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Jan Ullrich: Die härteste Tour war der Weg zu sich selbst

Radsport ist eine gute Metapher auf das Leben - immer geht's bergauf und bergab. Jan Ullrich berichtet in seiner Biographie, wie er zwischen Erfolgen und Niederlagen die Orientierung verlor.

Wie kann der bloß so entspannt aussehen? Jan Ullrich ist gera de fünfeinhalb Stunden bei 29 Grad im Schatten am Bodensee entlanggeradelt, Abstecher in die Berge, wieder runter und wieder rauf. Und als sein Mannschaftskollege Andreas Klöden verständlicherweise kaputt ist, fährt Ullrich noch mal ein Stündchen hinterm Auto her; Windschattentraining, immer schön mit 50, 60 über die Landstraße. Seine Wadenmuskeln tanzen dazu im Viervierteltakt. Am Ende lässt sich Ullrich die Einfahrt zu seinem Haus hinunterrollen, er zieht das schweißtriefende Trikot aus, duscht noch, dann bringt er seine Tochter Sarah Maria, elf Monate, ins Bett.

Die Sommersprossen sind wieder da, zu Dutzenden, und sein Gesicht ist so ausgemergelt, dass die Backenknochen richtig zur Seite ragen. Radsport, das sieht man Ullrich an, ist eine üble Quälerei, und die allerübelste, die beginnt am 3. Juli: knapp dreieinhalbtausend Kilometer quer durch Frankreich, in drei Wochen. Vielen Leuten wäre das im Auto schon zu anstrengend. Jan Ullrich, 30, kann trotzdem kaum erwarten, dass es losgeht. Er will die Tour de France endlich wieder gewinnen, noch einmal nach 1997 - und er macht den Eindruck, als könnte ihm das auch gelingen. Es ist wohl seine letzte Chance, den fünfmaligen Sieger Lance Armstrong zu bezwingen. "Ich will Lance dieses Jahr schlagen", sagt Ullrich, "ich will es absolut, und zwar Mann gegen Mann." Dafür hat er gelitten, dafür hat er sich vor ein paar Wochen schon fiese französische Alpenpässe raufgeschunden; ist bei Regen, Kälte, Nebel die Deutschlandtour gefahren - und hat bei Sonnenschein das goldene Trikot der Tour de Suisse mit 1,37 Sekunden Vorsprung ins Ziel gebracht. Und selten hat er so entschlossen gewirkt.

Es wurde Zeit. Jan Ullrich sitzt im Garten seines Hauses in Scherzingen mit Blick über Apfelbaumplantagen auf den Bodensee. "Vielleicht habe ich wirklich aus Nachlässigkeit ein paar Siege verschenkt", sagt er, "vielleicht muss man so sein wie Lance Armstrong, so verbissen. Aber das bin ich einfach nicht." Und so wird Ullrich begleitet von der romantischen Hoffnung, dass auch der Gegenentwurf zum maschinoiden Texaner Erfolg bringen möge.

Mit der Hoffnung fährt die Skepsis in Ullrichs Windschatten; die Zweifel an seiner Form und an seinem Fleiß, die auch dieses Mal begründet erschienen, als er im April seine Saisonplanung ändern musste, weil er nicht fit war. "Beim Grundlagentraining im Januar war ich zehn Tage krank", sagt Ullrich, "wenn du das aufholen willst, ist Wettkampfstress da eher schädlich." Eine Ausrede? Die Wahrheit? Er allein weiß es wirklich.

Am Ende des Gesprächs steht Jan Ullrich auf und leert das Planschbecken seiner Tochter aus; der Garten, sagt er, sei inzwischen ja ein einziger Spielplatz, aber gleich kommen noch ein paar Leute zum Grillen vorbei, da muss aufgeräumt werden. Das sind seine Sorgen jetzt - der Party-Ulle ist ein vernünftiger Familienvater geworden; ein erwachsener Mann, der nach vielen frustrierenden Etappen den Weg zu sich selbst gefunden hat.

Am 26. Juni erscheint seine Biografie; sie trägt den ziemlich programmatischen Titel "Ganz oder gar nicht" und ist gewissermaßen der Zielstrich eines langen Reifeprozesses. In vielen Gesprächen mit seinem Co-Autor, dem TV-Journalisten Hagen Boßdorf, hat sich Ullrich noch einmal mit seinen Krisen und Selbstzweifeln auseinander gesetzt. Es ist eine ehrliche Selbstreflexion in leisen Tönen - im Gegensatz zum Boulevardkracher von Stefan Effenberg und dem gedruckten Ego-Trip von Olli Kahn. Ullrich gibt sich ungewöhnlich offen und privat; berichtet von der schwierigen Kindheit mit seinem Alkoholiker-Vater, der die Familie erst terrorisierte und sie dann sitzen ließ. Und letztlich gelangt Ullrich zu der Einsicht, dass er mehr vom Charakter seines Vaters geerbt hat, als er sich das wünschen kann. "Ich werde jetzt natürlich versuchen, der beste Papa der Welt zu sein", sagt Ullrich an diesem sonnigen Nachmittag auf seiner Terrasse, "die Fehler, die mein Vater gemacht hat, möchte ich selbst nicht machen."

Markus Götting

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