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Lauf-Seminar mit "Iron Man": Mach' den Schweinehund glücklich

Schneller, höher, weiter - vielen Hobbyjoggern verdirbt Übereifer die Freude am Sport. Wer sich dann noch einen "Iron Man" als Trainingspartner sucht, ist selber schuld - und lernt, dass für ein zufriedenes Läufer-Ego realistische Ziele und gute Planung (fast) alles sind.

Von Nils Schmidt

Motivations- und Fitnessseminare sind eine feine Sache. Nach einem üppigen Frühstück zusammen mit anderen mäßig motivierten Mittelklasse-Sportlern lässt man sich Weisheiten über "die Komfortzone, die es zu verlassen gilt" oder die "Big Points im Leben" und den "Schalter im Kopf" gerne gefallen. Wohl wissend, dass in wenigen Tagen wieder der Alltag einkehrt und man sich - wenn überhaupt - vom heimischen Wohngebiet in das nächste Waldstück und zurück quälen wird. Der innere Schweinehund, das schlechte Jogger-Gewissen will schließlich zufrieden gestellt werden. Völlig durchgeschwitzt wird man nach einer Langstrecke von drei Kilometern seine eilig gekaufte Trainingsjacke mit der Atmungsaktivität eines Müllsackes in die Ecke werfen. Mit Kopfschütteln wird man sich daran erinnern, wie viel Ausdauer und Sportlichkeit man sich doch einreden lassen konnte.

So durchschnittlich-vorhersehbar der Tag auf dem Gut Sonnenhausen im Hinterland Münchens begonnen hat, aktiv geht er weiter. Der Dozent hat schließlich bei 45 °C die Wüste Gobi und bei Minus 15 °C die Winterlandschaft Alaskas in Rekordzeit per Rad durchquert. Heute möchte ich mich an ihm messen. In der funktionalen Trainingskleidung stimmt mein Mikroklima. Nun will ich den Makroerfolg - dem Fitnesstrainer meine Laufklasse beweisen.

Der eigene Rhythmus zählt

Hubert Schwarz ist kein Ottonormal-Sportler. 1985 absolvierte der Mann aus dem bayrischen Roth seinen ersten von drei knallharten hawaiischen Triathlons - den Iron Man. Als erster Deutscher quälte er sich 1991 in zehn Tagen über 5000 Rad-Kilometer beim Race Across America. Am Anfang wollte er zu viel und trank zu wenig, dehydrierte und zog sich durch seine Unkonzentriertheit Stürze zu. Mit Fleischwunden und einem Abszess am Hintern stand er nach dem dritten Tag vor der Aufgabe, am toten Punkt. "Mein Fehler war, mich zu sehr an den anderen zu orientieren. Ich musste erst meinen eigenen Rhythmus finden", sagt Schwarz. Ich mache lockere Dehnübungen, lasse mich von seinen Erfahrungen berieseln und bin startklar.

Vor dem Beginn des Laufs erzählt der Extremsportler mit dem Schnauzbart eine Geschichte, die man aus der Werbung kennt. "Auf der Flucht vor einem Bären, musst du nicht schnell sein. Nur schneller als deine Begleiter." Dann setzt sich der drahtige Mann in Bewegung. Die gesamte Laufgruppe versucht, mit ihm Schritt zu halten. Am Anfang fliegen meine Füße, ich überhole sogar. Von asphaltierten Wegen geht es hinein in ein kleines Waldstück. Die Luft ist herrlich frisch.

