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Kommentar: Doping - wichtiger als Sport?

Doping im Radsport - kaum ein anderes Thema hat in dieser Woche mehr aufgeregt und die Schlagzeilen bestimmt. Eine nahezu heuchlerische Reaktion der Medien meint Nico Stankewitz in seinem "gegen den Strich gebürsteten" Gastkommentar.

Von Nico Stankewitz

Die Woche begann für die allermeisten Sportfans und Journalisten mit einer Entdeckung: Es galt einen außerhalb von Fachkreisen unbekannten Radprofi kennen zu lernen, einen, der in seiner Profilaufbahn praktisch nur hinterhergefahren ist, nie an der Tour de France teilgenommen hat und sich in den sieben Jahren seit dem Ende seiner aktiven Karriere mit einem Sportartikelversand abmüht - zuvor ein Niemand in der Öffentlichkeit: Bert Dietz.

Die ARD bemühte sich mit großem Getrommel, das Geständnis, die "Epo-Beichte", zum Thema der Woche hoch zu stilisieren - mit Erfolg. So fand sich ein Bert Dietz plötzlich auf den Titelseiten aller Zeitungen wieder. Fast ausnahmslos Publikationen (gleiches gilt natürlich auch für die TV-, Hörfunk- und Internetberichterstattung), die während seiner Profilaufbahn nicht ein Wort über den Leipziger verloren hatten.

Wer träumt nicht vom perfekten Verbrechen

Hier ist also offenbar nicht der Sport von Interesse, sondern der Missbrauch von Medikamenten. Um "Sportbetrug" geht es nur am Rande, denn viele betrügerische Erfolge hat Dietz ja nicht eingefahren. Um den Sieg gebrachte Kontrahenten dürften sich nur schwerlich finden lassen. Was ist dann so interessant? Möglicherweise ist der Grund für die Medienkampagne ja die Doppelmoral in jedem von uns. Erik Zabel sagte ja auf die Frage nach dem Grund für sein Epo-Experiment auch klar: "Weil es ging!" Doping mit Epo war risikolos, weil nicht nachweisbar.

Wenn Vergehen nicht verfolgt werden können, bleibt die Moral sofort auf der Strecke - eine Erkenntnis, so alt wie die Menschheit. Eine Substanz, die deutlich leistungsfördernd ist, wird auf die Dopingliste gesetzt, obwohl jeder Mediziner weiß, dass sie nicht mit den damaligen Mitteln nachzuweisen ist. Fast eine Einladung zum Missbrauch, denn schneller zu fahren, besser zu sein ohne Konsequenzen fürchten zu müssen - welcher Fahrer hätte das schon abgelehnt? Welcher Formel-1-Fahrer, welcher Fußball- oder Handballspieler würde so ein Angebot ablehnen? Und darüber hinaus, wer von uns würde im Alltag solche Gelegenheiten aus moralischen Gründen auslassen? Wer träumt nicht vom perfekten Verbrechen?

Giro-Berichterstattung? Fast keine!

Die Heuchler, die jetzt in Leitartikeln ihr Urteil über die Lügen der Radprofis fällen, sollten sich keinen Illusionen über den moralischen Zustand der menschlichen Natur hingeben, auch nicht der eigenen Natur. Die Fahrer sind nur ein Spiegelbild der Gesellschaft, mit der ganzen Gier und Rücksichtslosigkeit, wo der Zweck die Mittel heiligt. Das ist so, und man täte besser daran, die Moralkeule wieder einzupacken und die richtige Relation zwischen Sportberichterstattung und Dopingnachrichten wieder zu finden.

Anti-Doping-Nachrichten sind den gleichen Medien nämlich noch nicht einmal Fußnoten wert: Gleichzeitig zum "Skandal" in den deutschen Medien läuft das zweitgrößte Radrennen der Welt, der Giro d'Italia. Für das reformierte Team T-Mobile übernahm mit dem Italiener Marco Pinotti für vier Tage ein Mann das Rosa Trikot des Gesamtführenden, der sich seit Jahren als Kämpfer gegen Doping einen Namen gemacht hat - Reaktion in den deutschen Medien: fast keine.

"Herr der Ringe" nur über Mordor

Stattdessen Hysterie und Trittbrettfahrer allerorten. Ein TV-Boykott wird gefordert - in dem Moment ist die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks dann plötzlich doch nicht mehr so wichtig. In der Konsequenz läuft das darauf hinaus, dass man die Sendezeit, die bisher mit Radsport gefüllt wurde, mit Doping-Sondersendungen füllen könnte - so würden Sportfans dann mit Verspätung auch über Sport informiert werden, aber ist Doping ohne Sport überhaupt noch interessant? Es ist schon kurios, wenn über Sport nahezu gar nicht, über den "bösen, schwarzen Bruder des Sports", das Doping, in aller Ausführlichkeit berichtet wird - etwa so, als hätte J.R.R. Tolkien den "Herr der Ringe" fast ausschließlich über Mordor geschrieben. Ob das Buch auch so viele Leute gekauft hätten?

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