiner Arbeitgeber Telekom/T-Mobile durch Doping" ein. Ullrich zahlte 250.000 Euro an den Staat für wohltätige Zwecke. Ullrich sagte damals: "Ein Geständnis konnte es gar nicht geben, weil es keinen Betrogenen gibt. Ich habe mich niemals in meiner Karriere auf Kosten anderer bereichert und niemanden betrogen." Diese von Ullrich stets wiederkehrende Wertung der Vorwürfe gegen ihn waren für den zuständigen Staatsanwalt Fred Apostel ein Beweis für "eine Grundeinstellung, die im Radsport zur aktiven Zeit des Beschuldigten weithin vorherrschte". Im Klartext: Doping war an der Tagesordnung. Ein Comeback von Ullrich würde seine Fans wohl erfreuen, aber von anderen würde es vermutlich genau so skeptisch aufgenommen werden wie das von Armstrong. Richard Pound, der ehemalige Chef der Welt-Antidoping-Agentur Wada, fordert: "Armstrong muss erklären, warum sechs Proben positiv auf Epo waren."

Beim Weltverband UCI ist man dagegen freundlicher zum Amerikaner, von dem sich die UCI für ihren zuletzt darbenden und dopingverseuchten Sport wieder mehr Medienpräsenz und Sponsorengelder verspricht - ausgerechnet von Armstrong! UCI-Präsident Pat McQuaid sagte jedenfalls: "Man möge Armstrong eine Chance geben. Ich glaube jedenfalls nicht, dass er ein Betrüger ist." Fraglich ist aber, ob die Sponsoren und Fernsehsender das auch so sehen. Die ARD, die die Tour de France in Deutschland überträgt, will Armstrong nicht am Start sehen. "Wir legen keinen großen Wert auf seine Rückkehr", sagte vor ein paar Tagen der ARD-Pressesprecher Peter Meyer.

Das Fachmagazin "RoadBike" fragte seine Leser, ob nach Armstrong auch Ullrich wieder zurückkommen sollte. Das Ergebnis: 60 Prozent sind für eine Wiederauflage des alten Duells Armstrong gegen Ullrich. Ullrich wird auf jeden Fall noch in diesem Jahr wieder in den Sattel steigen: Am 3. Oktober nimmt er an einem Benefiz-Rennen im schwäbischen Weil teil, einen Tag später fährt er beim Abschiedsrennen seines früheren T-Mobile-Kollegen Steffen Wesemann in Wolmirstedt bei Magdeburg mit.

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