Endorphinrausch und Outdoor-Faktor

"Ich selbst muss immer meine Grenzen erweitern. Es geht nicht darum der Beste zu sein. Allein das Erfüllen eigener Ziele sorgt bei mir für einen Endorphinrausch", ruft mir Schwarz zu. Nach zehn Minuten windet sich der Weg durch schwieriges Terrain. Matschige, von Pflanzen bewachsene Wege und das relativ hohe Tempo kosten Kraft. Ich falle ins Mittelfeld zurück. Der Outdoor-Faktor gefällt dem Trainer. Er scheint seine Lauf-Weisheiten tatsächlich verinnerlicht zu haben. Schwarz galoppiert behende aus meinem Sichtfeld. Ich versuche krampfhaft dranzubleiben. Beinahe rutsche ich in einer Schlammlache aus. Wenigstens habe ich auf das richtige Schuhwerk mit Seitenstabilisatoren und bequemen Sohlen geachtet.

Mit einem letzten Sprung über einen Baumstamm hetzen wir aus dem Unterholz. Die Gruppe reißt endgültig auseinander. Hubert Schwarz ist der pausenlose Forrest Gump. Und ich der atemlose Joschka Fischer. Während er läuft und läuft, und dabei mit seinen Ausdauer-Spezis plauscht, muss ich eine Pause machen. Neben einer Viehweide hechle ich nach Luft. Mit einem Stechen in der Seite bezahle ich für mein hohes Anfangstempo. Ich denke an ein Motivations-Gleichnis von Schwarz. Kleinen Kindern würde das permanente Hinfallen auf der Skipiste nichts ausmachen, Erwachsenen schon. Ich setzte mich wieder in Bewegung. Schweißdämpfe dringen durch die Membran meines Shirts nach außen.

Die Fehler des Hobbyjoggers

Der Laufsport ist in Deutschland zum Massensport geworden. In den letzten sieben Jahren hat die Zahl der Jogger zwischen Kiel und Bodensee um 3,5 Millionen auf gut 17 Millionen im Jahr 2005 zugenommen. Hobbysportler trainieren oft mit viel zu hohem Puls und ohne Nachdenken über Ausrüstung und die eigenen Möglichkeiten. Ich müsse in gleichmäßigen Intervallen und unter stetigen Anforderungssteigerungen trainieren, sagt Schwarz. "Danach kann man dieselbe Leistung mit einem geringeren Puls erbringen." Zur Zeit seiner Iron Man- und Ultra Man-Teilnahmen hatte der Extremsportler einen Ruhepuls von 45. Ich dagegen fühle mich wie ein Duracell-Hase auf Speed. Mittlerweile habe ich meinen eigenen Lauf-Rhythmus gefunden und mich in eine Gruppe von Gleichstarken einsortiert. In der Beinmuskulatur stecken nur noch fünf statt fünfzig Nadeln.

Die Pläne meiner Bierlaune, beim Berlin-Marathon mit etwa 38.000 Teilnehmern teilzunehmen, habe ich jedoch längst begraben. "Aber wenn sich ihr Kopf über das Ziel im Klaren ist, ordnet sich ihr Körper unter und bringt die Leistung", ist sich Schwarz sicher. Auf die Frage, wie man sich im Alltag, nach der Arbeit, zum Laufen motivieren kann, weiß er jedoch keine Antwort. Auch nicht, wie kontinuierlich aufgebaute Sportler wie Martin Schmitt oder Sebastian Deisler ein Burn-Out treffen kann. Solche Fragen stellt sich Hubert Schwarz nicht. Er hat das Wort "Schwäche" einfach aus seinen Gedanken verbannt.

In der Gruppe der Abgehängten komme ich ins Ziel. Wir sind nicht einmal letzte geworden. Ich kann nur an Essen und eine prickelnde Apfelschorle denken. Schwarz berichtet schon von neuen Plänen. Bei einem "Care-Lauf" will er über 50-Jährige durch Amerika begleiten und danach die "Seven Summits", die jeweils höchsten Berge der sieben Kontinente, besteigen. Ich werde mich auf die Suche nach anderen Trainingspartnern begeben müssen. Wenigstens habe ich in den neuen Schuhen keine Blasen bekommen und in meinem Teflon-Shirt einen fitten Eindruck hinterlassen. Jedem Lauftyp sein Erfolgserlebnis. Dann ist auch der innere Schweinehund zufrieden.

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