Doping-Outing Risse in der Mauer des Schweigens


Es lag in der Luft, jetzt ist es soweit: Mit Bert Dietz hat der erste ehemalige Profi systematisches Doping im Team Telekom gestanden. Er belastet vor allem die Teamärzte schwer. Doch in der Aussage von Dietz liegt Brisanz für den gesamten deutschen Sport.
Von Nico Stankewitz

Die Aussagen des Bert Dietz könnten tatsächlich die Radsport-Welt verändern. In der ARD-Sendung Beckmann hatte der ehemalige Telekom-Profi am Montag erstmals zugegeben, dass in den neunziger Jahren beim damaligen Team Telekom systematisch und unter Anleitung der Teamärzte Doping betrieben wurde. Nun ist die Tatsache nichts wirklich Neues, denn spätestens seit der Festina-Affäre 1998 und den anschließenden Geständnissen von Richard Virenque und Alex Zülle wusste die radsportinteressierte Öffentlichkeit ziemlich genau über die Praktiken der großen Teams bei dem Gebrauch von EPO Bescheid.

Absolut glaubwürdige Aussagen

Wirklich neu ist, dass sich nach dem vorbestraften Pfleger Jeff d’Hont jetzt erstmals ein vollkommen unbescholtener Insider geäußert hat, dessen Aussagen absolut glaubwürdig und wahrhaftig erscheinen. Dietz nennt zwar keine Namen von anderen Fahrern, belastet aber ganz klar die beiden langjährigen Teamärzte Dr. Lothar Heinrich und Dr. Andreas Schmid, die EPO angeboten, besorgt und gespritzt haben sollen. Auch der ehemalige Teamchef Walter Godefroot wird von Dietz benannt, er habe das Geld für die Dopingmittel von den Fahrern eingetrieben.

Welche Schlüsse sind nun aus diesen Aussagen zu ziehen? Es gab vom Team organisiertes Doping beim Bonner Rennstall in den neunziger Jahren. Alle Erfolge aus dieser Ära - so auch die beiden Toursiege von Riis und Ullrich - sind unter diesem Vorbehalt zu betrachten. Wettbewerbsverzerrung ist das aber wohl nicht gewesen, denn es ist unwahrscheinlich, dass es Top-Teams oder Fahrer in dieser Zeit gab, die sich daran nicht beteiligt hätten.

Vergangenheitsbewältigung als Chance

Bei der kompletten Aussage von Dietz handelt es sich in erster Linie um Vergangenheitsbewältigung. EPO ist erst seit 2001 nachweisbar, das großflächige und absolut risikolose Doping der EPO-Ära (1995-2000) durch die Teams war danach nicht mehr in gleicher Weise durchführbar. Eine weitere Zusammenarbeit mit den Ärzten verbietet sich für das - erneuerte - Team T-Mobile von selbst. Es gibt ermutigende Signale aus dem Radsport, diese dürfen nicht durch Zusammenarbeit mit so stark vorbelasteten Personen wie Heinrich und Schmid gefährdet werden.

Das gleiche trifft auch auf die Person Rolf Aldag zu. Sollte sich herausstellen, dass der als Hoffnungsträger geholte, vermeintlich unbeteiligte Aldag in das Doping-Netzwerk der Freiburger involviert war, ist er als Teamchef von T-Mobile nicht zu halten - zumal er vor Wochenfrist noch strikt verneint hatte, dass es je systematisches Doping bei Telekom gegeben habe. Aldag wird sich anstrengen müssen, seinen guten Ruf wiederherzustellen, für das Team eine schwierige Situation.

Kein Radsport-, sondern ein Sportproblem

Das Problem dieser Aussagen geht natürlich weit über den Radsport hinaus. Ein Staatskonzern trat als Sponsor für ein Radteam auf, in dem systematisch gedopt wurde. Durchgeführt und organisiert wurde dieses System durch zwei Ärzte der Freiburger Uniklinik (staatlich!), die auch für den Freiburger Olympiastützpunkt tätig sind. In der Vergangenheit wurde das Doping-Thema in Deutschland gerne auf den Ostteil reduziert, aber die Verstrickung von Heinrich und Schmid reicht tief in das Herz des bundesrepublikanischen Sports, denn von ihnen gibt es direkte Verbindungslinien zur sportmedizinischen Schule Klümper/Keul (in Freiburg und Köln) und damit zu diversen Weltmeistertiteln und Olympiamedaillen aus verschiedensten Sportarten.

Das ist kein deutsches Problem, sondern eines des Sports im allgemeinen, aber gerade im ehemaligen Westen unserer Republik ist das Potenzial an Heuchelei besonders groß. Und in der ersten Reihe sitzt man damit natürlich bei der ARD, die gerne die "Verstrickung des Sponsors Telekom" hinterfragt, aber gerne und geflissentlich übersieht, dass man in den neunziger Jahren selber nicht nur Medienpartner, sondern sogar Co-Sponsor des "Team Telekom-ARD" war - eine nicht nur durch die Doping-Vorwürfe unappetitliche Verquickung, die journalistische Maßstäbe nach unten absenkte. Möglicherweise sollte das Erste Deutsche Fernsehen erstmal seine eigene Verstrickung klären - vielleicht in der kommenden Woche bei Beckmann?

Kleine Fußnote am Rande: Dr. Andreas Schmid ist nicht nur Arzt beim Team Telekom, der Freiburger Uniklinik und am Olympiastützpunkt, sondern auch Mannschaftsarzt beim langjährigen Bundesligisten SC Freiburg. In der Kartei des berüchtigten Dr. Fuentes stehen neben den "Fuentes Fifty" aus dem Radsport angeblich auch ca. 50 Fußballspieler, darunter auch Stars von Real Madrid und dem FC Barcelona - wahrscheinlich wird es in naher Zukunft auch Enthüllungen aus Europas Sportart Nummer Eins geben, obwohl es im Fußball ja bisher kaum ernstzunehmende Kontrollen gibt.

Zukunft mit "Konstrukteurswertung"?

Respekt für einen Bert Dietz, der zumindest einige Rösser und Reiter offen nennt und sich damit aus der "Familie" des Profiradsports verabschiedet hat. Ob allerdings dadurch andere ermutigt werden, sich Dietz anzuschließen und die Wahrheit zu sagen, bleibt abzuwarten - und hier geht es "nur" um Vergangenheitsbewältigung. Ein Kronzeuge für die aktuelle Aufarbeitung der Doping-Praxis fehlt bisher, mit Ullrich, Basso, Landis böten sich drei Kandidaten dafür an.

Der Radsport verfügt über das ausgefeilteste Kontrollsystem aller Sportarten, er hat hier eine Vorreiterrolle übernommen. Dietz fordert eine Amnestie für alle früheren Vergehen, um besser aufarbeiten zu können und einfacher Zeugen für eine dopingfreie Zukunft zu gewinnen. Für die EPO-Ära ist das unproblematisch, da vermutlich ohnehin kein großer Erfolg ohne das damalige Wundermittel zustande gekommen ist, aber nach 2001 wird es ja erst wirklich kompliziert. Die Fahrer (und die Teams!) sollten in Zukunft noch härter bestraft werden, gleichzeitig braucht der Sport Transparenz und Ehrlichkeit. Oder man zieht sich auf die Seite der Zyniker zurück: Die holländische Zeitung "De Volkskrant" fordert die Einführung einer "Konstrukteurswertung" wie bei der Formel 1 – für Teamärzte...


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