HOME

Leichtathletik-EM: "Das war ein perfektes Rennen"

Jan Fitschen kann es selbst noch nicht glauben, dass er über 10.000 Meter Europameister wurde. Nach einer durchzechten Nacht macht sich der Physikstudent Gedanken, wie er demnächst auch die starken Afrikaner besiegen kann.

Europameister Jan Fitschen hat nach seinem Sensationslauf zum Titel über 10.000 Meter nur eine kurze Nacht gehabt. Der 29-Jährige stand schon am Mittwochmorgen wieder vor dem Ullevi- Stadion in Göteborg, wo er am Abend zuvor seinen größten Triumph gefeiert hatte. "Ich war völlig überdreht, nachdem wir bis vier Uhr morgens rumgezogen sind und sich das Bett gedreht hat. Vor dem Stadion habe ich gedacht: "Au, was ist da passiert", erzählte Turbo- Fitschen. Sein grandioser Schlussspurt zum Sieg vorbei am spanischen Duo in 28:10,94 Minuten mit über neun Sekunden unter seiner Bestzeit erinnerte an den Olympiasieg von Dieter Baumann 1992 in Barcelona. Der hatte in ähnlicher Manier über 5000 Meter den führenden Afrikanern die Show gestohlen.

"Das war ein perfektes Rennen, ich habe alles richtig gemacht", sprudelte es aus dem Physikstudenten vom TV Wattenscheid heraus, der mit der "zweiten Luft" den Turbo gezündet hatte und auf der Überholspur ein grandioses Rennen hinlegte. "Das ist eine unglaubliche Sache, ich kann es immer noch nicht glauben. Man muss zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle sein", formulierte er sein Erfolgsrezept. Als Fitschen vor dem letzten Kilometer, den er in 2:30 Minuten absolvierte, nur Vierter mit 10 bis 15 Metern Rückstand war, habe er sich gesagt, das ist "total bescheuert und die Zähne zusammengebissen". Rang drei habe ihm Auftrieb gegeben. Als er dann schnell zu den Spaniern auflaufen konnte, beseelte ihn nur noch ein Gedanke: "Das ist Deine Chance, das schaffst Du." Er habe die letzte Runde zwei Mal im Fernsehen gesehen, da sei "ein Schauer den Rücken runter gelaufen". In der ARD war dieser Erfolg nicht mehr zu erleben, die Übertragung war vorher beendet worden.

"Weitere Schritte nach vorne machen"

Auch sein Trainer Tono Kirschbaum hoffte zunächst auf eine Medaille und wurde immer zuversichtlicher: "Der Abstand wurde peau à peau geringer und ich wusste, hinten raus hat er diesen Kick. Wenn er Leute riecht, ist er nicht mehr zu halten. Ich wäre fast kollabiert." Für Fitschen, der sich in insgesamt 13 Wochen Höhentraining auf dieses Rennen vorbereitet hat und dafür selbst etwa 3000 Euro investierte, stimmte nicht nur die Renntaktik. Den Verzicht auf die Hallen-WM in Moskau und die Entscheidung für die 10.000 statt der 5000 Meter stuft er als genauso richtig ein. In Zukunft will er "weitere Schritte nach vorne machen", um auch gegen die Afrikaner bestehen zu können. "Wenn ich eine Chance geboten bekomme, will ich sie auch nutzen", sagte der ehrgeizige Fitschen und hofft, dass sich der EM-Titel auch finanziell ummünzen lässt: "Bisher habe ich noch keine Million auf dem Konto."

Zum Doping fordert der Europameister, für die Kontrollen Blutkonserven einzufrieren, Gefängnis- und hohe Geldstrafen. "Wir ziehen unser Ding ohne diesen Scheiß durch. Natürlich ärgert man sich maßlos." Bei "Schwabenpfeil" Baumann imponieren ihm die grandiosen Erfolge, ansonsten sieht er eher Gegensätze. "Ich bin Fitschen und mache mein eigenes Ding. Dieter macht keine Kompromisse, damit komme ich nicht klar", sagte Fitschen. Er ist einem Bier nicht abgeneigt und nascht auch gerne Schokolade. Im Zusammenhang mit der Dopingsperre von Baumann war Fitschen 2001 bei der Hallen-WM vom Weltverband IAAF ausgesperrt worden, weil er gegen Baumann gerannt war, der sein nationales Startrecht erzwungen hatte. Bei der EM in München 2002 hatte sich Fitschen drei Tage zuvor einen Virus eingefangen und musste verzichten - in Göteborg hat er nun alles nachgeholt.

Peter Juny/DPA / DPA
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity