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Lance Armstrong: Die Rückkehr des gelben Giganten

Nach vierjähriger Abwesenheit kehrt der erfolgreichste Tourteilnehmer aller Zeiten zum größten Radrennen der Welt zurück. Die schiere Präsenz von Lance Armstrong, dessen aktuelles Leistungsvermögen schwer einzuschätzen ist, hat kritische Stimmen in den Hintergrund gedrängt. Sogar im skeptischen Frankreich wird der umstrittene Texaner bejubelt wie noch nie in seiner Karriere.

Von Nico Stankewitz

Einst war Lance Armstrong ein ungestümer Draufgänger, ein bärenstarker Etappenjäger, der viele taktische Fehler machte und sich zu einem Klassikerspezialisten zu entwickeln schien. Nach seiner Krebserkrankung kehrte 1999 ein anderer Fahrer zurück nach Frankreich, ein Mann, bei dem die Krankheit alles verändert hatte, sein Gewicht, seinen Stil, vor allem aber seine Lebenseinstellung und seine Disziplin. Armstrong wurde zu einem besessenen Tüftler, einem Disziplinfanatiker, der sein Team und sein Leben komplett auf diese drei Wochen im Juli ausrichtete. Sieben Toursiege in Folge schaffte er und wurde zu Lebzeiten zur Legende, die nun bei seiner Rückkehr sogar die Tour selber in den Schatten stellt.

Neu: Konkurrenz im eigenen Team

Das Medien-Getrommel um Armstrongs Person nahm im Vorfeld dieser Tour schon absurde Züge an, jeder Atemzug des Champions wurde genauestens registriert. Doch Armstrong wäre nicht der große Taktiker, der er geworden ist, wenn er nicht seine bekannten Psycho-Spielchen treiben würde. Wenn der siebenmalige Gesamtsieger tatsächlich stark genug ist, um hier wieder eine ernsthafte Siegchance zu haben, lässt er darüber die Konkurrenz im Unklaren.

Doch auch Armstrong hat es hier mit einer für ihn vollkommen neuen Situation zu tun: Sein größter Konkurrent fährt mit dem Spanier Alberto Contador in seinem eigenen Astana-Team, für Armstrong, der in einer Art "Wagenburg-Mentalität" immer seine Leute um sich geschart hat (Motto: "Wir gegen den Rest der Welt") , denn er hat in all den Jahren sehr deutlich von der absoluten Führungsrolle profitiert, die er immer beanspruchte. Jetzt sind die Loyalitäten im Team unklar, die beiden hochbezahlten Tophelfer Leipheimer und Klöden geben sich diplomatisch und neutral, in ihrem Interesse ist wohl vor allem ein Sieg des Teams.

Dopingthema im Hintergrund

In den Hintergrund getreten sind unterdessen in der Öffentlichkeit die immer wieder kehrenden Gerüchte über Armstrongs Doping-Vergangenheit. Frankreichs große Sportzeitung "L'Equipe" hat ihren Feldzug gegen ihr altes Feindbild offenbar eingestellt, dafür bekommen sie vom Champion jetzt exklusive Interviews und Einblicke - ein absolutes Novum in dieser lange belasteten Beziehung. Und auf Frankreichs Straßen und Plätzen spüren die Menschen jetzt eine andere Aura, als in den sieben großen Jahren. Sie spüren, hier fährt kein normaler Radprofi mehr, hier fährt eine lebende Legende.

Und so huldigen sie dem einst als "kalten Rechner" geschmähten "arroganten" und "eingebildeten" Radprofi aus Austin/Texas wie noch nie in seiner bewegten Karriere. Ein Mann bekommt Respekt für sein Lebenswerk, alle wollen ihn "noch einmal" sehen oder mit ihm auf ein Foto. Und die Tour? Sie labt sich an seinem größten Dominator und saugt gierig den Ruhm ein, der von Armstrong auf das Radrennen abfärbt. Hatten ehemalige Tourdirektoren noch gerne behauptet: "Die Tour macht Stars, nicht Stars machen die Tour", müssen sich die Organisatoren im Jahr 2009 mit einer anderen Realität abfinden. Selbst der spektakuläre Feldzug des belgischen Weltklassesprinters Tom Boonen, der auf juristischem Weg einen Start erzwungen hat, obwohl er wegen wiederholten Kokainkonsums gesperrt ist, wurde außerhalb Belgiens kaum wahrgenommen. Zu übermächtig die mediale Präsenz Armstrongs, der tatsächlich mächtiger als je zuvor zu sein scheint.

Erster Moment der Wahrheit im Fürstentum

In Monaco, auf dem Grand-Prix-Kurs von Monte Carlo, wird Armstrong am Samstag bei dem anspruchsvollen Prolog erstmals seine Karten aufdecken müssen. Favoriten sind hier eigentlich andere, wie der Schweizer Olympiasieger Fabian Cancellara (Saxo Bank) oder Deutschlands Nachwuchshoffnung Tony Martin (Columbia), Prologspezialisten, die hier im Fürstentum schon den wichtigsten Tag der ganzen Rundfahrt haben, aber alles schaut natürlich auf die Favoriten und besonders auf den Altmeister und seinen legitimen Nachfolger, Armstrong und Contador (beide Astana).

Das Streckenprofil dürfte in diesem Jahr für selten gekannte Hochspannung bei der Tour sorgen, denn die Entscheidung wird wohl erst am vorletzten Tag der Rundfahrt fallen - ausgerechnet am Mont Ventoux, dem kahlen Riesen der Provence, dem Berg, an dem Tom Simpson vor vier Jahrzehnten sein Leben lassen musste. Hier könnte es zum ultimativen Showdown der Protagonisten kommen - eine bessere Szenario ist dafür wohl kaum vorstellbar

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