Jahresrückblick 2007 Im Zeichen der Spritze


Nichts hat das Sportjahr 2007 so sehr geprägt wie das Thema Doping. Mit Marion Jones, Martina Hingis oder Romario wurden Weltstars überführt, aber eine andere Sportart zerstörte sich in nie gekannter Weise selbst und hinterlässt am Ende des Jahres ein Trümmerfeld ohnegleichen: der Radsport.
Von Nico Stankewitz

Wenn man die Geschichte des ablaufenden Radsportjahres Revue passieren lässt, sind es weniger spektakuläre Sprints oder zermürbende Alpenpässe, die in Erinnerung geblieben sind, sondern Pressekonferenzen, TV-Studios, Ärzte, Kliniken, Labore, weinende Fahrer, ängstliche Sponsoren und zornige Fans.

Auftakt als Fanal

Das erste mediale Großereignis, das dieses schwärzeste Jahr in der Geschichte dieses Sports einläutet, findet am 26. Februar statt: Der Rücktritt von Jan Ullrich, dem gefallenen Liebling der deutschen Sportfans. Es ist kalt und windig in Hamburg, über die Außenalster ziehen dunkle Regenwolken. Die Medienvertreter schleichen ins Interconti-Hotel, das auch schon bessere Tage gesehen hat. In der betulichen Umgebung des Ballsaals wirkt Jan Ullrich mit seinen ausgestellten Siegertrikots seltsam deplaziert. Ein Hauch von Endzeitstimmung liegt unter den prächtigen Lüstern, vielleicht so, als würde hier eine Epoche zu Grabe getragen.

Ullrich selber ist an diesem Tag nicht weiter wichtig. Verbittert und verzweifelt, wie ein bockiger kleiner Junge, dem man das Spielzeug weggenommen hat, verliest er einen kaum gebremsten Schwall von Halbwahrheiten und unsinnigen Anschuldigungen. Unrechtsbewusstsein kommt nicht vor: "Ich habe nie betrogen!" behauptet der Toursieger von 1997 vor den verlegen mit den Füßen scharrenden Zuhörern. Nach einer 20-minütigen Tirade erklärt der sichtlich nervöse Ullrich seinen Rücktritt vom aktiven Sport, um 11.21 Uhr ist an diesem 26. Februar die Laufbahn des Radprofis Jan Ullrich nun auch offiziell beendet. Man hatte auf diesen kleinen magischen Moment gewartet, auf das leise Rauschen des Mantels der Geschichte, aber es kam so banal rüber wie der restliche Vormittag. Irgendwie ahnt man es in Hamburg schon, diese Pressekonferenz setzt den Ton für ein Jahr voller Lügen, voller Heuchelei und voller an Realitätsverlust grenzenden Selbstbetrugs.

Bert Dietz und die Vergangenheitsbewältigung

Drei Monate später beginnt eine Woche im Mai für die allermeisten Sportfans und Journalisten mit einer Entdeckung: Es gilt einen außerhalb von Fachkreisen unbekannten Radprofi kennenzulernen, einen, der in seiner Profilaufbahn praktisch nur hinterhergefahren ist, nie an der Tour de France teilgenommen hat und sich in den sieben Jahren seit dem Ende seiner aktiven Karriere mit einem Sportartikelversand abmüht - zuvor ein Niemand in der Öffentlichkeit: Bert Dietz. Dieser Mann sitzt nun bei dem journalistisch bemühten, aber überforderten Reinhold Beckmann und gesteht öffentlich: "Bei Telekom wurde systematisch gedopt."

Die ARD bemüht sich mit großem Getrommel, das Geständnis, die "Epo-Beichte", zum Thema der Woche hochzustilisieren - mit Erfolg. So findet sich ein Bert Dietz auf den Titelseiten aller Zeitungen wieder, fast ausnahmslos Publikationen (gleiches gilt natürlich auch für die TV-, Hörfunk- und Internetberichterstattung), die während seiner Profilaufbahn nicht ein Wort über den Leipziger verloren hatten. Doch so unwichtig Dietz als Fahrer auch war, seine gut bezahlte TV-Beichte ist der erste Dominostein, der in den folgenden Monaten den professionellen Radsport in Deutschland nahezu vernichten wird. Erstmals nennt jemand Ross und Reiter, der vormalige Telekom-Teamchef Walter Godefroot und die beiden Ärzte der Freiburger Universitätsklinik werden namentlich genannt - plötzlich hat Doping ein Gesicht.

Eine Pressekonferenz als versuchter Neuanfang

Nur wenige Tage hält der Telekom-Konzern dem öffentlichen Druck stand, dann entschließt die Kommunikationsabteilung von T-Mobile sich, einen Befreiungsschlag zu versuchen. Das Ambiente könnte kaum unterschiedlicher als bei Ullrichs Abschiedspressekonferenz sein: eine kalte, abgehängte Halle im Hauptsitz des Kommunikationsgiganten gegen den vergilbten Plüsch im Interconti an der Außenalster. Im Mittelpunkt der mit Spannung erwarteten Veranstaltung steht überraschenderweise nicht das Geständnis des Sportlichen Leiters Rolf Aldag, sondern das Bekenntnis von Erik Zabel, des ersten Weltstars, der zumindest versuchtes Doping eingesteht. Schon die Präsenz des ehemaligen Fahrers auf dieser Pressekonferenz ist außergewöhnlich, schließlich steht Zabel seit 2006 nicht mehr bei T-Mobile, sondern beim deutsch-italienischen Team Milram unter Vertrag.

Bedeutsamer für die Zukunft des Radsports als Zabels Geständnis "1996 für eine Woche" Epo probiert zu haben, ist aber die umfassende Beichte von Rolf Aldag, Sportlicher Leiter von T-Mobile, der jahrelanges und systematisches Doping zugibt -und der dennoch als geläuterter Sünder vom Team weiterbeschäftigt werden soll. Ob das die richtige Entscheidung des Managers Bill Stapleton war, muss bezweifelt werden. Vielleicht ist hier schon der Zeitpunkt verpasst worden, einen wirklichen Neuanfang einzuleiten und das Engagement von T-Mobile zu bewahren. Der Sponsor bekräftigte hier jedenfalls noch, sein Engagement fortzusetzen und seine Verantwortung wahrzunehmen - im Nachhinein wohl ein folgenschwerer Fehler.

Die Tour: Vier Katastrophen in einer Woche

Die Tour beginnt harmlos, mit beeindruckender Stimmung und einer Riesenresonanz beim Auftakt in London, wo die reservierten Briten eine Radsport-Begeisterung offenbaren, die sie sich vermutlich selbst nicht zugetraut hätten. Der dunkle Schatten scheint sich im Verlauf einer sportlich interessanten, ansonsten aber erfreulich ereignisarmen ersten Tourwoche langsam zu verziehen, erst Recht nach dem "Linus-Tag", als am französischen Nationalfeiertag der junge Westfale Linus Gerdemann mit einer Triumphfahrt die erste Alpenetappe gewinnt und das Gelbe Trikot erobert.

Doch schon zwei Tage später, am ersten Ruhetag, bricht die schöne neue Scheinwelt zusammen. Die positive Trainingsprobe von Patrick Sinkewitz (veröffentlicht 40 (!) Tage später) sorgte für den Ausstieg der deutschen Fernsehanstalten und eine erste große Welle der Doping-Empörung. Für die Sponsoren in Deutschland ist der Ausstieg des Fernsehens ein weiterer harter Schlag, an dem insbesondere Gerolsteiner und T-Mobile hart zu knabbern haben. Besonders abstrus ist diese Situation, weil insbesondere die ARD sich lange nahezu kritiklos in der Doping-Welt bewegte. Zu den Hochzeiten des Epo-Konsums war das "Erste" als Co-Sponsor des Team Telekom aktiv und stolz auf die "Eins" auf dem Trikot der Helden. Kritischer journalistischer Umgang mit Doping fand damals in Deutschland kaum statt, der Gedanke, dass nicht nur Festina systematisches Doping betrieb, fand kaum Eingang in die Berichterstattung. Erstaunlich wie das vermeintlich "saubere" Team Telekom trotzdem gegen gedopte Festina-Fahrer gewinnen konnte - heute wissen wir mehr, damals aber für den Medienpartner des Teams ein offenbar unzulässiger Gedanke.

Ausgerechnet Winokurow

Die nächste Riesenwelle erschüttert dann die Tour in ihren Grundfesten, als der langjährige Telekom-Fahrer und Ullrich-Freund Alexander Winokurow in einem der unverschämtesten Dopingmanöver der Sportgeschichte sich für das erste Einzelzeitfahren und die zweite Pyrenäenetappe mit Fremdblut in Form bringt und prompt erwischt wird. Ausgerechnet Winokurow, der "Man in Black", der schon vor der Tour im Fadenkreuz der Dopingfahnder stand und dessen Teamkollegen Mazzoleni und Kessler zuvor suspendiert worden waren, ausgerechnet einer dieser wenigen verbliebenen Stars wird erwischt und beendet damit nicht nur seine Karriere unrühmlich und unvollendet.

Spätestens jetzt gilt ein Generalverdacht gegen das Feld, genährt durch den unappetitlichen dänischen Spitzenreiter Michael Rasmussen, der vier Dopingtests vor der Tour verpasst hat und nur aus formalen Gründen nicht aus dem Verkehr gezogen werden kann. Hier zeigt sich die innere Zerrissenheit des Radsports nun ganz deutlich: Während der Weltverband UCI und die ASO sich gegenseitig die Schuld dafür zuschieben, dass der Kletterer überhaupt am Start steht, gibt seine niederländische Rabobank-Mannschaft eine klägliche Figur ab. Teamchef Theo de Rooy zaudert eine Woche lang, hin- und hergerissen zwischen Erfolgshunger und einer klaren Linie im Kampf gegen Doping. Als er über eine Woche nach den Veröffentlichungen endlich reagiert, ist der Schaden längst angerichtet, betrogen fühlen sich die Zuschauer zu Hause und an der Strecke, denen der Däne einen guten Teil der Freude am Rennen geraubt hat.

Ebenso wenig freuen kann man sich außerhalb Spaniens über den neuen Toursieger Alberto Contador. In seiner Heimat wird der neue Toursieger hymnisch gefeiert, wie es seit dem Ende der Ära Indurain keinem Radprofi mehr passiert ist. Nach Abzug von Nationalstolz bleiben jedoch offene Fragen, denn die Unschuld von Contador scheint nicht schlüssig bewiesen worden zu sein. Warum der Spanier auf der Liste von Dr. Fuentes erschienen ist, ob irgendwo Blut lagert, das möglicherweise Spaniens jungem Helden zugeordnet werden könnte.

Der Exodus der Sponsoren - das Ende

Nach der Tour macht sich Katerstimmung in Deutschland breit. Als erster Großsponsor zieht Gerolsteiner die Konsequenz, steigt aus dem professionellen Radsport aus. Ausgerechnet Gerolsteiner, die so etwas wie der bodenstämmige Gegenentwurf zur glitzernden Radsportwelt von T-Mobile sind, solide und nie zwei Schritte auf einmal machend. Mit dem Ausstieg des Mineralwasserproduzenten endet diese Erfolgsgeschichte und die Zukunft des Teams, das mit Stefan Schumacher, Markus Fothen, Fabian Wegmann und Sprinter Robert Förster gleich vier deutsche Hoffnungsträger in ihren Reihen hat, ist stark bedroht. Einziger Lichtblick für die Mannschaft: Es bleibt noch Zeit, denn Gerolsteiner wird erst nach Vertragsende im Oktober 2008 aussteigen, noch kann das deutsche Topteam die Suche nach einem neuen Geldgeber in Ruhe fortsetzen.

Der Schlussakkord in dem grausamen Radsportjahr hat dann keinen Eventcharakter mehr. Eine nüchterne Erklärung auf der Internetseite des Teams verkündet den Ausstieg von T-Mobile aus dem Radsport, Ausrüster Adidas folgt wenige Tage später. Systematisch wurde der größte Sponsor vergrault, das Werbeumfeld in Deutschland dürfte noch für längere Zeit vollkommen vergiftet sein. Der professionelle Radsport in Deutschland ist am Ende, Bob Stapleton will seinen Rennstall unter dem Namen "High Road" nun von den USA aus weiterführen. 15 Jahre dauerte die Blütezeit des Radsports in Deutschland, während Frankreich die Festina-Affäre und Italien die Razzia von San Remo und die Ereignisse um das Idol Marco Pantani gut verkraftet haben, scheinen in Deutschland nach dem Skandal die Lichter auszugehen. Schade für alle, die noch den großen Zeiten nachtrauern, aber die logische Konsequenz aus dem massenhaften Fehlverhalten einer Szene und seiner Protagonisten.


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